Alcatraz – Eine Legende (Teil 3)

Alcatraz mit seinen rund dreißig kleinen, einsehbaren Einzelzellen galt als absolut ausbruchsicheres Hochsicherheitsgefängnis für Amerikas Schwerstkriminelle – aber es gibt eine unumstößliche Wahrheit: kein Gefängnis ohne Ausbruchsversuche.

In eisigem Wasser gelegen, von tückischen Strömungen umspült, Spielwiese für blutrünstige Haie, undurchdringbare Nebelbänke, engmaschige Überwachung: Alcatraz bot keine guten Ausgangbedingungen für einen Fluchtversuch. Zudem war die kleine Insel mit ihrer kargen Vegetation vom Wachturm aus gut zu überblicken, da es an guten Versteckmöglichkeiten mangelte. Das waren absolut keine guten Aussichten, auch wenn die Insassen so gut wie die gesamte Zeit des Tages in ihren Zellen darüber nachgrübeln konnten; die Haie allerdings waren ein Gerücht, in der Bucht tummelten sich lediglich harmlose Katzenhaie. Dementsprechend gering sind die vierzehn Ausbruchsversuche zu werten, die in den neunundzwanzig Jahren Betrieb – mit insgesamt 1576 inhaftierten Schwerverbrechern – stattgefunden haben. Vierunddreißig Häftlinge wollten nicht auf den Rücktransport in ein normales Gefängnis warten, zwei davon waren sogar zweimal bereit, lieber ihr Leben zu riskieren, als die unmenschlichen Haftbedingungen weiter zu ertragen.

Lieber zweimal als nie

1941 versuchten die beiden Bankräuber Joseph Paul Cretzer und Sam Shockley sich ihren Weg in die Freiheit mit der Geiselnahme mehrerer Justizvollzugsbeamte zu erkaufen, ließen sich aber von diesen zur Aufgabe überreden. Vier Jahre später überwältigten die beiden zusammen mit vier anderen Verbrechern ihre Wärter und erlangten Zugang zu den Zellenschlüsseln und Waffen, konnten ihren Zellentrakt aber nicht verlassen. Nach zwei Tagen endete die Geiselnahme mit dem Tod von drei Geiselnehmern, unter ihnen Joseph Paul Cretzer, und zwei Wärtern. Sam Shockley wurde für seine Mitwirkung in dem als „Schlacht von Alcatraz“ in die Annalen eingegangenen Vorfall zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet.

Eleganter Abgang

Einen unblutigen, fast schon eleganten Ausbruchsversuch unternahm 1945 John K. Giles. Dem Zugräuber und Mörder war es gelungen, bei seiner Arbeit in der Wäscherei immer wieder Teile von Armeeuniformen, die dort gereinigt wurden, zu entwenden. So verkleidet konnte er Alcatraz mit einer Fähre verlassen, doch wurde schnell sowohl sein Fehlen in der Haftanstalt als auch ein überzähliger Soldat auf der Fähre festgestellt. Giles gelang es noch, die Fähre auf Angel Island zu verlassen, auf der Insel aber wurde er dann festgenommen und wieder nach Alcatraz überstellt.

Von Mängeln, Mut und Kreativität

Der spektakulärste Ausbruch fand 1962 statt und besiegelte gleichzeitig das Ende des Gefängnisses, indem es seine Beschädigungen durch Feuchtigkeit und Seewasser in den Fokus rückte. Frank Lee Morris und die Brüder Clarence und John Anglin gruben sich ein halbes Jahr lang mit Besteck und selbstgebastelten Bohrern durch die mittlerweile porösen Wände ihrer Zellen und flüchteten mit einem aus ihren Regenmänteln zusammengeklebten Schlauchboot. Damit ihre Abwesenheit bei den Zählrunden nicht auffiel, hatten die Männer Masken aus Pappmaché hergestellt und sich so einen Vorsprung von neun Stunden verschafft. Einem vierten Mann war es nicht gelungen, sich rechtzeitig durchzugraben, eine entsprechende Maske wurde später in seiner Zelle entdeckt. Da die Leichen von Morris und den Anglin-Brüdern – anders als Reste des Schlauchbootes – nie gefunden wurden, hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, dass die drei ihre Fluch überlebt haben, auch wenn sie vom FBI für tot erklärt wurden.

Ein Mythos endet – und lebt weiter

Dieser Ausbruch sorgte dafür, dass Alcatraz 1963 geschlossen wurde. Zu marode war das Mauerwerk, zu hoch die Kosten für Reparaturen und Instandhaltung, und der Ruf als ausbruchsichere Einrichtung hatte ernsthaften Schaden genommen. Dieser Mythos ging also zu Ende, aber Alcatraz beschäftigt noch immer Autoren und Filmemacher. Erlebnisberichte ehemaliger Häftlinge wie der des deutschen Spions Erich Gimpel zeigen den Alltag in Alcatraz; Spielfilme greifen das Schicksal einzelner Inhaftierter auf und glorifizieren diese Menschen mitunter ziemlich stark, das Gefängnis dient als stimmungsträchtige Kulisse, Sachbücher beschäftigen sich mit dem Reglement und seinen Auswirkungen. Auf Alcatraz gibt es keine Gefangenen mehr, aber Alcatraz nimmt die Menschen noch immer gefangen.

 

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