In den Fußstapfen von Harry Potter

Mit dem zweiten Teil der Heiligtümer des Todes, wurde die Harry Potter-Filmreihe 2010 beendet. Geblieben ist nach insgesamt zehn Jahren Drehzeit ein riesiger Fundus an Requisiten, Kostümen, Perücken, Masken und vor allem auch Erinnerungen. Um diese zu bewahren und mit allen Fans zu teilen, öffneten am 31. Mai 2012 die Warner Bros. Studios in Leavesden (ca. 32km von London) ihre Tore und locken seitdem tausende Besucher zur Harry Potter Studio Tour an, die in die magische Welt ihres Lieblingszauberers eintauchen und sich an den wechselnden Thematiken erfreuen können.

Am 5. Oktober 2017 war es für uns endlich soweit. Die Tickets hatten wir schon Monate im Voraus bestellt und so fieberten wir dem Tag erwartungsvoll entgegen. Für umgerechnet knapp 100 Euro bekommt man die Studio-Tour inklusive Hin- und Rückfahrt mit dem Bus. Wer noch etwas mehr Geld drauflegt, kann sich auch einen Privattansfer gönnen, inkl. Mittagessen in den Studios. Unbedingt notwendig ist das aber nicht, da es sogar erlaubt ist, eigene Verpflegung in dem dafür gekennzeichneten Bereich zu verzehren. Leider wussten wir das vorab nicht, weswegen wir sehr ausladend frühstückten, um in den Studios keine Zeit mit Essen verschwenden zu müssen. Beachten sollte man, dass die angegebene Zeit von sieben Stunden auch die Busfahrt beinhaltet. In den Studios verbringt man knapp vier Stunden; was zwar ausreichend ist, aber für Stöberer und Leute, die gerne alles lesen oder auch mal vor einem Bild verweilen wollen (wie ich z.B.), kann es schon knapp werden. Vor allem, wenn man mit Kindern unterwegs ist und auch an jeder Fotostation Halt machen möchte.

Treffpunkt war um 11 Uhr am zentralen Busbahnhof in der Nähe der Victoria-Station in London. Überraschenderweise bestand unsere Gruppe zu einem Großteil aus Erwachsenen. Ich hatte mit deutlich mehr Kindern gerechnet. Als der Doppeldecker – von allen Seiten mit Harry Potter und großem Warner Bros.-Schriftzug bedruckt – einfuhr, waren wir alle jedoch so aus dem Häuschen, dass der Altersdurchschnitt sofort deutlich sank. Wir sicherten uns die besten Plätze oben direkt vor dem Fernseher. Für die richtige Stimmung sorgte dann der erste Teil mit dem Stein der Weisen. Die Fahrt dauerte knapp eine Stunde. Anschließend ging es noch schnell durch die Sicherheitskontrolle und dann hieß es erst einmal anstehen, denn es wird immer nur eine bestimmte Anzahl an Personen gleichzeitig eingelassen. Um uns herum konnten wir trotzdem schon einmal den Studioladen bewundern sowie übergroße Porträts der Darsteller ringsum und Harrys Original-Besenkammer. Für das Einstiegsnostalgiegefühl war also gesorgt.

Einlass in eine magische Welt

Wir hatten Glück und kamen mit dem zweiten Schwung ins Innere der Studios. Hier erwartete uns zunächst ein Tourguide, der kurz etwas über die Entstehungsgeschichte der Filme erzählte und uns dann in einen großen Kinosaal führte. Auf der Leinwand begrüßten uns Daniel Radcliffe, Rupert Grint und Emma Watson, die von ihrer Zeit in den Studios erzählen, wie sie dort zehn Jahre gelebt haben, zur Schule gegangen sind, Geburtstage gefeiert und eine riesige Familie gehabt haben. Es ist kaum möglich, für noch mehr „Hach-wie-lange-ist-das-her-Gefühle“ zu sorgen. Und dann, als die drei im Eingangstor von Hogwarts verschwanden, fuhr die Leinwand nach oben und das große Schultor liegt direkt vor den Besuchern. Ein toller Moment! Und toll inszeniert!

Paradoxerweise folgt die Tour einer eher umgekehrten Reihenfolge. Vor dem Brief, dem Einkauf in der Winkelgasse oder dem Hogwarts-Express, beginnt man direkt in der Schule. So fanden wir uns alle in der Großen Halle wieder und ich denke, dass das Gefühl demjenigen sehr nahekommen dürfte, das Erstklässler in den Büchern/Filmen verspüren, wenn sie zum ersten Mal Hogwarts betreten und zu ihrer Auswahlzeremonie geführt werden. Man fühlt sich leicht erschlagen und das Nostalgiegefühl, wenn man sich erinnert, wie man selbst mit 10 Jahren den ersten Band in der Hand gehalten hat, ist überwältigend. Passend für den Oktober war die Decke mit unzähligen Kürbissen geschmückt und die Halle in ein schummriges Licht getaucht. Zu sehen gab es unter anderem die Lehrertafel, an der man die Originalkostüme der Darsteller bewundern kann. Wir waren so hibbelig und neugierig, dass wir uns in der Halle gar nicht mehr allzu lange aufhielten, in der eine Entertainerin mit ihrem lauten „Any Gryffindors heeere“ die Stimmung sowieso komplett ruinierte. Unsere Entscheidung stellte sich auch als sehr schlau heraus. Als wir uns nämlich an einer Infotafel zu den Regisseuren der Filmreihe länger aufhielten und auch die Interviews noch anschauten, strömten plötzlich alle gleichzeitig aus der Halle und so wurde jeder Aufenthalt an den unterschiedlichen Ausstellungsstücken zu einer Geduldsprobe. Es dauerte gefühlt Stunden, bis man endlich selbst direkt an der Absperrung stand und sich Details näher ansehen, bzw. auch Fotos machen konnte, ohne Haarschöpfe vor der Nase zu haben.
Uns waren es deutlich zu viele Leute. Die Sets, Kostüme und Masken waren allesamt mehr als interessant zu begutachten, aber es nervt einfach sehr, wenn man sich für jede Infotafel, für jeden näheren Blick, 10 Minuten anstellen muss. So liefen wir eigentlich von A nach B, machten schnell ein paar Fotos und quetschten uns zurück auf den Hauptgang. Immerhin waren wir so fast die Ersten, die sich für ein Foto in Zaubererumhang anstellten. Hätten wir vorher gewusst, dass das Foto den Rahmen „Have you seen these witches?“, ganz im Stil des Fahndungsfotos nach Sirius Black, bekommen würde, hätten wir evtl. nicht so zuckersüß in die Kamera gelächelt. Für zwei Fotos legten wir selbstverständlich unverschämt viele Pfund auf den Tresen. Wer Lust hat, kann sich auch einen kleinen Film erstellen lassen, in dem er auf einem Besen fliegt. Den Spaß haben wir uns erspart, da wir fanden, dass das Ergebnis eher albern aussieht. Aber lustig zu beobachten war es trotzdem. Da in dem Zeitraum, in dem wir in den Studios waren, das Thema „Die Dunklen Künste“ war, waren nicht nur sämtliche Räume in düsterem Licht gehalten, sondern es gab u. a. auch die Möglichkeit gegen Todesser in einem Duell anzutreten. Wir haben uns hierfür nicht angestellt, da gerade eine ganze Schulklasse an der Reihe war, aber es sah sehr spaßig aus.

Seidenschnabel, Gleis 9 3/4, Butterbier und Briefe

Zu sehen gibt es neben den Kostümen und der Entstehungsgeschichte rund um die Filme unter anderem den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, Dumbledores Büro, das Klassenzimmer für Zaubertränke oder Hagrids Hütte. Obwohl man die Szenerien natürlich aus den Filmen kennt, ist es trotzdem ein merkwürdiges Gefühl, live davorzustehen und zu wissen, dass diese Räume tatsächlich benutzt und die Kleidungen auch von Radcliffe & Co. getragen wurden. Neben diesen größeren Kulissen, finden sich auch einzelne bekannte Stücke wieder, wie z.B. der fliegende Ford Anglia oder Fawkes.

Nachdem wir die Tafel der Todesser im Hause der Malfoys passiert hatten, ging es durch den Verbotenen Wald, der wirklich toll gestaltet ist und auch erst seit 2017 in die Tour integriert ist. Der Boden fühlt sich weich und federnd unter den Füßen an, was sehr authentisch wirkt und es gibt mehrere Stationen, an denen man für Wind oder Blitze sorgen kann. Seidenschnabel wartet am Eingang und Spinnen fallen in regelmäßigen Abständen von der Decke. Der Gruselfaktor ist allerdings absolut nicht gegeben, da eine riesige schwatzende Menschenmenge durch den Abschnitt wandert. Und dann erreichten wir endlich Gleis 9 3/4 und der Hogwarts-Express erschien vor uns! Was für ein Moment. Hier störten auch zum ersten Mal die vielen Menschen nicht. Im Gegenteil. Durch die ganzen Leute, die Fotos am Gleis oder vom Zug machten oder durch den Bahnhofsladen schlenderten, wirkte das Ganze tatsächlich wie ein Bahnhof bei Hochbetrieb. Nach dem Gang durch einen der Wagons, in dem die unterschiedlichen Abteile aus den jeweiligen Filmen noch vorhanden sind (z.B. die gefrorene Scheibe aus dem Gefangenen von Askaban), und natürlich das obligatorische Foto mit Gepäckwagen vor der Absperrung, war es Zeit für eine kleine Stärkung und wir gönnten uns an der Schenke ein Butterbier. Für vier Pfund, wahlweise auch teurer mit Sammelbecher zum Mitnehmen. Wie es schmeckt, wird an dieser Stelle nicht verraten. Probiert es selbst. Anschließend ging es auf das Außengelände zum Fahrenden Ritter und durch das Haus der Dursleys, in dem noch immer massenhaft Briefe durch den Kamin flattern.

Bezauberndes Hogwarts und glühende Kreditkarte

Die Winkelgasse, die bei unserem Besuch thematischbedingt ebenfalls in Düsternis gehüllt war, führte uns schließlich noch durch einen Gang voller Gemälde mit allen möglichen Motiven rund um Harry Potter. Hätten wir weniger Zeitdruck gehabt, hätte ich mir einige davon gerne noch länger angesehen. Das Highlight dürfte aber mitunter definitiv das riesige, hell erleuchtete Hogwarts sein, das fast jedem, der den Raum betrat, ein überwältigtes „Wow“ entlockte. Man beginnt von oben und läuft dann, im Kreis um das Schloss herum, nach unten. So kann man das Modell von allen Seiten bewundern. Wirklich sehr eindrucksvoll. Dazu gibt es Abschnittsweise immer wieder Infotafeln, an denen man sich die unterschiedlichen Teile des Schlosses näher erläutern lassen kann, wie z.B. den Eulenturm. Die Tour führt danach durch einen Raum, in dem sich die Zauberstäbe bis zur Decke stapeln und endet schließlich im Studio-Shop, in dem man allerhand Souvenirs, Kleidung und Süßigkeiten ergattern kann. Nachdem wir uns bereits von dem Laden am Bahnhof Kings Cross inspirieren ließen, wussten wir relativ genau, was wir alles haben wollten. Vor allem die Zauberstäbe waren ein Muss. Noch toller wäre es natürlich gewesen, wenn man sich seinen ganz persönlichen Zauberstab hätte kaufen können, ganz im Stile von Ollivanders. So muss man mit den Charakter-Zauberstäben vorlieb nehmen und sich zusammenreißen, nicht in Sammelwut zu geraten.
Insgesamt verging der Tag einfach viel zu schnell. Als wir um 16:30 Uhr aus den Studios kamen, wartete unser Bus bereits mit der Kammer des Schreckens auf uns, um uns zurück nach London zu fahren. Wir wunderten uns sehr, dass wir zu den wenigen gehörten, die sich im Shop nicht zurückhalten konnten. Doch ziemlich ausgehungert (das Frühstück und das Butterbier waren lange her) verspeisten wir gleich unsere Schokofrösche, aus deren Packungen uns Helga Hufflepuff – und zu meiner Belustigung – Gilderoy Lockhart entgegenlächelten. Na, so kann ein gelungener Tag doch enden.

Ich kann nur sagen, dass die Tour für jeden Harry-Potter-Fan sicherlich ein Erlebnis ist. Es wäre schön, wenn man mehr Zeit und mehr Ruhe hätte, um sich alles entspannt anschauen zu können. Die Menschenmassen sind schon enorm für einen solch relativ kleinen Bereich. Vermutlich ist es daher auch eher empfehlenswert, mit dem Auto anzureisen, sodass man selbst entscheiden kann, wann es zurückgeht. Wir waren schon sehr darauf bedacht, ständig auf die Uhr zu schauen, um am Ende noch genug Zeit für den Shop zu haben und den Bus auch pünktlich zu erreichen. Da die Thematiken wechseln und nur für einen bestimmten Zeitraum verfügbar sind, kann man die Tour sicherlich auch mehr als einmal buchen. Vor allem, da es bestimmte Sachen auch nur im Studio-Shop vor Ort zu kaufen gibt.

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Prinzessin Blaubeere

Prinzessin Blaubeere studiert aktuell noch Geschichte im Hauptfach, möchte aber nach ihrem Abschluss Polizistin werden und schwitzt deshalb seit Neuestem im Fitnesstudio, in das sie ihr Einhorn Kurt (Cobain), das sie sich schon lange vor dem großen Boom angeschafft hat, leider nicht mitnehmen darf. Sie liest überwiegend Fantasy und suchtet allerhand Filme und Serien mit den unterschiedlichsten Themen – Zombies und Rosamunde-Pilcher-Kitsch dabei am unbeliebtesten. Darüber hinaus schreibt sie gerade selbst an einem Fantasyroman, in dem natürlich auch ein Einhorn vorkommt.

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