Berlin Station

„And you shall know the truth and the truth shall make you free.” Soweit das Bibel-Motto der Central Intelligence Agency. Dass die es mit der Wahrheit und Freiheit nicht so ernst nimmt, haben diverse Enthüllungen der letzten Jahrzehnte gezeigt, aber was ignoriert man nicht alles, um in Sicherheit leben zu können? Kritischer als gewohnt behandelt die Ende 2016 auf Epix ausgestrahlte Serie Berlin Station die Methoden des US-Geheimdienstes und ist seit Juli 2017 auch im deutschsprachigen Raum auf Netflix anzuschauen.

   

Nach Julian Assange und Edward Snowden ist es nun Thomas Shaw, der die zweifelhaften Praktiken der CIA in die Öffentlichkeit schleift und als Whistleblower weltweit Agenten und geheime Missionen auffliegen lässt. Trotz aller Versuche Shaw zu identifizieren, oder gar ihn zu fassen, bleibt dieser weiterhin ein Phantom und spitzelt seine Infos an eine Journalistin bei der Berliner Zeitung weiter. Analyst Daniel Miller (Richard Armitage) scheint jedoch eine Spur gefunden zu haben, wie diese Infos weitergereicht werden. Mit dem geheimen Auftrag Shaw aufzuspüren, wird er also unter dem Vorwand einer Beförderung in das CIA-Hauptquartier seiner alten Heimat Berlin versetzt. Doch nicht nur scheinen sein Chef Steven Frost (Richard Jenkins), dessen Stellvertreter Robert Kirsch (Leland Orser) und Kollegin Valerie Edwards (Michelle Forbes) alle ihre eigenen Probleme und vor allem Ambitionen zu haben, auch trifft Miller dort überraschend seinen ehemaligen Kollegen und Freund Hector DeJean (Rhys Ifans) wieder, mit dem ihn ein dunkles Geheimnis verbindet. Millers Ermittlungen nehmen keinen guten Anfang, denn zum einen hat er sehr schnell die Aufmerksamkeit des deutschen Geheimdienstes um Hans Richter (Bernhard Schütz) und Esther Krug (Mina Tander) auf sich gezogen und zum anderen auch die von Thomas Shaw, der jetzt Berlin Station als sein Hauptziel auserkoren hat.

Brauchen wir noch eine Agentenserie?

Wer in der Serienlandschaft nach Spionagethrillern sucht, wird mit Quantico oder The Blacklist sehr schnell fündig und wird mit Homeland oder The Americans vor allem auch schnell auf einem sehr hohen Niveau fündig. Warum braucht es dann also noch Berlin Station und hat die Serie mehr zu bieten als den für US-Zuschauer etwas exotischeren europäischen Hintergrund? Das auf jeden Fall, denn ist sonst der US-Geheimdienst die vorderste Front gegen alles, was böse auf der Welt ist und die westliche Freiheit in brüderlicher Einigkeit verteidigt, wird hier durchaus kritisch mit der CIA und ihren Methoden ins Gericht gegangen. Lug, Betrug, Erpressung, Abhöraktionen, Entführungen und Folter werden als das gezeigt, was sie sind: Praktiken am Rande oder weit jenseits der Legalität und keine Kavaliersdelikte. Menschlich sieht es beim Berliner Außenposten auch nicht besser aus. Konstant wird unter den Agenten intrigiert und manövriert, um sich für die nächste Beförderung in Stellung zu bringen. Loyalitäten zu den Mitarbeitern und Informanten halten nur solange, wie diese für die eigene Agenda nützlich sind und werden – wenn nötig – fallen gelassen. Daraus entstehende Gewissensbisse und moralische Bedenken werden mit schöner Rhetorik über den Schutz der freien Welt, kaltem Rationalismus oder genügend Alkohol verdrängt. Die klassischen Bösen sind natürlich auch noch da, mit radikalen Islamisten, die den Jihadisten junge Mädchen nach Syrien schleusen, doch letztlich sind sich die Protaginsten selbst ihr größter Feind, mit ihren Geheimnissen und Verfehlungen, die Thomas Shaw in die Öffentlichkeit trägt.

Originaltitel Berlin Station
Erscheinungsjahr 2016
Episoden 10 (1 Staffel)
Genre Spionagethriller
Cast Daniel Miller: Richard Armitage
Hector DeJean: Rhys Ifans
Robert Kirsch: Leland Orser
Valerie Edwards: Michelle Forbes
Steven Frost: Richard Jenkins
Sandra Abe: Tamlyn Tomita
Jebediah Johnson: Roger Ringrose
Kelly Frost: Caroline Goodall
Hans Richter: Bernhard Schütz
Julian De Vos: Sabin Tambrea
Esther Krug: Mina Tander
Clare Itani: Zahra Ahmadi
Patricia Schwarz: Claudia Michelsen
Golda Friedman: Daniela Ziegler
Ingrid Hollenbeck: Victoria Mayer
Bora Osman: Ulas Kilic
Ruth Iosava: Julika Jenkins
Aleksandre Iosava: Merab Ninidze

Und Berlin? Berlin? Warum fahren wir ausgerechnet nach Berlin?

Internationale Schauplätze gehören natürlich bei guten Spionagethrillern dazu. Wenn auch Paris, Hong Kong, Moskau und eben Berlin für die Bonds, Hunts und Bournes dieser Welt regelmäßige Ziele sind, hat man doch selten den Eindruck, dass diese mehr sind als pures Eye-Candy. Man sieht irgendwie immer dieselben Bilder und Klischees, während die Weltenretter durch die Straßen heizen und ballern. Auch wenn man sich anfangs Sorgen machen kann, wie klischeehaft Berlin und Deutschland hier gezeigt werden – schließlich werden in den ersten Folgen die obligatorischen Wahrzeichen, eine filmisch deutschlandtypische graue Tristesse und eine Schwulenbar abgeklappert – kann man sich doch auf einige interessante, kantige Handlungsorte freuen. Gedreht wurde natürlich an Originalschauplätzen in Berlin, aber wie authentisch Stadt und Bewohner wirklich dargestellt werden, können wahrscheinlich echte Berliner am besten beurteilen (im Gegensatz zu mir und meiner einwöchigen Klassenfahrt), aber zumindest sieht alles sehr authentisch aus. Es werden die schönen, hässlichen, ulkigen und verborgenen Seiten einer Stadt gezeigt, die Charakter und eine Vergangenheit hat. Berlin ist in diesem Fall nicht nur ein willkürlich gewählter Schauplatz mit etwas europäischen Flair, sondern tatsächlich ein Ort, welcher der Serie etwas Eigenes gibt. Es ist ein europäischer Knotenpunkt, in dem eben auch viele aktuelle Probleme wie Flüchtlingsströme aus Syrien, Kämpfer-Exporte nach Syrien, Terror, Datenlecks und ein Zwiespalt zwischen Bündnistreue und aufkeimendem Anti-Amerikanismus in Europa zusammenlaufen.

Der falsche Held für die richtige Serie

Was die Handlung betrifft, kann man sich auf ein dichtes Netz an Intrigen, Wendungen und überraschenden Auflösungen freuen. Auch wenn gerade die Identität von Thomas Shaw schnell aufgedeckt wird, bleibt es bis zum Ende spannend. Gelegentlich wird es natürlich auch grobschlächtig, aber Berlin Station lebt mehr von seinen Figuren, die vom ganzen Cast hervorragend dargestellt werden. Lediglich Daniel Miller selbst ist die einzige Figur, die nicht wirklich rund zu sein scheint. Während man bei anderen hin und hergerissen wird zwischen Abscheu und Sympathie, zwischen Schock und Verständnis und bei fast jedem kontroverse Momente zurückbleiben, die sich einem ins Gedächtnis brennen, bleibt gerade der Held seltsam blass. Auch wenn Richard Armitage toll spielt, scheint seine Rolle nicht so gut ausgearbeitet zu sein wie die anderen. Idealismus und tragische Vergangenheit bleiben nur Stückwerk, das sich (noch) nicht zu einem homogenen Ganzen fügt, wohingegen sich bei seinem Gegenspieler Shaw ein faszinierendes Bild aus quälendem Selbsthass und gerechter Mission zeigt. Da aber bereits eine zweite Staffel in Arbeit ist, kann man sich vielleicht noch auf Verbesserungen freuen.

Als ich mit der Serie angefangen hatte, war ich überhaupt erst mal überrascht, dass sie in der Gegenwart spielt. Bei Berlin und Agententhrillern denkt man doch zuerst an den Kalten Krieg und an das geteilte Berlin als Hotspot und Schattenkriegsplatz zwischen CIA und KGB. Stattdessen wird ein aktuelles Bild mit aktuellen Problemen gezeigt und auch ein kritisches Bild eines selbstzerstörerischen und moralisch verkommenen Geheimdienstes, auf das man mit David Bowies I’m afraid of Americans stilecht in jeder Folge eingestimmt wird. Angereichert mit einem tollen Cast (für mich persönlich wäre Rhys Ifans mit seinem schelmischen Grinsen hervorzuheben) und einer dichten Atmosphäre, kann man sich auf gute Unterhaltung freuen, die eigentlich alles hat, was ein guter Spionagethriller braucht. Zu empfehlen wäre übrigens die Originaltonspur, da sehr viel Deutsch gesprochen wird und die Zweisprachigkeit der Serie sonst untergeht.

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Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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