Ich habe ihn getötet

Im November 2017 veröffentlichte der Piper Verlag die preisgünstige Neuauflage von Ich habe ihn getötet aus der Feder Keigo Higashinos, einem der erfolgreichsten Krimi-Schriftsteller Japans. Dieser Roman ist ein weiterer Fall aus der Reihe des Kommissar Kaga, doch kann er nicht nur ohne Vorkenntnisse gelesen werden, sondern ist er auch in mach anderer Hinsicht so ganz anders als die übliche Krimi-Kost im westlichen Markt. Wir haben reingeschnuppert.

  

Makoto Hodaka ist ein Drehbuchautor und Filmproduzent, der für seine mittlerweile glanzlos gewordene Karriere alles tun würde. Am Tag vor seiner Hochzeit mit der erfolgreichen Lyrikerin Miwako Kanbayashi zeigt sich die Ex-Freundin von Makoto und wird am Abend tot in dessen Garten aufgefunden. Am Traualtar bricht Makoto selbst zusammen: Tod durch Gift, das er anstelle seiner pillenförmigen Medizin gegen seinen chronischen Schnupfen einnahm. Doch nur Makotos engster Bekanntenkreis wusste von seinem chronischen Leiden. Als sich einige zwischenmenschliche Untiefen ihrerseits zu Hodaka auftun, kommen die Motive dreier Verdächtige ans Licht, die ihn mehr als gerne tot sehen wollen: Sein Manager Naoyuki Suruga, seine Lektorin Kaori Yukizasa und Takahiro Kanbayashi, der Bruder seiner Braut. Wer von ihnen ist Täter?

Ein ausgesprochen irreführender Klappentext im Einband

Originaltitel Watashi ga Kare o Koroshita
Ursprungsland Japan
Jahr 1999 (J), 2015 (Klett Cotta), 2017 (Piper)
Typ Roman
Bände 2
Genre Krimi
Autor Keigo Higashino
Verlag Klett Cotta & Piper

Schlägt man den offiziellen Klappentext auf, liest es sich, als drehe es sich um drei geständige Verdächtige und einem Kommissar Kaga der deswegen vor einem schier unlösbaren Rätsel stünde, denn „drei Geständnisse sind zwei zu viel“. Tatsächlich ähnelt der Aufbau zunächst einmal dem Vorband Böse Absichten aus der Reihe, da die Verdächtigen selbst zu Wort kommen. Doch statt eines Schlagabtauschs zwischen selbst verfassten Berichten des Verdächtigen und dem Protokoll von Kommissar Kaga, werden hier nur die Sichten der Verdächtigen präsentiert. Der Manager, die Lektorin und der Bruder, jeder lässt die Geschehnisse bis und nach dem Todesfall und den aus der eigenen Ich-Perspektive mit eigenem Fokus Revue passieren. Kommissar Kaga, der eigentliche Detektiv des Falls, tritt kaum als solcher auf und kommt kaum zu Wort. Mehr noch, statt einer Rekonstruktion der Ereignisse durch ihn erwartet den Leser vielmehr eine…

Gestalterische Ausgefallenheit: Der Leser wird selbst zum Detektiv!

Denn Kommisar Kaga ermittelt eher hinter den Kulissen und bringt Details in Erfahrung, die dem Leser durch das Lesen der Ich-Perspektiven schon längst vorliegen. Am Ende werden alle Beteiligten versammelt, um den Mörder zu stellen. Kaga legt die letzten fehlenden Puzzleteile zur Lösung des Falles offen, aber just in dem Moment, als er „Der Mörder sind Sie!“ verkündet, endet der Roman. Wer war nun der Täter? Er wird bis zuletzt nicht genannt. Nur einer kommt jedoch in Frage und alle dafür notwendigen Hinweise liegen dem Leser zur Deduktion vor. Für diejenigen, denen er nicht so offensichtlich vorschwebt wie Komissar Kaga, gibt es als Hilfestellung noch einige zusätzliche Hinweise, um den Täter ausfindig zu machen. Diese sind am Ende des Buches in Form von sechs versiegelten Seiten angehängt, deren Rand man zum offenen Lesen mit einer Schere aufschneiden muss.

Mariage zwischen klassischem Krimi und Krimispiel

Ähnlich den Vertretern aus dem Golden Age of Detective Fiction folgt der Roman den zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman nach Ronald Knox. Der Leser hat nicht nur eine faire Chance selbst dem Täter während der Romanlektüre auf die Spur zu kommen und relevante Anhaltspunkte selbst zu identifizieren, er muss hier in aller Konsequenz den Täter selbst stellen. Damit erwartet ihn ein Rätselvergnügen, ähnlich dem von Krimispielen, wie z.B. Krimi-Dinners, die sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit erfreuen. Es wird sich viel Zeit gelassen für die Vorbereitung des Fallkonstrukts. Dem Leser wird dabei viel Aufmerksamkeit fürs Detail abverlangt, sofern er den Fall denn lösen möchte. Gerade ob dieses ungewöhnlichen Aufbaus ist hinsichtlich des Klappentexts der Erstauflage von Klett Cotta Vorsicht geboten, da er vollkommen falsche Erwartungen weckt. Leider hat Piper diesen unverändert übernommen.

Ich bin geständig: Ich habe in die Hinweise gespickt. Beim Schlusssatz des Romans war ich doch etwas vor dem Kopf gestoßen und vor allem ausgesprochen ungeduldig. Nur wurde sie durchs Spicken auch nicht gerade befriedigt, da des Rätsels Lösung dort immer noch nicht verraten wird. Das war zugegebenermaßen etwas frustrierend. Die letztlich relevanten Passagen aus dem Roman hatte ich noch frisch vor Augen, wusste sogar, dass es die kritischen Indizien sind, doch konnte ich mir daraus keinen Tathergang rekonstruieren. Ich kann das ehrlich gesagt immer noch nicht so ganz, auch wenn mir durch die Hinweise nun zumindest glasklar ist, wer der Täter sein muss. So hinterlässt die Lektüre dann doch einen etwas faden Nachgeschmack und macht diesen Roman damit zu keinem meiner Lieblingsbücher von Keigo Higashino, von dessen Schaffen ich schon seit einer Dekade angetan bin. In Japan ist er schon lange eine Berühmtheit, auf deutsch gibt es allerdings nach wie vor nicht unbedingt viel von ihm zu lesen. So bleibt nur zu hoffen, dass es noch mehr Bände den Weg in unsere Gefilde finden. Für jene, die des Englischen und Französischen mächtig sind, gibt es aber zum Glück noch ein klein wenig mehr Auswahl.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben sich verständigt zu bekommen vertreibt sie sich gerne die Zeit mit dem Lernen verschiedener Formen von Sprachen – Wofür sie offenbar aber kein besonders großes Talent zu haben scheint.

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