Oldboy

Sobald man anfängt, sich mit koreanischen Filmen zu befassen, wird man unausweichlich auf zwei Namen stoßen: den Regisseur Park Chan-wook (I’m a Cyborg, But That’s OK) und den Schauspieler Choi Min-sik (I Saw the Devil). Grund dafür dürfte der oft als Meilenstein des koreanischen Kinos bezeichnete und mehrfach ausgezeichnete Film Oldboy sein, welcher lange Zeit als Gradmesser für harte Filme galt, 2005 mit Zinda dreist kopiert wurde und 2013 durch das von Regisseur Spike Lee (Inside Man) gedrehte Remake ein weiteres Mal weltweite Aufmerksamkeit erhielt. Oldboy handelt von Oh Dea-su, der sich nach 15 Jahren scheinbar grundloser Gefangenschaft auf die Suche nach Antworten macht.

  

Oh Dae-su ist ein Nichtsnutz und Säufer. Als er am Abend des Geburtstags seiner Tochter wieder einmal betrunken auf einer Polizeiwache sitzt, wird er entführt und in ein Zimmer gesperrt. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Fernseher, welcher ihm kurz darauf berichtet, dass seine Frau tot ist und er als ihr Mörder gesucht wird. Da er nicht weiß, warum er eingesperrt wurde, und um nicht wahnsinnig zu werden, beginnt er ein Tagebuch zu führen und geht darin alle möglichen Personen durch, welche einen Grund hätten, ihn derartig zu bestrafen. Täglich erhält er Teigtaschen zu Essen und beginnt zu trainieren, ohne zu wissen, ob und wann er dieses Zimmer wieder verlassen kann. Nach 15 Jahren wacht er auf einem Hochhaus in einem Koffer auf, zusammen einem Anzug, einem Mobiltelefon, einem Portemonnaie und seinen Tagebüchern. Er ist nun frei, aber den Grund dafür kennt er auch nicht.

Die Suche nach dem Grund

Originaltitel Oldeuboi
Jahr 2003
Land Südkorea
Genre Action, Thriller
Regisseur Park Chan-wook
Cast Oh Dae-su: Choi Min-sik
Lee Woo-jin: Yoo Ji-tae
Mi-do: Kang Hye-jeong
Park Cheol-woong
No Joo-hwan: Ji Dae-han
Mr. Han: Kim Byeong-ok
Laufzeit 120 Minuten
FSK

Nach seiner Freilassung begibt sich Oh Dea-su nicht nur auf die Suche nach Antworten, er beginnt auch einen Rachefeldzug gegen die, die ihm das angetan haben. Da er 15 Jahre lang nur Teigtaschen zu essen bekam, nutzt er diese als Anhaltspunkt und findet schließlich den Ort, an dem er gefangen gehalten wurde. Ein paar Folterszenen und klischeehafte Gangster später ist er nicht wirklich schlauer, aber er weiß eines: dass alles nur dem Zweck diente, sich an ihm für etwas zu rächen. So muss er letztendlich die Erfahrung machen, dass eine Tat, die er längst vergessen hat, für jemand anderen Grund genug war, ihn dafür 15 Jahre einzusperren, seine Frau zu töten und ihn zu einer inzestuösen Beziehung mit seiner Tochter zu verleiten.  Für den Zuschauer beginnt nun ein Story-Twist, welchen er bis dahin sicher noch nie gesehen hat, und welcher in einem Ende mündet, welches er nicht erwartet hat. Fragwürdig sind leider die Entscheidungen, die Oh Dea-su im Verlauf der Geschichte trifft. So vertraut er seine Freundin (Tochter) jemandem an, dem er zuvor 15 Zähne gezogen hat und der wegen ihm eine Hand verloren hat.

Videospielinszenierung

Oldboy basiert lose auf dem Manga Old Boy von Nobuaki Minegishi und Garon Tsuchiya und ist der zweite Teil von Park Chan-Wooks Rache-Trilogie, wobei alle drei Filme für sich stehen und nur eine thematische Trilogie bilden. Die beiden anderen nicht weniger sehenswerten Filme heißen Sympathy for Mr. Vengeance und Lady Vengeance.

Oldboy bietet nicht nur eine ausgefallene Geschichte, für viele seiner Fans ist die Inszenierung das eigentliche Highlight. So gibt es eine Szene, bei der ein Kampf in einem schmalen Flur von der Seite gezeigt wird, sodass die Szene die Anmutung eines Sidescroller-Videospiels bekommt. Oder es werden Folterszenen mit dem Winterstück aus Antonio Vivaldis Die vier Jahreszeiten unterlegt, um dem Zuschauer die Szenen erträglicher zu machen. Es gibt ein paar Szenen, die die Immersion ein wenig ankratzten, dafür dem Film außergewöhnliche Momente oder Einstellungen hinzufügen. Als Zuschauer dankt man dem Film stellenweise dafür, dass er einem verdeutlicht, dass er nur fiktiv ist und die Folterungen damit teilweise verharmlost. Neben der Inszenierung ist die schauspielerische Leistung von Oh Dea-su Darsteller Choi Min-sik nicht weniger beeindruckend; so musste dieser für eine Szene einen lebenden Oktopus verspeisen und ein Großteil der Szenen wurden von ihm improvisiert. Min-sik schafft es gut, Oh Dea-su zu einem leicht kindlichen und verwirrten Charakter werden zu lassen, dem man trotzdem den Rächer abnimmt. Leider sind alle anderen Figuren mit Ausnahme von Mi-do (gespielt von Kang Hye-jeong) mehr oder weniger stereotype Gangster. Es ist für die Geschichte nicht zwingend notwendig, diesen Figuren eine besondere Tiefe zu verleihen, nur weiß man als Zuschauer auf den ersten Blick, was man zu erwarten hat und es ist etwas schade, dass der Film nicht auch bei diesen Figuren noch eine kleine Überraschung parat hat.

Oldboy schafft es mit seiner leicht grotesken Geschichte und seinen eindrucksvollen Szenen, den Zuschauer lang genug bei Laune zu halten, bis zu dem Zeitpunkt, an dem alle Weichen gestellt sind, um die eigentliche Geschichte zu erzählen. Und so bekommt der Film in den letzten 30 Minuten noch einmal eine Wandlung, mit der man nicht gerechnet hat. Mich hatte Oldboy seiner Zeit ziemlich überrascht und ich war sehr lange der Meinung, dass dies einer dieser Titel ist, die man gesehen haben muss, aber es ist kein Film für jedermann, und inzwischen empfinde ich ihn an manchen Stellen als zu lang. Außerdem darf man nicht damit anfangen, ihn zu hinterfragen. So halte ich es zum Beispiel inzwischen für unmöglich, sich 15 Jahre ausschließlich mit Teigtaschen zu ernähren.

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