Die Magie der Namen

Wer wir sind, entscheiden wir selbst. Durch unsere Handlungen, unsere Taten, unsere Erfahrungen werden wir zu dem, was wir sind. Nicht so in der Welt von Mirabortas. Hier entscheidet einzig der Name, wer man ist, wie das Leben verlaufen wird und ob man überhaupt jemand ist. Sogar wie man aussieht, ist vorherbestimmt. Mit ihrem Debütroman Die Magie der Namen, der in eben dieser Welt spielt, gewann Nicole Gozdek 2015 den #erzählesuns-Award des Piper-Verlags. Der Roman ist dieses Jahr für den Deutschen Phantastik Preis nominiert, der am 2. September 2017 verliehen wird. Der zweite Band Die Magie der Lüge erscheint im selben Monat.

   

Bis zu seinem 16. Lebensjahr ist in Mirabortas jedes Kind nichts weiter als eine Nummer. Das selbstständige Geben eines Namens ist gesetzlich verboten. Wer sein Kind nicht mit einem Jahr an eine Schule abgibt, damit ihm eine Nummer zugeteilt werden kann, macht sich strafbar. Die Höchststrafe für Verbrechen ist in dieser Welt der Verlust des eigenen Namens und somit zu einem Namenlosen zu werden. Man vergisst, wer man war, was man für ein Leben geführt hat und ist ab diesem Zeitpunkt ein Niemand. In dieser Welt lebt auch die 16-jährige Nummer 19 – klein, schmächtig, vermeintlich talentfrei –, die davon träumt, einen der großen Heldennamen zu erhalten. Vorzugsweise ein Polliander, ein mächtiger Krieger. Ihr Wunsch nach einem zweiteiligen Namen erfüllt sich sogar und eigentlich sollte sie damit einen der bekannten Namen erhalten haben, doch niemand kennt einen Tirasan Passario. Wer war er? Welches Leben hat sein Name geführt? Ist er womöglich sogar der erste Passario?

Originaltitel Die Magie der Namen
Ursprungsland Deutschland
Typ Roman
Jahr 2016
Bände 1 (von 2)
Autor Nicole Gozdek
Genre Fantasy, Abenteuer
Verlag Piper Verlag

Der Junge macht sich mit seinen vier Freunden, die allesamt Träger bekannter Namen sind, auf den Weg nach Himmelsstadt in das große Namensarchiv, um mehr über sich herauszufinden. Der Weg dorthin steckt schon voller Abenteuer, doch das Eigentliche beginnt erst, als die Gruppe Himmelsstadt erreicht. Die Ereignisse überschlagen sich und Tirasan erfährt endlich, wer er in der Vergangenheit war. Der Schreibstil gestaltet sich sehr flüssig; schnelles Lesen ist also garantiert. Die Story wird packend erzählt und bietet eine interessante Welt, die ohne viel Schnick-Schnack auskommt. Die Magie der Namen kann auch für sich alleinstehend gelesen werden, da das Ende genauso gut auch abschließend hätte sein können. Ein zweiter Teil bietet sich an, hätte aber nicht zwingend sein müssen.

Ich war schon durch den Klappentext neugierig geworden, da ich sehr gerne Bücher lese, die sich um die Magie von Worten, Sprache, Texten oder Ähnlichem drehen. Ein Buch über Namensmagie hatte ich bis dato tatsächlich aber noch gar nicht in der Hand gehalten. Ich war gespannt und hatte es an einem Tag durchgelesen, da ich von der ersten Seite an von der Geschichte in den Bann gezogen worden war. Interessant ist, dass man am Anfang des Buches keinerlei Namen hat. Man lernt jede Figur erst einmal als eine Nummer kennen. Das ist ungewöhnlich und schafft eine seltsame Distanz zu den Figuren, was sich mit dem Tag der Namensgebung dann ändert, da dadurch nicht nur die Namen ins Spiel kommen, sondern sich dadurch auch die Charakterzüge teilweise verändern. Besonders spannend war es, den Werdegang des jungen Tirasan zu verfolgen, da man als Leser genauso ratlos ist, wie er selbst. Jede andere Figur im Buch erhält mit ihrem Namen auch das frühere Leben dieses Namens – was bei den meisten bekannt ist – und jeder weiß dann auch sehr genau, wie sich sein Leben gestalten wird. Dadurch hat man eine ziemlich genaue Vorstellung des jeweiligen Charakters.
Bei Tirasan ist das komplett anders, was ihn in Mirabortas wirklich zu einer Ausnahmeerscheinung macht und man auch als Leser sehr gut nachvollziehen kann, wie es sein muss in dieser sehr vorbestimmten Welt so einzigartig zu sein. Mit Verlauf des Buches spitzt sich die Lage immer mehr zu und vor allem gegen Ende, als man die ganze Wahrheit erfährt, konnte ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.
Die Autorin verwebt sogar gleich zwei unerwartete Wendungen miteinander, was spannend zu lesen ist, wenngleich eine der Enthüllungen am Ende etwas gestelzt daherkommt und vielleicht in der Form gar nicht nötig gewesen wäre. Gemeint ist Lostaria Imlandas Plan, nicht nur ihre Seele, sondern auch ihren Körper von Tirasan unsterblich machen zu lassen. Mir hätte als Feind auch Molli Nateri gereicht. Ich hatte das Gefühl, als hätte die Autorin hier versucht, sich selbst mit noch schockierenderen Enthüllungen zu übertreffen. Gefallen haben mir dagegen die Auflösung von Tirasans Vergangenheit und das überraschende Ende. Auf den zweiten Teil freue ich mich schon sehr.

Zweite Meinung:

Die Magie der Namen, der zweite Eintrag in der Shortlist für den besten Debütroman 2016, hat mir durch sein etwas anderes Setting zu Anfang recht gut gefallen. Namen eine besondere Qualität zukommen zu lassen, ist gerade in Fantasy-Büchern sicher nichts Ungewöhnliches, da immer wieder gern die Vorstellung von wahren Namen verwendet wird, die, falls man sie kennt, einem Macht über Dinge oder sogar Personen gibt. Eine ganze Gesellschaft um ein ähnliches Prinzip herum aufzubauen, war allerdings ein spannender Ansatz und gerade die Namensgebung hat mich in der Hinsicht auch überzeugt. Es hat einfach was, sich vorzustellen, wie die Kinder quasi in sprechender Hut-Manier in ihre jeweiligen Berufe befördert werden. Statt aber das ihnen ein alter Schlapphut ein umjubeltes „Gryffindor“ zuposaunt, werden sie durch einen Namensfinder mit den Worten „Mario – Klempner“ in eine ganze neue Persönlichkeit verwandelt, vollkommen ausgestattet mit üppigen Schnäuzer, fragwürdigen italienischen Akzent und roter Mütze. Nun gut, soweit nicht. Aber die Idee hatte was. Die anfängliche Reise von Tirasan hat mir ebenfalls gefallen, auch wenn ich manchmal darüber gegrummelt habe, wenn der Protagonist sich einmal mehr in Selbstmitleid suhlt. Es blieb in einem erträglichen Maße, wobei mir trotzdem nie recht klar wurde, wie sich dort eine Freundschaft zwischen ihm und den anderen Ex-Nummern entwickelt hat. Dafür hat mir besonders eine andere Stelle gefallen, an der eine Kampfsituation von Tirasan nachträglich vor Publikum geschildert wurde. Er wird zum Erzähler für die heldenhaften Taten seiner Begleiter und ist dann nicht mehr nur ein unbeholfener Sidekick, aber eben auch kein Magier, Barde oder Krieger, sondern derjenige, der ihre Taten überhaupt erst an den Mann/ die Frau bringt. Eine witzige Idee und ich hatte gehofft, dass es noch weiter in diese Richtung geht, aber mit der zweiten Hälfte ging es dann eher bergab und das Ende konnte mich gar nicht begeistern. Im anderen Review wurde schon angemerkt, dass es einem so vorkommt, als wolle sich jede Wendung mit einer weiteren Wendung übertreffen. Und den Eindruck kann ich bestätigen.

Tirasan ist eigentlich Herzog.
Dadadaaaam!
Nelia ist eigentlich viel mächtiger als sie vorgibt zu sein.
Dadadaaam!
Rustan liebt Tirasan.
Dadadaam!
Tirasan ist nicht nur Herzog, sondern der Erschaffer der Namensmagie!
Dadadam!
Zwei der Fürsten haben ihn um Geld betrogen!
Dadadam?
Ein weitere Fürstin hat Blutrituale-
Ach was soll es. Selbst der dramatischen Fanfare geht hier langsam die Puste aus.

Es ist einfach viel zu viel auf einmal und ein Großteil der Wendungen hat kaum Kraft, da man die betreffenden Charaktere erst seit ein paar Seiten kennt und ich nicht einmal in der Lage gewesen wäre, ihre Namen fehlerfrei aufzusagen. Hier treten dann regelrecht die Figuren hinter der Geschichte zurück und es wird ihnen selbst kaum Zeit gelassen auf irgendetwas zu reagieren, so dass es meist nur Zusammenfassungen von Tischgesprächen gibt, bei denen jeder einmal kurz staunen und/oder wütend sein darf. Dass dann viele der aufkommenden Schwierigkeiten so schnell gelöst werden, wie sie aufkommen, trägt ebenfalls nicht dazu bei, dass ich als Leser etwas mit dem Geschehen anfangen konnte.

Ah, die Villa, in der die Helden leben, wird in Brand gesetzt. Die Türen sind versperrt, wie kommen sie raus, wie sieht ihr Plan aus?
Oh, Nelia löscht das Feuer einfach. Das geht natürlich.
Ah, einer der Fürsten ist für die Veruntreuung von Geldern verantwortlich. Wie werden sie vorgehen, um ihn habhaft zu werden?
Oh, wurde schon verhaftet und hergebracht. Alles in Ordnung.
Der Abschluss konnte mich dann schließlich auch nicht überzeugen. Probleme und Schwierigkeiten, die im Laufe der Geschichte aufgezeigt wurden, und mit denen die Gesellschaft umgehen muss, werden hier schlicht beiseite gefegt, um ein Happy End entstehen zu lassen.
Es hat ein bisschen was davon, als würde mit einem großen roten Filzstift all das Erzählte durchgestrichen und dann ein Smiley mit den Worten „Alles wieder gut, keine Sorge“ darunter gemalt. Nicht sonderlich befriedigend. Besonders seltsam ist, dass sich dabei selbst die unbequeme Gefühlshaltung von Rustan, der sich immerhin in Tirasan verliebt hat, ebenfalls in Wohlgefallen auflöst, damit kein Konflikt übrig bleibt.

Da es einen zweiten Band gibt, will ich nicht zu hart urteilen. Für sich genommen kann ich mit dem Ende allerdings gar nichts anfangen. Die Magie der Namen hat ein paar nette Aspekte und die erste Hälfte ist angenehm; es liest sich zudem schnell und unkompliziert. Aber aufgrund der zweiten Hälfte werde ich wohl nur einen vorsichtigen Blick in den zweiten Band werfen, mehr aber wohl nicht.

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Prinzessin Blaubeere

Prinzessin Blaubeere studiert aktuell noch Geschichte im Hauptfach, möchte aber nach ihrem Abschluss Polizistin werden und schwitzt deshalb seit Neuestem im Fitnesstudio, in das sie ihr Einhorn Kurt (Cobain), das sie sich schon lange vor dem großen Boom angeschafft hat, leider nicht mitnehmen darf. Sie liest überwiegend Fantasy und suchtet allerhand Filme und Serien mit den unterschiedlichsten Themen - Zombies und Rosamunde-Pilcher-Kitsch dabei am unbeliebtesten. Darüber hinaus schreibt sie gerade selbst an einem Fantasyroman, in dem natürlich auch ein Einhorn vorkommt.

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