Fire Emblem Echoes: Shadows of Valentia

Die Fire Emblem-Familie kann einen üppigen Stammbaum vorweisen und noch immer feiert die SRPG-Reihe Erfolge. Der aktuelle Spross mit dem vollmundigen Namen Fire Emblem Echoes: Shadows of Valentia, der im April 2017 erschien, ist aber in dem Sinne kein echter Neuzuwachs. Vielmehr wurde einer der Urgroßväter des Stammbaums kurzerhand gepackt und mit Anlauf in den nächstbesten Jungbrunnen geworfen. Hat ihm die Behandlung gut getan? Schauen wir einmal nach.

   

Streit unter Geschwistern kann mitunter hässliche Formen annehmen. Das gilt doppelt und dreifach, wenn es sich bei Brüderlein und Schwesterlein um uralte Drachen mit gottgleichen Kräften handelt. Eine Sandkastenfehde ist nichts dagegen. Duma und Mila, so die Namen der beiden erlauchten Echsen, liegen sich allerdings nicht wegen einer gestohlenen Schaufel in den Schuppen, sondern aufgrund der Frage, wie die Menschen auf dem Kontinent Valentia zu leben haben. Während Mila ein friedvolles, sorgenfreies Leben im Überfluss vorschwebt, sieht Duma nur Sinn in einem Streben nach Macht und Stärke.
Glücklicherweise einigen sich die Drachen darauf, dass sie sich uneinig sind und teilen den Kontinent in zwei Königreiche: im Norden Rigel, unter der drachengöttrigen Führung Dumas, im Süden Zofia, ein von Mila gesegnetes und beschenktes Reich. Ein heiliges Abkommen wird zudem geschlossen, das jeden weiteren Konflikt verhindern soll. Wer bei diesem letzten Satz kurz die Stirn runzelt oder schmunzelt, der hat wahrscheinlich bereits das ein oder andere RPG hinter sich und weiß, wie es da um heilige Abkommen/Verträge/Siegel/Schwüre oder ähnliches bestellt ist. Sagen wir, wie es ist: Sie sind in etwa so verlässlich wie ein Stück Zahnseide beim Bungee-Jumping. Zwar geht es einige Jahre gut, aber letztlich brodelt der Konflikt zwischen den beiden Königreichen wieder hoch und Krieg zwischen Zofia und Rigel droht. Obendrein ist es um beide Reiche nicht gut bestellt, die Rigelianer sind hart und unnachgiebig geworden; die Zofianer dagegen korrupt und faul. Keine guten Ausgangsbedingungen für Alm und Celica, den Haupthelden des Spiels, die schon in früher Kindheit ein Band geknüpft haben und eigentlich nur zusammen bleiben wollen. Krieg sowie Verrat sagen allerdings ‚Nein!‘ und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Schon bald wird das Wohlergehen des gesamten Kontinents auf ihren Schultern lasten. Wie immer.

Neue alte Features
Zuvor wurde es schon angedeutet: Fire Emblem Echoes ist nicht der erste Teil, der die Geschichte um Duma, Mila, Alm und Celica erzählt. Tatsächlich handelt es sich bei Shadows of Valentia um ein Remake des zweiten Titels der Reihe, Fire Emblem Gaiden, das erstmals 1992 erschien. Unverschämterweise zeigen weder Alm noch Celica irgendeine Form von Alterserscheinung. Statt mit Gehhilfe und Faltencreme den Kampf gegen Altersflecken zu suchen, sind sie frischer und energiereicher denn je. Die Jahre haben ihnen sogar eher gut getan.

Am grundsätzlichen Spielprinzip hat sich jedoch nichts geändert. Wie in den anderen Teilen schickt man seine Einheiten auf schachbrettartigen Feldern umher, befiehlt Angriffe, nutzt überlegene Reichweite von Bogenschützen und Magiern etc. Das Ganze geschieht rundenweise – hat man alle Aktionen getätigt, die dem eigenen taktischen Verstand vorschwebten, ist der Gegner an der Reihe.
Wesentliche Unterschiede zu den neueren Titeln wie Fire Emblem: Fates oder Fire Emblem: Awakening gibt es aber trotzdem. Manche der neuen Altheiten fügen sich gut ein, dafür vermisst man das ein oder andere Feature neuerer Teile. Positiv ist beispielsweise, dass die tapferen Recken und Reckinnen der eigenen Armee bei ausreichend Waffenfuchtelzeit spezielle Arts erlernen können, die von dem jeweiligen ausgerüsteten Gegenstand abhängig sind. Dadurch wird die Ausstattung der persönlichen Kampftruppe wesentlich bedeutsamer, da jede Einheit nur genau ein Item mitnehmen kann, sei es Schild, Schwert oder Orange. So muss man abwägen, ob man die zusätzlichen Arts und Angriffsboni einer Eisenlanze o.ä. möchte oder dem eigenen Frontritter ein Amulett ausrüstet, das jede Runde Leben wiederherstellt. Beides geht nicht. Warum die Deliverance, so der Name der Zofia-Befreiungsarmee, nicht einfach Uniformen mit größeren Taschen ausstellt, bleibt allerdings ein Geheimnis, möglicherweise kriegsbedingte Ressourcenknappheit.
Die Möglichkeit Arts zu erlernen beschränkt sich aber nicht auf Waffen. Die Klasse der Magier/Magierinnen erlangen in FE: Echoes auf bestimmten Leveln dauerhaften Zugang zu ihren Zaubern. Vorbei sind die Tage von etlichen Folianten, die sie mit sich herumtragen müssen; jetzt können sie jederzeit ihre Blitze, Feuerbälle, Windböen werfen und bei 90% Trefferwahrscheinlichkeit verfehlen. Letzteres wäre schon alleine für sich genommen ärgerlich genug, wird aber noch gesteigert, wenn der gegnerische Fußsoldat mit lumpigen 2% kritischer Trefferchance den eigenen Zauberkünstler postwendend in den Staub befördert. Diese Momente dürften dem ein oder anderen FE-Veteranen durchaus bekannt vorkommen und Neulinge haben etwas, worauf sie sich freuen können.

 Originaltitel Fire Emblem Echoes: Shadows of Valentia
 Jahr 2017
Plattform Nintendo 3Ds
 Entwickler Intelligent Systems
 Publisher Nintendo
 Genre Rundenstrategie, RPG
 Spieler 1
USK  

Glücklicherweise gibt es ein weiteres neues Feature: Milas Turnwheel. Dabei handelt es sich um eine Funktion, die man recht früh im Spiel erhält, und die es einem in begrenzter Zahl erlaubt, die Zeit – und damit Aktionen – zurückzusetzen. Hardcore-Strategen mögen darüber die Nase rümpfen, aber gerade im Classic-Mode, in dem Einheiten bei Niederlage im Gefecht endgültig aus der Gruppe ausscheiden, verhindert es allzu großen Frust, wenn ein „99% sicherer Treffer“ meilenweit daneben geht und der eigene Charaktere von dem verdutzt schauenden Gegnerritter filetiert wird.
Ein weiteres Lob geht in Richtung der erkundbaren Dungeons, ein gänzlich frisches Element, das den sonstigen Missionsablauf angenehm unterbricht und für Abwechslung sorgt. Zwar sind die Verliese und Schreine recht karg gestaltet, aber es ist trotzdem lohnenswert sie zu erkunden. Allerdings ist es fraglich, ob man es als Erfolg verbuchen soll, wenn Alm oder Celica in einer verfallenen Katakombenkammer einen Joghurt in einer zertrümmerbaren Tonvase finden. Besagte Quarkspeise ist Teil einer weiteren Neuheit: Proviant. So verlieren die Soldaten in längeren Kämpfen immer mehr an Ausdauer, signalisiert an einem Smiley im Statusfenster, und sollte das Emoticon allzu traurig schauen, verliert der Kämpfende einiges an Durchschlagskraft. Um das zu verhindern, muss Brot verzehrt, Butter aufgeschleckt oder eben Joghurt gegessen werden. Die Erschöpfung lässt jedoch lange auf sich warten, so dass man sich irgendwann am Ende mit verdutzten Blick ins Inventar fragt, wieso man gefühlt 50 Säcke Mehl und 30 Knoblauchzehen dabei hat.

Weniger Taktik, mehr Fokus?
Neben dem eher überflüssigen Proviantzusatz, vermisst man Features aus den neueren Titeln wie FE: Awakening und FE: Fates. So ist es nicht mehr möglich, Einheiten in Zweiergruppen zusammen zu schließen, was gerade in hitzigen Situationen erlaubt, besonders anfällige Charaktere schnell in Sicherheit zu bringen. Weiterhin gehen die kleinen Gespräche zwischen den einzelnen Charakteren in der Armee etwas unter und es sind auch merklich weniger solcher Szenen vorhanden. Dafür gewähren Erinnerungssequenzen, die man durch sog. „Memory Prisms“ freischaltet, Einblick in die Vergangenheit von Charakteren und erhellen einige Handlungselemente.
Neben dem Fehlen der strategischen Paarungen, ist man auch nicht mehr in der Lage, einen leicht perversen Amor zu spielen und seine Leutchen miteinander zu verkuppeln, wie einem der Sinn steht. Eine Einschränkung, mit der man durchaus leben kann. Zwar fällt die Möglichkeit vielfältiger Verkuppelungen weg und damit die anschließende Rekrutierung des eigenen Nachwuchses, dafür konzentriert sich FE: Echoes mehr auf die Atmosphäre der Handlung und seines Settings.
Die Geschichte um Alm und Celica ist in dem Sinne nichts Neues und noch immer bekommt man das Gefühl, dass die ein oder andere Sequenz mehr vonnöten wäre, um wirklich in die Welt eintauchen zu können, aber trotzdem ist man näher an den Charakteren dran, da sie feste Beziehungen zueinander haben. Die Geschichte profitiert davon, dass nicht stets die Möglichkeit jedweder Eheschließungen gegeben sein muss.
Fragwürdige Momente innerhalb der Handlung, abseits von dem ein oder anderen Klischee, das einem auf dem Weg grüßt, gibt es trotzdem.
Das Gameplay steht aber noch immer vorne an und hier gibt es wenig auszusetzen. Zwar ist es ärgerlich, dass gerade auch taktische Optionen herausgefallen sind, wie bspw. das Stein-Schere-Papier-Prinzip bei den Waffengattungen oder auch eine größere Auswahl bei der Aufstufung der Charakterklassen. Dennoch bleibt genug, damit es nicht zu einem stupiden „Einheiten nach vorn!“ verkommt und die neuen Features , gerade das andere Ausrüstungssystem, trösten über den Verlust anderer Optionen hinweg.

Ich würde jedem Fan der FE-Reihe empfehlen, Shadows of Valentia eine Chance zu geben, mag auch das ein oder andere Feature fehlen, das man mit der Reihe verbindet. Es bietet eine nette Geschichte, einen guten Stoß liebenswerter Charaktere und auch einige grimmige Momente. Ich habe jedenfalls keine Sekunde meiner Reise mit Alm und Celica bereut, was wohl auch daran liegt, dass ich eine gewisse Schwäche für solche Pairing-Geschichten habe, in der sowohl der männliche als auch weibliche Part nicht nur sympathisch ist, sondern auch etwas zutun bekommt und nicht nur schmachtend darauf wartet gerettet zu werden. Wobei, wenn ich so recht darüber nachdenke, eine Sekunde (oder mehrere) gab es doch, bei der ich zumindest längere Zeit die Stirn gerunzelt habe. So verstehe ich noch immer nicht, wie Celica ernsthaft Jedah für einen Moment vertrauen konnte. Es mag sein, dass hier ein Vorurteil gegenüber blauhäutigen Dämonenpriestern mit Klauenhänden, spitzen Eckzähnen und Schurkenlachen aus mir spricht. Aber selbst wenn er mit seidig blondem Haar und Engelslächeln vor mir stünde, würde ich dezent misstrauisch werden, wenn jemand meine Seele einem wahnsinnigen Gott opfern will. Oder um die gute Mae zu zitieren: „Celica, this is a REALLY bad idea!“ Aber ich will mal nicht so sein, jeder Charakter darf mal einen schwachen Moment haben (auch wenn er fast zum Untergang der Welt führt). Letztlich hatte ich einfach zuviel Spass Alm und Celicas Armeen zu betreuen und ihr Voranschreiten zu beobachten, als das ich über einige Engpässe nicht hinweg sehen könnte. Daher hoffe ich auch, dass noch der ein oder andere Großvater im Brunnen landet. Der letzte Satz ist ein gutes Beispiel dafür, wie ungemein wichtig Kontext sein kann.

Zweite Meinung:

Nachdem Fire Emblem: Awakening dafür sorgte, dass die Fire Emblem-Serie so bekannt und beliebt wurde wie nie zuvor, darf man sich mittlerweile regelmäßig über Nachschub freuen. Mit Echoes: Shadows of Valentia bekommt man nun das neueste Werk serviert, bei dem es sich diesmal um ein Remake des zweiten Teils handelt. Remakes haben ja oft das Problem, am Original gemessen zu werden, in diesem Fall fällt der Vergleich aber schon einmal weg, da der zweite Teil nie außerhalb Japans erschien. Deswegen natürlich die Frage: In welche Kerbe schlägt es ein? Vor allem Langzeitfans, zu denen ich mich auch zähle, fühlen sich wahrscheinlich wieder an die ersten Teile für den Gameboy Advance erinnert, die, im Vergleich zu ihren 3DS-Nachfolgern, deutlich weniger boten. Das macht das Spiel aber nicht schlechter. Fast die gesamte Spielzeit hat man zwei Armeen, die man befehligen kann, eine gute Story und ein gut gemachtes, komplett neues, Dungeon Crawler-Element. Also mehr als genug Möglichkeiten in diesem Teil etwas zu erleben und spätere Kapitel des Spiels bieten auch sehr fordernde Karten. Mir hat es sehr gut gefallen das erste Mal Celicas und Alms Geschichte zu erleben und ich finde es großartig, dass man die Fire Emblem Echoes-Serie nutzen will, um auch weitere Remakes, und damit ältere Teile, für Spieler außerhalb Japans verfügbar zu machen. Bis es so weit ist hat man mit Shadows of Valentia ein gutes Spiel vor sich, bei dem auch Neulinge einen Blick riskieren dürfen.

Dritte Meinung:

Ich kenne die Spielreihe jetzt noch nicht so lange, sondern erst seit Fire Emblem: Awakening, gehöre daher zu den neueren Fans. Die Story glänzt nicht gerade von Innovation, ist vorhersehbar und hat einige Schwächen. Alm als Heerführer wirkt auf mich eher erzwungen, er hatte ja nur ein paar Erfolge vorzuweisen, wird aber gleich als der Heilsbringer schlechthin dargestellt. Nur Fernand bringt kritische Worte hervor, was aber viel mehr was von Alms Herkunft herrührt. Auch Celica hat so Momente, in denen man sie am liebsten packen und durchschütteln möchte. Wie kann man jemandem wie Jedah überhaupt ansatzweise glauben schenken? Ist halt die herzensgute Protagonistin, die niemanden in Gefahr bringen und sich lieber selbst opfern will. Zum Glück wird sie recht schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Man hat zudem weniger Funktionen als in Awakening und Fates, aber viele davon sind hier wirklich nicht sehr wichtig. Eine Sache kann aber ärgerlich werden, denn man kann nicht die Klassen wechseln wie man möchte. Merkt man, dass man z.B. Kliff eine ungünstige Klasse gegeben hat, hilft entweder nur kompletter Neustart oder man muss in den sauren Apfel beißen und das Beste daraus machen. Eine der Neuerungen, die mir gefallen, war die Erkundung. Diese könnte man zwar noch ein wenig ausbauen und weniger karg gestalten, aber dennoch war es eine nette Abwechslung. Auch das Kontrollieren zweier Armeen finde ich sehr angenehm. Trotz Schwächen in der Story, gefällt mir der Titel sehr gut, was an den insgesamt sympathischen Charakteren liegt wie auch dem Spielerlebnis an sich.

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Mort

Mort hat ‚Wie? Nicht auf Lehramt!?‘ studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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