Castlevania

Wunder geschehen irgendwie ja doch immer wieder. Da schnappt sich Netflix im Jahr 2017 eine 27 Jahre alte NES-Spielvorlage und lässt kurzerhand in den USA eine vierteilige Serie produzieren. Damit wurde der Traum vieler Fans von Vampirjäger Trevor Belmont wahr. Doch grade Adaptionen von Videogames neigen dazu, selbst den niedrigsten Erwartungen nicht gerecht zu werden. Publisher und Entwickler investieren Unsummen für den Verkauf von Lizenzen mit Erfolgsaussicht an Produktionsstudios. Ende 2016 ging damit erst Assassin’s Creed baden, welches mit zahlreichen negativen Kritiken abgestraft wurde. Und dann kommt auch noch ein übereifriger Produzent – Adi Shankar (Power Rangers) – daher und verspricht, dass die animierte Serie keine Fans enttäuschen würde.

 

Walachei, 1455: Die wissensdurstige Lisa besucht das wandernde Schloss von Graf Dracula. Ihr klares Ziel: Sie möchte eine wissenschaftliche Ausbildung und wickelt den Schlossherren auch schnell um den Finger. Die Romanze wird frühzeitig von der fanatischen Kirche unterbrochen, die schließlich Lisa als Hexe verbrennt, was die Rachegelüste Draculas auf den Plan ruft. Zwar hält er diese zunächst in Zaum, setzt der Kirche ein Jahr Zeit als Ultimatum, ihre Zelte abzubauen, doch trommelt vorsorglich seine Monsterarmee zusammen…

Die Originalfiguren werden greifbar

Allzu komplex ist der Plot tatsächlich nicht: Der Vampirjäger Trevor Belmont, der junge Vampir Alucard, die Priesterin Sypha Belnandes sowie der Dieb Grant Danasty finden sich im 15. Jahrhundert zusammen um dem gemeinsamen Feind Graf Dracula den Garaus zumachen. So allgemein die Ausgangslage auch klingt, so groß sind die Möglichkeiten, darum auch eine Geschichte zu stricken. Besonders für den Bösewicht nimmt man sich in Folge 1 besonders viel Zeit, um auch für ihn ein paar Sympathien bei den Zuschauern zu wecken, schließlich erfreuen sich Antagonisten häufig einer schnell wachsenden Fangemeinde. Doch auch Trevor Belmont setzt auf Antiheldencharme und Alucard kommt der Aura seines Originals verdächtig nahe. Das größte Manko von Castlevania ist offensichtlich: Nicht immer liegt in der Kürze die Würze und somit dienen die rund 100 Minuten gerade einmal als Auftakt, was dazu führt, dass die Charaktere eher zu kurz kommen, doch immernoch plastischer als in der Spielvorlage wirken. Gut für die Fans, dass eine doppelt so lange Staffel bereits in Arbeit ist.

Anime Look mit Luft nach oben

Originaltitel Castlevania
Jahr 2017
Episoden 4 (1 Staffel)
Genre Action, Horror
Cast Trevor Belmont: Richard Armitage
Dracula: Graham McTavish
The Elder: Tony Amendola
The Bishop: Matt Frewer
Lisa Tepes: Emily Swallow
Alucard: James Callis

Nicht für jeden Zuschauer ist auf den ersten Blick offensichtlich, ob Castlevania ein Anime oder ein Cartoon ist. Tatsächlich wurde die Serie von den amerikanischen Studios Frederator Studios und Powerhouse Animation produziert, Netflix fungierte hier als Geldgeber. Tatsächlich erwarb Frederator Studios (Adventure Time) die Rechte bereits 2007, sodass es bis zur Ausstrahlung der Serie ein weiter Weg war. Von einem Direct-to-DVD-Film bis hin zu einer Live Action gab es viele Pläne, was mit dem Skript passieren sollte. Der Look der Serie orientiert sich dabei natürlich an der japanischen Vorlage und die Designs von Ayami Kojima werden adäquat adaptiert. Schön anzusehen ist auch das mittelalterliche Europa durchaus. Die Serie geizt nicht mit Beleuchtungs- und Lichteffekten und lässt sich vor allem keine Einstellung entgehen, in der die Augen der Protagonisten zum Funkeln gebracht werden. Das wirkt an manchen Stellen etwas dick aufgetragen. Insbesondere bei den Mimiken herrscht Optimierungsbedarf, denn die wirken mitunter noch ungewohnt starr. Das trifft auch auf die Hintergründe zu, die zwar immer schick anzusehen und stets gut ausgeleuchtet sind, doch eher statisch wirken. Sonst gibt es an den weichen Animationen nichts auszusetzen und die düster-bunte Farbpalette der Spielreihe wird mehr als ausgereizt. Obwohl das berühmte Videospiel-Thema fehlt, trägt auch der Soundtrack einen beachtlichen Teil zur dichten Atmosphäre bei. Dass sich das Aufeinandertreffen von Dracula und der fanatischen Kirche in einer Gewaltorgie entlädt, ist quasi selbstredend. An Blut wird hier nicht gespart, was Freunde des Originals erfreuen dürfte. Dank Netflix umgeht man den Weg einer TV-Ausstrahlung und das Thema Zensur wird damit hinfällig.

Fans von Castlevania werden sicherlich trotz Fehlen des Original-Soundtracks auf ihre Kosten kommen. Zwar rettet die Ankündigung, dass mehr folgen wird den Auftakt-Charakter der Serie, doch so bleibt erst einmal der Eindruck eines Appetithäppchens. Da ich kein allzu großer Anhänger der Reihe bin, hatte es Castlevania bei mir nicht schwer und musste keiner Erwartung gerecht werden. Auf technischer Seite war ich nicht ganz so überzeugt, denn gerade in die Hintergründe dürfte gerne mehr Leben einziehen. Was der Serie nicht gut tut, sind die spannungsarmen Enden der einzelnen Folgen: Das nonchalante Einsetzen der Credits verdeutlicht, dass das Skript nicht auf eine Serie zugeschnitten war, sondern einfach irgendwo der zeitliche Schnitt erfolgen musste. Hier würde ich mir für die zweite Staffel mehr Cliffhanger wünschen.

Zweite Meinung:

Castlevania, als großer Name der Videospielszene, war mir bekannt. Selbst habe ich allerdings nie einen Teil gespielt und so ging ich ohne Vergleichswerte an die Serie. Geboten wird eine Geschichte, die den Dracula-Mythos in neues Gewand kleidet. Dracula – in der deutschen Synchronisation eindrucksvoll von Klaus-Dieter Klebsch (Dr. House) vertont – wird nämlich nicht als reines Monster oder als übernatürlicher Gentleman präsentiert. Viel mehr ist er ein Mann, der kein Interesse an der Menschheit hat. Erst der Tod seiner – menschlichen – Frau ändert diese Sichtweise und lässt ihn, wortwörtlich, alle Tore der Hölle öffnen. Dabei wird auch sehr schnell klar: Netflix warnt nicht umsonst mit „Nicht für Kinder geeignet“. Aufgeplatzte, zerrissene und verstümmelte Menschen jeglichen Alters dienen als reines Präsentationsmaterial für Draculas Macht. Auf der anderen Seite bietet uns Trevor Belmont eine andere Sicht der Dinge, wenn auch nicht eine heldenhafte. Gemeinsam mit Sypha Belnandes, darf Trevor zumindest zeigen, dass die Menschen eine Chance gegen die Monster haben. Was das Geheimnis des Retters unter der Kirche ist, darf der geneigte Zuseher dann aber selbst in Erfahrung bringen. Auch wenn die Serie auf Netflix als Staffel mit vier Folgen veröffentlicht wurde, so empfiehlt es sich wahrscheinlich, die Serie auf einen Rutsch zu schauen. Beim Schauen merkt man nämlich deutlich, dass man hier nicht mit einer Folgenstruktur gearbeitet hat, eher wirkt es wie ein Film, der in vier gleich große Portionen geteilt wurde. Das ändert aber nichts daran, dass man es mit ein sehr guten Produktion zu tun hat, die auch dementsprechend aussieht, vor allem aber sehr viel Lust auf mehr macht.

Dritte Meinung:

Okay, also hier ist, was ich über die Castlevania-Spiele weiß: Diverse Belmont-Familienmitglieder kämpfen – ausgerüstet mit einer Peitsche – gegen Dracula. Die ersten beiden NES-Titel waren ziemlich gut, Symphony of the Night war richtig gut, vieles dazwischen und danach war weniger gut und fliegende Medusaköpfe kommen anscheinend ziemlich oft vor. Einen der Spieletitel mal selbst gespielt habe ich nie, weil die schwer sein sollen und ich Peitschen eher doof finde (sogar bei Indiana Jones). Dementsprechend hatte ich weder großen Erwartungen noch sonderlich große Lust auf die Serie, in die ich dann auch eher spontan reingeschaut habe. Nach der anfänglichen Apokalypse plätschert Castlevania auch erst mal in einer seltsamen Kneipen-Szene gefolgt von osteuropäischer Mittelalterwinterdystopie vor sich hin, aber alles war für mich immerhin okay genug weiterzuschauen. Zur dritten Folge kann man sich dann endlich auf etwas spielähnliche Dungeonstimmung freuen. Die unterirdische Gemäuertour wird sogar von einer sehr temporeichen (Boss-)Kampfsequenz gekrönt, die mir enorm viel Spaß gemacht hat. Sie hat viele Details, die ich witzig und raffiniert fand und mich derart begeistert hat, dass ich sie mir immer wieder ansehen musste. Castlevania steigert sich danach weiter, wahrscheinlich weil die eher holprig erzählte Geschichte hinter mehr Action ansteht, und endet in einem weiteren Zweikampf, den man sich sogar noch öfter ansehen kann. Er beschert der Kneipenseltsamkeit am Anfang letztlich sogar eine überraschende Daseinsberechtigung. Tja, und dann, gerade wenn man wirklich Lust hat weiterzuschauen, ist es unverschämterweise auch schon vorbei. Castlevania sieht auf jeden Fall schick aus. Ich mag wie – trotz Menschen und Monster – Gut und Böse durchaus Ansichtssache bleiben. Wenn man die Serie mit englischer Synchronisation guckt, darf man sich außerdem über Richard Armitage als Trevor Belmont und den einen oder anderen Thorin-Gedächtnismoment freuen. Am Allerwichtigsten: Die Serie hat es tatsächlich geschafft, dass ich Peitschen cool finde.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig „Die Werwölfe von Düsterwald“-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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