Cyberworld 1.0: Mind Ripper

Im September 2017 wird der Deutsche Phantastikpreis in den unterschiedlichsten Kategorien verliehen und auf der Shortlist im Bereich der Newcomer des Jahres befindet sich der erste Band der Cyberworld-Reihe von Nadine Erdmann. Mind Ripper ist der Titel des Buches, das im Mai 2016 im noch recht neuen Greenlight Press Verlag erschienen ist. Werfen wir also einen Blick auf den ersten Kandidaten, der vielleicht zum „Besten Debütroman 2016“ gekürt wird, und sehen, was es mit dem so liebenswert getauften Gedankenreißer auf sich hat.

 

Im London des Jahres 2038 ist die Cyberwelt zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden. Die Jugendlichen der Zukunft treffen sich in virtuellen Cyberclubs, besuchen Cyberkonzerte und spielen gemeinsam Cybergames, zumindest sobald die erstaunlich uncyberhafte Schule vorbei ist. Ermöglicht wird das durch neu entwickelte Gerätschaften, sog. Cyberspecs, die das eigene Bewusstsein in einen virtuellen Körper, einen Avatar, verpflanzen und es ermöglichen, ihn durch die eigenen Gedanken zu steuern.
Die Zwillinge Jamie und Jemma Bennett sind begeisterte Anhänger der virtuellen Welt und spielen regelmäßig mit ihren Freunden Zack und Sam die neuesten Cyberrollenspiele, in denen sie mit wuchtigen Schwertern und funkelnder Magie Drachen und anderem Getier zu Leibe rücken.
Nach erfolgreicher Riesenechsenjagd aus dem eigenen Zimmer heraus, wartet in der Wirklichkeit bereits ein täuschend menschenähnlich aussehender Cyberdiener darauf, den Menschen des Hauses Dienste abzunehmen, sei es Brote schmieren oder Einkäufe erledigen.
Aber nicht alles ist sorgenfrei im Leben der Zwillinge. Jamie sitzt seit einem Unfall, bei der auch seine Mutter verstarb, im Rollstuhl und hat mit einer beschädigten Wirbelsäule zu kämpfen. Die Cyberwelt dient ihm als Ausgleich, aber gerade in letzter Zeit gibt es immer wieder Meldungen von Jungen, die nach einem Gang ins Cybernetzwerk ins Koma gefallen sind. Er fürchtet seinen Zufluchtsort zu verlieren und die Beziehungen zu seiner Familie und seinen Freunden spannen sich an. Gleichzeitig trifft Jemma auf einen mysteriösen Jungen, Will, der den Freunden ein Angebot macht, das sie viel näher an den Fall um die Serienkomatisierung kommen lässt, als sie jemals zu träumen wagten.

TKKG mit Robotern und (Cyber-)Drachen

Originaltitel CyberWorld 1.0 – Mind Ripper
Ursprungsland Deutschland
Typ Jugendroman
Jahr 2016
Bände 1 von 4
Autor Nadine Erdmann
Genre Science-Fiction, Abenteuer, Crime
Verlag Greenlight Press

Der Einblick in die Handlung von Mind Ripper dürfte bereits Vermutungen aufkommen lassen, in welche Richtung die (Cyber-)Reise wohl geht. Größtenteils werden sie auch alle exakt zutreffen. Überraschende Entwicklungen bleiben aus und die Frage ‚Who dunnit?‘ im Bezug auf das Gedankengereiße ist alleine schon aus Mangel an Alternativen schnell beantwortet. Die Darstellung der Cyberwelt ist ebenfalls eher unspektakulär und konventionell geraten; wer bereits in anderen Titeln durch computergenerierte Landen spaziert ist, wird ein vertrautes Bild geboten bekommen: Cyberspecs auf und eine neue Welt breitet sich aus. Alles agiert und reagiert wie man es in der Realität erwartet, ohne besondere Kniffe. Einzig die hin und wieder auftauchenden RPG-Elemente (Questgeber, Erfahrungspunkte) stehen ein wenig im Kontrast zu der üblichen Darstellung. Erst wenn die Figuren im Verlauf der Handlung ein noch unfertiges Cyberspiel betreten, merkt man kurz auf. Hier wäre einiges möglich, wie bspw. die Visualisierung von Bugs oder Glitches, das Betreten unfertiger Bereiche, fehlerhafte Dialoge von NPCs. etc. Jedoch wird die Chance nicht genutzt, alles bleibt beim Alten und auch dieses Setting gibt dem Leser nichts, was ein interessiertes ‚Huch! Na sowas!‘ hervorbringen könnte.
Die Figuren sind dagegen angenehm geraten, auch wenn man als Leser schnell merken wird, wenn man nicht mehr zur Zielgruppe gehört. Das liegt an einem etwas größeren (Cyber-)Hühnerknochen, der quer im Hals des Buches liegt. Es wird viel Zeit in das Beziehungshin und -her der jugendlichen Charaktere investiert – speziell darf man sich an einer größeren Eifersüchtelei-Episode erfreuen, die sogar mit anschließender ‚jemand-sitzt-draußen-alleine-und-bekommt-einen-einsichtsvollen-Ratschlag‘-Szene sofort bereinigt wird. Wer bei diesem kleinen (Cyber-)Teenie-Romanzenausschnitt bereits die Augen verdreht, wird mit dem Fokus des Buches wenig Freude haben.
Dafür wirken die Figuren durchaus lebendig, auch wenn sie nicht ganz ohne das ein oder andere Klischee auskommen. So ist die Protagonistin Jemma selbstverständlich ein eher zurückhaltend schüchternes Gamer-Mädchen, das wiederum eine unfassbare aktive Partykanone zur Freundin hat, die gefühlt jeden Satz mit ‚Süße‘ beginnt oder beendet. Jamie ist dagegen der typisch hitzköpfige aber eben auch mit dem eigenen Leid kämpfende Junge, der sich immer wieder mit den anderen in den Haaren liegt. Und der Neuzugang Will ist, wer würde daran zweifeln, das in jeder Hinsicht perfekte Love-Interest für die Protagonistin. Allerdings sind sie alle, trotz der hin und wieder ihre Köpfe reckenden Tropes, nicht vollständig durch sie definiert.
Letztlich hat der Charaktercast sowie das gesamte Buch etwas von ‚Die 3 (Cyber-)Fragezeichen‘, vermischt mit (zuviel) Gefühl und einem guten Schuss Technik-Schnickschnack.

Weniger Harmonie, bitte!

Die Handlung verläuft ohne besondere Höhen oder Tiefen, bis die Zielgerade in Sicht kommt. Das Ende von Mind Ripper ist der zweite größere (Cyber-)Hühnerknochen in der Bücherluftröhre. Nicht nur, dass es einige moralische Fässer rumdum bestimmte Aspekte der Cybertechnik aufhackt und unberührt stehen lässt, es konzentriert sich letztlich auf das uninteressanteste Ergebnis von allen: den Liebeskummer der Protagonistin Jemma Bennett.
Um einen ungefähren Vergleich zu geben: Man stelle sich vor, man wohnt der Erschaffung des Steins der Weisen bei und das einzige, worüber man sich Gedanken macht, ist die Tatsache, dass die eigene Krawatte nicht zu den Schuhen passt.
Hier wird der unglücklich gewählte Fokus des Buches besonders deutlich. Konkret geht es am Ende um die Verpflanzung des menschlichen Bewusstseins in einen neuen (Cyber-)Körper, was faktisch heißen würde, dass Jemma, Jamie und all die anderen gerade einer (eindrucksvoll uneindrucksvollen) Methode beigewohnt haben, wie Menschen unsterblich werden könnten.
Erstaunlicherweise interessiert das nur am Rande und ein Großteil der Zeit wird auf das Herzleid von Jemma verwendet, die nun mit ihrem Love-Interest Will im Zwist liegt. Selbst der Umstand, dass ihr Bruder gerade einem zumindest potentiell gefährlichen Experiment beigewohnt hat, wird vergleichsweise schnell abgehandelt.
Die werte Frau Bennett hat eine seltsame Prioritätenverteilung.

Ein anderer Dorn im (Cyber-)Auge ist die Tatsache, dass das Buch zu harmonisch endet.

Die Komatösen sind nicht komatös. Ihr Bewusstsein ist vollkommen intakt, an ihren Erinnerungen kann glücklicherweise herumgespielt werden und alles wird auf Anfang gesetzt.
Außerdem läuft das Experiment an Jamie ohne jedwede Schwierigkeiten ab – so eine Persönlichkeitsverpflanzung ist schließlich keine monumentale Aufgabe – und welch ein Glück, damit kann Wills todkranker Bruder gerettet werden.
Es ist besonders irritierend, weil das Buch gegen Ende einen eher zwiespältigen Ton anschlägt, das unter anderem die schlichte Aussage enthält, dass die Welt nicht immer fair sei. Der Abschluss spiegelt das jedoch in keiner Art und Weise wieder, alle Probleme lösen sich in Wohlgefallen auf, ohne echte Konsequenzen. Nicht nur, dass sich das Ende so mit dem Gesagten beißt, es bekommt dadurch auch eine ziemlich konstruierte Note.
 Mind Ripper ist ein netter erster Band für eine Jugendbuchreihe, der definitiv noch Luft nach oben lässt. Die Handlung ist etwas zu simpel gestrickt und das Ende wirkt aufgesetzt harmonisch, aber es gibt schlimmere Ausflüge in virtuelle Welten. Wobei ich dem Buch doch eines übel nehme, nämlich der Tatsache, dass ich eine Abneigung gegen das Wort ‚grinsen‘ zu entwickeln beginne. Und die Figuren sind schuld daran. Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen fröhliche Figuren, aber wenn die Grinsbekundungen pro Seite ein gewisses Maß überschreiten, wandern meine Mundwinkel kontinuierlich nach unten. Und irgendwann zuckt man bei jeder Erwähnung des ‚g‘-Wortes zusammen. Dieses Problem mit aggressivem Geschmunzel umzugehen, ist aber eher persönlicher Natur. Mit dem Ende habe ich dagegen ein (Cyber-)Hühnchen zu rupfen. Während ich die grundsätzliche Richtung gar nicht verkehrt fand, fühlte es sich letztlich schlicht leer an. Mir hat zunächst gefallen, dass das Problem mehr in der wirklichen Welt angegangen wird, und kein epischer Bossfight bevorsteht, nachdem dann alles wieder gut ist. Dummerweise gab es als Ersatz viel Gerede um nichts und zu allem Überfluss eine ausgedehnte Liebeskummerepisode. Immerhin hat Jemma nur ein Bild gemalt und nicht heulend in ihrem Zimmer Eis gegessen. Trotzdem hätte ich in Anbetracht der Alternative doch lieber einen epischen Bosskampf gehabt. Möglicherweise wird im nächsten Band darauf zurückgegriffen, aber so wie es jetzt steht, wird für mich Mind Ripper wohl der einzige Sprung in das London von 2038 bleiben. Interessierte, die bis zu diesem Punkt das Wort „Cyber“ noch lesen können, ohne mit der Wimper zu zucken, finden auf der Seite der Autorin (Nadineerdmann.de) eine kostenlose Leseprobe, um selbst einen Eindruck zu gewinnen, ob der virtuelle Ausflug lohnt und ob es einer der besten Debütromane im Bereich Phantastik von 2016 ist.
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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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