Kino’s Journey -the Beautiful World- the Animated Series (Folge 6)

Nur ein bisschen, nur ein bisschen hätte gereicht, um Kino einen unangenehmen Anblick zu ersparen. Doch was verbirgt sich hinter dieser Szene, die nun bei Kinos Eintreffen von den Wolken im Gebirge verschluckt wird? Zur Halbzeit von Kino’s Journey -the Beautiful World- the Animated Series bewegt sich die Kamera weg von Kino und erzählt die Geschichte einer jungen Sklavin.

Die Familie eines fahrender Händlers, dessen Angestellter und eine Leibwache sind unterwegs durch einen Bergpass. Dort schlagen sie ihre Zelte auf, um zu übernachten. Mit dabei ist auch ein Mädchen, über das sich die Kinder lustig machen und das die Erwachsenen zu Arbeit aller Art nötigen. Sie halten es für ihr gutes Recht, wurde die junge Waise ihnen von ihrem Heimatland als Arbeitskraft überlassen, um die Restdifferenz der Rechnung für verkaufte Güter zu bezahlen. Doch das Mädchen wehrt sich nicht nur nicht, es hat nicht einmal eine Beschwerde über ihr Los auf den Lippen. „Niemals sollst du anderen grollen“ wurde ihr von ihrem religiösem Heimatland beigebracht. Bestimmt ist das alles nur eine Prüfung, in der sich ihre Zukunft entscheidet. Eine Prüfung, die alsbald in den Härtetest geht, als das Mädchen als einzige bemerkt, dass die vor Ort geernteten Kräuter in der Suppe giftig sind…

Dann schließ‘ doch einfach die Augen?

Ein gottgegebener Absolutheitsanspruch wird zwar nicht thematisiert, doch das Schicksal des jungen Mädchens birgt starke Anleihen aus der biblischen Hiob, dessen Glauben auf die Probe gestellt wird und der am Ende dafür belohnt wird. Die Mitglieder der Karawane derweil sind offensichtlich inspiriert von den weißen Herren aus der Geschichte amerikanischer Sklaverei. Mitleid nach heutigen Standards ist bei Kenntnis ihrer Person kaum zu haben: Sie erfreuen sich an reichhaltigem Essen, schönen Kleidern und dem Glück, in der gehobenen Klasse der Menschen geboren zu sein. Das gilt letztlich auch für den Mann, der als Leibwache dient. Den einzigen Mann, der das arme Mädchen nicht aktiv schikaniert, ausbeutet und ihr Schicksal kaum mit ansehen kann. Doch er setzt sich auch nicht für sie ein, sondern tröstet sich nur damit, dass das Mädchen einfach zu den Verlierern in der Welt gehört und das Schicksal mit aller Wehrlosigkeit und Demut irgendwo auch selbst gewählt hat. Losgelöst von all den Geschehnissen ist das Kino-Hermes Duo, das am Tag darauf nur noch die Leichen sieht. Für die beiden sind es nur Menschen, die Opfer eigener Unwissenheit geworden sind. Ein Schicksal, das auch Kino jederzeit widerfahren könnte, sollte eine kritische Information zum richtigen Zeitpunkt fehlen. Informationen, die auch ganz spezifisch geartet sein können, wie etwa, dass das sonst essbare Kraut nur aus den Höhenlagen des Gebirges giftig wird. Das Ergebnis ist ein unansehnlicher Anblick, zu dem Hermes nur entgegnet, dass Kino doch genauso die Wahl hat, sich dem zu entziehen. Ist wegschauen die Option? Den Wächter der Karawane hat es vor seinem Karma in jedenfalls nicht bewahrt.

Denn dann wird die Person es eines Tages auch auch begreifen

So unsympathisch die Menschen der Karawanen sind, so sehr wird mit der an der Spitze stehenden Händlerfamilie noch eins daraufgesetzt. Als ob ein Leben in Ketten, schmutzigen fransigen Kleidern und viel Arbeit bei wenig Essen nicht genug wären, wird die Sklavin nicht nur mit Steinen blutig beworfen, sondern es wird auch noch kurzerhand beschlossen, sie zu töten, einfach des Ausprobieren willens. Der Entschluss wird wird dann sogar noch als Großartigkeit gefeiert. Das kommt etwas arg dick aufgetragen, aber auch nicht unerwartet. Da die Leibwache zuvor schon vergeblich mit Worten versucht hat, das Mädchen von der Ungerechtigkeit der Welt zu überzeugen, sind härtere Geschütze in ihrer „Prüfung“ kaum überraschend. Eine interessante Parallele ist jedoch der Schuss am Ende. Wer hat nun wen mit was überzeugt? Das Mädchen den Mann, dass Hass sinnlos ist und passiver Widerstand auch die eigenen Peiniger am Ende überzeugen wird? Oder der Mann das Mädchen davon, dass es normal ist, dass Menschen einander grollen, verletzen bis töten um zu Überleben? Es scheint das Letztere, denn das Motorrad Sou, das zu dem Gefährten des Mädchen wird, vertritt die Meinung der Leibwache, als es ihr einen Deut Realismus einzubläuen versucht: Sie hatte Glück. Die anderen nicht. Sie hätten ihr sowieso nicht geglaubt. Kein Grund, sich darüber schlecht zu fühlen. Der Flashforward in die Zukunft zeichnet allerdings noch einmal ein anderes Bild: Das Mädchen, das später als Fotografin namens „Foto“ bekannt wird, ist sich selbst und seiner Ehrlichkeit auch weiterhin immer noch treu geblieben, was ihm laut Sou die Immigration in ein Land bescherte, in dem es glücklich wurde. So scheint die finale Lösung also ein Kompromiss aus der absoluten Ablehnung und realistischen Akzeptanz von Eigennutz.

Und hiermit wird die Geschichte von Foto vorgestellt, die man seit Folge 2 im Opening angeteast bekam. Wie Shizu und Riku ein gewisses Duo, das nächste Folge ihren Auftritt bekommt, sind auch Foto und Sou Nebenfiguren, die ab und an wieder einen Auftritt bekommen. Die Folge mutet etwas seltsam an, da Prolog, Epilog und zweiter Epilog wie abgehackte Segmente wirken. Sie hängen chronologisch und inhaltlich zwar zusammen, wirken aber erzählerisch nicht wie aus einem Guss, was sie auch nicht sind. Die Teile mit Kino und Hermes sind z.B. am Anfang und am Ende von Band 3 der Light Novel enthalten, während Fotos eigentliche Geschichte erst in Band 12 vorkommt. Band 3 erschien im Jahre 2001, Band 12 im Jahre 2008. Bei über 2000 Seiten Abstand zueinander wirkt das definitiv besser, da man zwischen all den Abenteuern als Leser selbst die Verknüpfungen aktiv zieht. Dennoch ist die Entscheidung, die Teile für die Adaption inhaltlich zu einer Folge zusammenzuziehen irgendwie auch verständlich. Optisch gehört die Folge aber sicherlich zu den stärkeren der Serie. Die Geschichte hat keine Action, für welche die kompetenten Animatoren fehlen würden und keine komplexeren Motorradbewegungen, die Gummimännchen erzeugt. Relativ wenig Raum, um etwas falsch zu machen, da mehr die Stimmung zählt, zu der auch die vielen (wie üblich detailreichen) Hintergründe beitragen. Bei der Szene, in der alle zusammenbrechen, hat das knallige Rot der Kolloseumsfolge allerdings wieder einen Auftritt, das sich in dieser Folge ziemlich fremdkörperartig anfühlt, da es hier nicht einmal einen Kaschierungseffekt besitzt, den die Folge gar nicht nötig hat. Abgesehen davon, ist die Darstellung vom giftigen Kraut etwas uneben. In der Eingangsszene, wie der Schreiszene scheint dafür eine etwas bearbeitete Aufzeichnung des Krauts im Wind aus der Realität zu sein. Das fühlt sich neben den sonstigen animierten Bewegungen irgendwie merkwürdig an. In der Szene, in dem das Kraut im Bach gewaschen wird, ist es gezeichnet und so unglaublich simpel gehalten, dass man meinen könnte, es handle sich um ein ganz anderes Gewächs. Ich habe zumindest einen Augenblick gebraucht, um sie gleichzusetzen.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben sich verständigt zu bekommen vertreibt sie sich gerne die Zeit mit dem Lernen verschiedener Formen von Sprachen – Wofür sie offenbar aber kein besonders großes Talent zu haben scheint.

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