50 Jahre Verbrecherjagd: Aktenzeichen X/Y ungelöst – Teil 1

Wer kennt den Klassiker nicht? Für Krimiserien wie Der Alte und Derrick war man noch zu jung, aber Aktenzeichen XY durfte man mitsehen. In diesem Format werden reale Verbrechen nachgestellt, im Anschluss erläutert ein Kommissar nochmals den Tathergang und stellt wichtige Fragen dazu. Nebenbei gibt es Personenfahndungen, die vom Moderator präsentiert werden. Vor genau 50 Jahren wurde erstmals im ZDF nach Verbrechern gesucht. Aber fangen wir vorne an. Und das liegt schon einige Jahre zurück…

Der geneppte Bauer

Der gute Eduard Zimmermann weiß, wie man eine Frau glücklich macht: mit einem Haus. Gesagt, getan. Bald darauf wird das Fertighaus geliefert und ein glückliches Ehepaar zieht mitsamt zwei Kindern ein. Nun gut, die Freude dürfte sich in Grenzen gehalten haben, denn es fehlte ein elementarer Bestandteil zum Glück: das sprichwörtliche Dach überm Kopf.

Wir haben es wirklich erst dann gesehen als das Haus stand. Und irgendwie haben wir gedacht, na ja jetzt ist 18 Uhr, das Dach wird schon noch kommen. Aber es kam Regen – und kein Dach.
Markus Lanz 27.03.2013

Zimmermann schloss zwar einen Vertrag über die Lieferung und Montage eines Schwedenhauses ab, aber von einem Dach war keine Rede. Jetzt könnte man vermuten, dass so etwas dazugehört, aber der nette Bauleiter war da anderer Meinung:

Gabler [Anm.: Name geändert] tut so, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, kein Dach auf einem Haus zu haben. „Wir haben das nicht mehr im Angebot. Der Geschmack der Leute hat sich geändert; die lassen sich hier ihr eigenes machen.“
[…]
„In unserem Vertrag, den Sie unterschrieben haben, steht kein Wort von einem Dach. Das wäre eine Sonderleistung. Würde mindestens 50 000 Mark extra kosten.“
Eduard Zimmermann – Auch ich war ein Gauner, 2005; Seite 230

Das führte nicht nur dazu, dass sich Zimmermann ärgerte und wohl einige blutdrucksenkende Medikamente benötigte, sondern auch dass er andere vor solchen Betrügern warnen wollte. Zwar schrieb er gelegentlich für die Zeitung, aber das hätte keine deutschlandweite Aufmerksamkeit erregt. Über das Medium Fernsehen erreichte man mehr Leute. 1964 fiel der Startschuss für die lange und erfolgreiche Reihe Vorsicht Falle! – Nepper, Schlepper, Bauernfänger, die bis 2001 lief, ab 1997 allerdings unter der Moderation von Sabine Zimmermann. (Um Verwirrungen zu vermeiden, wird sie ab jetzt bei ihrem Vornamen genannt, da sie, o Wunder, denselben Nachnamen trägt wie ihr Vater.) Auch hier wurde schon im kleinen Rahmen gefahndet, allerdings „nur“ nach Betrügern. Wieso also nicht das Konzept erweitern und sich mit der Polizei zusammentun? Anstatt Gaunern sollten nun Verbrecher gesucht werden. Während sich die Serie primär der Vorbeugung widmete, sollte sich das neue Format ungeklärten Fällen zuwenden, bei denen die Polizei nicht mehr weiter weiß. Die Idee für Aktenzeichen XY… ungelöst war geboren. Aber es sollte noch einige Jahre dauern, ehe man in Produktion ging.

Von der Vorbeugung zur Fahndung

Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung einzusetzen – das, meine Damen und Herren, ist der Sinn unserer neuen Sendereihe „Aktenzeichen XY …ungelöst“, die ich Ihnen heute vorstellen möchte.
– Eduard Zimmermann

Mit diesen Worten leitete Zimmermann am 20. Oktober 1967 die Fernsehfahndung ein. Ausstrahlungsort war in den ersten Jahren Wiesbaden. Ab da hieß es jeden Freitag: „Und nun bittet die Kriminalpolizei wieder um Ihre Mithilfe.“ (Strenggenommen bittet sie erst seit 2002, zuvor fehlte dieser Satz nach dem Intro.)

Was war so besonders daran? Natürlich brachten auch Nachrichtensendungen aktuelle Fahndungen, doch ein eigenes Format, das sich darauf konzentrierte, kannte man bis dato noch nicht. Groß war die Angst, dass es nicht angenommen werden würde. Unsere Vergangenheit brachte es mit sich, dass man sich vor der Diffamierung als Denunziationssendung fürchtete. Doch dies blieb unbegründet, es kam während der ganzen Zeit zu keiner Falschbeschuldigung. Vielleicht auch, weil die Gespräche aufgezeichnet werden und man sich – sofern es die Person angeben möchte – nach dem Namen erkundigt. Natürlich regten sich die 68er etwas auf und es gab auch den ein oder anderen Kritiker; Ulrike Meinhof schrieb einen Artikel über die Sendung („Dem Fernseh-Sheriff muss das Handwerk gelegt werden!“) und Heinrich Böll betitelte das Format als ein „muffiges Grusical für Spießer“. Dieses Grusical gefiel aber knapp 30 Millionen Zuschauern. Die Sendung erreichte Traumquoten von 79 Prozent Marktanteil. Jetzt könnte man spitzfindig sein und behaupten, bei drei Kanälen gäbe es eh wenig Abwechslung. Dennoch ein beachtliches Ergebnis. Die Kritik begleitet das Format bis heute, was den Erfolg (sowohl hinsichtlich der Zuschauer als auch der Aufklärung) aber nicht schmälert. Besonders Sabine hat einen netten Kommentar von ihrer Mutter zur ersten Folge erhalten.

Dann irgendwann habe ich mal die erste Sendung gesehen. Und das Einzige, was mir daran in Erinnerung geblieben ist, dass meine Mutter zu mir sagte: „O kuck mal, die Leiche hat genauso ein grünes Partykleid wie du auch zu deiner ersten Party hattest.“
–  Sabine Zimmermann in Aktenzeichen XY – Ein Klassiker verfolgt seine Zuschauer, 1999

Am Ende der ersten Sendung kam es sogleich zu einer Festnahme. Zwar kein Mörder, aber ein Betrüger (er verkaufte fehlerhafte Melkmaschinen) ging den Fahndern ins Netz. Nicht zuletzt Dank der Zuschauerhinweise. Prompt entschloss man sich, dieses freudige Ereignis den Zuschauern mitzuteilen: Die Geburt der Zuschauerreaktionen, also der Spätsendung, die fortan immer kurz nach elf Uhr am Sendetag ausgestrahlt wurde. Live war es nur noch im ZDF, SF DRS und ORF zeichneten es auf und strahlten es zu unterschiedlichen Zeiten aus. Deshalb sah man auch die Aufnahmestudiomoderatoren nur als Standbild. Die Hinweise und Ergebnisse wurden telefonisch abgefragt. Erst 30 Jahre später gab es eine direkte Bildleitung.
Österreich stieß am 15. März 1968 dazu, die Schweiz folgte im Januar 1969. Die Moderatoren waren Teddy Podgorsky für das österreichische und Werner Vetterli für das Schweizer Fernsehen. Kult wurde Zimmermanns Umdrehen zu den Monitoren, bevor er sagte: „Nun nach Zürich zu Werner Vetterli.“ Am Ende jeder Folge wird in die einzelnen Aufnahmestudios geschaltet und nach ersten Ergebnissen gefragt. Erwähnenswert ist vor allem die Schweiz, denn dort war es fast immer „ungewöhnlich ruhig“, was Konrad Toenz auf den Sommer (mitsamt Ferien) oder die beginnende Weihnachtszeit (die manchmal auch schon im Oktober ausbricht) schob. Leiter des Aufnahmestudios München war Peter Hohl. Was die Filmfälle auszeichnet sind – neben der sehr guten Regie (Kurt Grimm) und Spannungsmusik (Heinz Kiessling und Ernst August Quelle) – die Laiendarsteller. Äußerst selten treten professionelle Schauspieler auf und wenn, dann nur einer pro Film. Iris Berben, Christine Neubauer, Ruth Moschner, Peter Bond (der sich allerdings eher durch andere Filmchen bekannt machte), Anke Engelke und Heiner Lauterbach wirkten schon mit. Trotz der schwachen Schauspielleistung wurden die Filme aber nie lächerlich. Dennoch sorgte es manchmal für ein Schmunzeln, wenn sich Menschen mit einem Dialekt abmühten, den sie anscheinend fünf Minuten vor Drehbeginn lernen durften. Unvergessen ist auch die „Riffelglas-Blende“, wenn ein Ortswechsel vonstattenging. Der Blendeffekt erinnert nicht nur frappierend an Riffelglas, man schob tatsächlich eine Glasscheibe vor die Kameralinse! Kleiner Aufwand, große Wirkung.

Am 12. September 1969 wurde ein anderer Vorspann abgespielt und das Aufnahmestudio verlegt – nach München. Und ein weiteres Novum: Die Niederlande schalteten sich ein mit Moderator Johan van Minnen. Allerdings nur eine Sendung, dann war das Interesse weg. Die Verständigung war doch schwerer als gedacht, da halfen auch Radioübersetzungen (ließ man dann parallel zum TV laufen und die Verwirrung war komplett) nicht viel. Bald aber sollte Holland sein eigenes Format bekommen.
Im April 1970 gab es einen besonderen Studiogast: Innenminister Friedrich Genscher. Der Grund war die 25. Sendung. Im selben Jahr erschien auch das gleichnamige Brettspiel zur Sendung. Podgorsky ging im Dezember 1971. Sein Nachfolger wurde Peter Nidetzky. Zwar gab es das Farbfernsehen schon seit Ende der 60er, durchgesetzt hat es sich hier aber erst 1975. Passend dazu gab es ein neues Intro. Im Juni 1976 wurde der „Weiße Ring“ gegründet. Dieser Verein setzt sich für die Opfer von Verbrechen ein. Die RAF war öfters Thema in den Fahndungen und so verwundert es nicht, dass man zuerst an einen Anschlag glaubt, als im Oktober 1972 im Studio eine Lampe explodiert. 1978 wurde Zimmermann unter Polizeischutz gestellt, was mit Umständen verbunden war: Normalerweise lief er ins Büro, jetzt wurde er gefahren.

Mit Verordnung des polizeilichen Schutzes muss ich den Polizeiwagen früh, mittags und abends telefonisch bei der zuständigen Polizeistation in Mainz-Gonsenheim anfordern. Der braucht für die fünf Kilometer zehn Minuten. Wenn er grade mal anderweitig unterwegs ist, bis zu einer halben Stunde. Für die Kinder der Nachbarschaft ist es bald ein großartiges Event, wenn ich mich vor dem Schwedenhaus in den kleinen Polizeiwagen zwänge und nach 300 Metern – noch in Sichtweite – vor dem Büro wieder herauskrabble. Dem pünktlichen Terminablauf im Büro dient dieses gut gemeinte Schutzprogramm eher nicht.
Als weitere bedrohliche Nachrichten […] ausbleiben, rege ich an, die Gefährdungsstufe herabzusetzen. Die Beamten der Station in Gonsenheim zeigen sich erleichtert.
Eduard Zimmermann – Auch ich war ein Gauner, 2005; Seite 292

Man kann sich gut vorstellen, wie sich ein 1,80 m großer Mann auf den Rücksitz eines Käfers zwängt, nur um keine zwei Minuten später wieder herauszuklettern.
Die RAF beschuldigte ihn nicht nur, die Denunziation zu fördern, sondern auch der Verfolgung von Menschen. Aber Fahndung und Verfolgung sind zwei Paar Schuhe, die wohl nicht jeder auseinanderhalten kann. Doch nicht nur damalige, sondern auch zukünftige Moderatoren machen unangenehme Polizeibekanntschaft dank der Terroristen. Rudi Cerne sah damals Christian Klar sehr ähnlich, was dazu führte, dass er am Flughafen festgenommen wurde. Nachtragend war er der Sendung aber nicht (ein XY-Zuschauer hatte ihn „erkannt“ und die Polizei informiert), denn später trat er die Moderationsnachfolge an. Am 13.07.1979 verabschiedete sich Hohl und an seine Stelle trat Irene Campregher, die mit auffallendem bayerischen Dialekt sprach. Im November 1987 kam es zu einem kleinen Personalwechsel. Zur 200. Sendung ging Campregher in den wohlverdienten Mutterschutz und an ihre Stelle trat Sabine.

Familiennamen kann ich mir sparen, sie ist nämlich meine Tochter.
– Eduard Zimmermann

Zudem wurde der Vorspann geändert:

Computeranimation nennt man das.
– Eduard Zimmermann

und das Studio etwas modernisiert. So sah man hinter Sabine nun die Mitarbeiter, die die Anrufe entgegennahmen.
Zum Jubiläum kamen einige Studiogäste, unter anderem die Moderatoren der diversen Ablegerserien aus dem Ausland, die von Vetterli interviewt wurden. Besonders die Damen hatten es ihm angetan. Zudem gab es ein kleines „Making of“, in dem erklärt wurde, welche Arbeit hinter einer Sendung steckte. Boris Becker war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, was das ZDF zum Anlass nahm, im Juni 1989 Aktenzeichen XY 15 Minuten später auszustrahlen. Die Live-Tennisübertragung sollte nicht unterbrochen werden (verständlich, es war spannend). In der Schweiz und in Österreich lief es pünktlich Viertel nach acht, Deutschland schaltete sich später ein und wiederholte den verpassten Anfang am Ende der Sendung. Man hätte Zimmermann vorher einweihen sollen, denn er wusste nicht genau, was jetzt los war. Mit dem Mauerfall kam auch ein neues Aufnahmestudio hinzu: Berlin Ost, geleitet von Annette Judt. Viele wunderten sich, weshalb beim Telefonhinweis immer noch ausdrücklich auf Ost und West hingewiesen wurde (mittlerweile schrieben wir das Jahr 1990), was einen einfachen Grund hatte: Im Osten gab es noch das alte DDR-Telefonnetz mitsamt Vorwahl. Berlin Ost kümmerte sich um die neuen Bundesländer, während in München die Fälle und Fahndungen der alten Länder behandelt wurden. 1991 war aber – nach nur fünf Monaten – schon Schluss. Der DFF (deutscher Fernsehfunk) wurde aufgelöst und durch den Bau neuer Rundfunkanstalten ersetzt. Zudem war es jetzt möglich, das ZDF in den neuen Bundesländern zu empfangen. Zimmermann weist ausdrücklich darauf hin, dass trotzdem die Fälle aus dem Osten behandelt werden, nur eben von München aus. In Potsdam wurde eine Telefonzentrale eingerichtet.

Neues Design, altes Konzept

1997 war ein bedeutendes Jahr. Man verabschiedete sich endlich von den nie modern gewesenen braunen Studiowänden und machte Platz für ein zeitgemäßes, helles Aufnahmestudio, das etwas mehr Farbe in die doch düstere Angelegenheit brachte. Zudem ging man mit der Zeit und schaltete eine Internetseite bzw. ein E-Mail-Postfach. Mit dem neuen Studiodesign hielt auch ein Personalwechsel Einzug: Zimmermann gab im Oktober seinen Rückzug bekannt. Die Nachfolge traten Sabine und Dr. Butz Peters an. Dass Zimmermann der modernen Technik nicht abgeneigt war, zeigt sich wohl am besten dadurch, dass er das Sicherheitsportal e110 ins Leben rief. Ebenfalls neu war die Computerarbeit. Mike Bartek veränderte dank Photoshop das Aussehen der Verbrecher, sodass sich der Zuschauer leichter einen Bart vorstellen oder wegdenken konnte. Im September 1998 verließ Toenz das Schweizer Aufnahmestudio und wurde durch Stephan Schifferer ersetzt. Nach über 300 Sendungen und unzähligen Filmfällen, nahm Regisseur Kurt Grimm seinen Hut. Die nachfolgenden Filmfälle können mit seinen nicht mithalten und zeichnen sich zeitweise durch solch eine Effekthascherei aus, dass man sich die „gute alte Zeit“ zurückwünscht. 2001 stellte nicht nur Österreich seine Mitarbeit ein (es wurde fortan nachts als Aufzeichnung ausgestrahlt), es gab auch einen neuen Vorspann. Ende des Jahres war es dann so weit: Dr. Peters und Sabine verkündeten ihren Abschied. Während Peters Bücher schrieb (besonders das Thema RAF liegt ihm), arbeitete Sabine verstärkt im Hintergrund mit. Viele wunderten sich, dass die Tatsache zwei Moderatoren weniger zu haben, so schnell und fast unbemerkt abgehandelt wurde.

Für uns steht letzte Endes [sic!] immer die Verbrechensbekämpfung im Vordergrund. Wir nehmen uns nicht so wahnsinnig wichtig, und deshalb wollten wir dem Gehen auch nicht zu viel Gewicht beimessen, denn die Sendung bleibt ja.
Osnabrücker Zeitung, 18. Januar 2002

Wenn das mal nicht bescheiden ist!

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Kilroy

Kilroy wäre gerne Mikrochirurg geworden, musste diesen Traum aber aufgeben. Nun ist er voll von unnützem Halbwissen und weiß nicht, wohin damit. Kilroy schreibt auch gerne, weshalb er sich hier austoben darf. Da er davon aber nicht leben kann, geht er auch noch einer bescheidenen Arbeit nach. Wenn er nicht gerade schreibt oder arbeitet, spielt er am PC oder verschlingt Unmengen an Büchern und Comics.

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