Little Nightmares

Little Nightmares reiht sich ein in die Serie der Indie-Sidescroller-Jump’n’Runs mit düsterem Horror-Touch. Ein Trend, der 2010 von Playdeads Limbo losgetreten wurde und Spiele wie Toby – The Secret Mine, Feist und Selma an the Wisp hervorbrachte. Der angestrebte Erfolg wie seinerzeit bei Playdead blieb aus, Little Nightmares aber könnte ein Kandidat sein, der dieses hehre Ziel zu erreichen vermag.

   

Als kleine Six erwacht man in einem kargen Raum, von dessen stählerner Decke das Wasser tröpfelt. Keine einleitende Worte, keine Anweisungen. Ausgerüstet nur mit einem knartschgelben Regenmantel und einem Zippo, macht man sich auf und erkundet ‚den Schlund‘, einen riesigen, schiffsartigen Komplex, der auch dem arglosestem Spieler spätestens dann suspekt vorkommt, wenn man auf den Hausmeister mit den abnormal langen Armen trifft. Ab hier weiß man, die Kacke ist am Dampfen und man wäre gut beraten abzuhauen. Problem nur, dass die Bewohner des Schlunds alles daran setzen, Six in die Finger zu bekommen. Und dann wären da noch diese Hungerattacken, die dem Mädchen schwer zu schaffen machen…

Puzzles mau
Little Nightmares kommt im Gewand eines physikbasierten Puzzle-Plattformers daher. Während man durch kindergerechte Gefängnisse, großmütterlich eingerichtete Wohnungen, Metzgereien und japanische Restaurants trippelt, trifft man auf ein bisschen Hebelmechanik, ein bisschen Stromlehre und ein bisschen Schlüssel-muss-ins-Schloss-Prinzip; nichts allzu Herausforderndes. Manchmal gibt es kleine originelle Highlights wie etwa ‚den Fleischwolf‘, das sind aber die Ausnahmen. Würde sich „Little Nightmares“ allein auf die Rätsel als Hauptträger verlassen, hätte es demnach verloren.  Glücklicherweise liegt der Fokus des Spiels ganz woanders: nämlich auf Ängsten und wie man sie effektvoll inszeniert. Und das gelingt den Machern sehr gut.

Originaltitel Little Nightmares
Jahr 2017
Plattform Microsoft Windows, Playstation 4, Xbox One
Genre Puzzle, Jump’n’Run
Entwickler Tarsier Studios
Publisher Bandai Namco Entertainment
Spieler 1
USK

Präsentation wow
Es geht los bei der Hauptfigur: innerhalb ihrer Umgebung wirkt Six geradezu winzig, als wäre sie ein Borger, der sich in einem Haus entstellter Riesen verirrt hat. Aufgrund ihrer körperlichen Unzulänglichkeiten kann sie nichts gegen ihre Gegner ausrichten und so kommt es zu vielen packenden Schleich- und Verfolgungsszenen, die einem den Puls hochtreiben.
Dazu gesellt sich das gelungen Leveldesign: die einzelnen Abschnitte sind detailliert gestaltet, stimmig ausgeleuchtet und mit Unschärfefiltern versehen. Die Kamera verfolgt das Geschehen lebendig, nicht statisch, und wenn sie herauszoomt, um die Dimensionen des Schiffs einzufangen, sieht man in der Ferne manchmal schemenhaft den nächsten Bossgegner auftauchen und man wünscht sich, nicht hingeguckt zu haben. Besagte Gegner sind in ihrem Design grotesk und sehr unique geraten und schüren mit ihrer unheimlichen Präsenz (bei der auch das Sounddesign eine große Rolle spielt) ordentlich Unbehagen. Interessant gemacht ist, dass sich die Bossgegner mit dem Spieler durch die Level bewegen: sie verlassen den Raum durch eine Tür und tauchen im nächsten Raum *suprise* wieder auf. Dort gehen sie – toll animiert übrigens – solange einer Beschäftigung nach, bis dem Spieler ein Fehler unterläuft und seine Deckung auffliegt.
Die Bildsprache ist – zumal auf Text und gesprochenes Wort gänzlich verzichtet wird – Little Nightmares‘ größtes Plus: ein Kellergewölbe voll von Schuhen, das Erinnerungen an einen Genozid hervorruft; ein leerer Raum nur mit einem Selbstmörder, dessen Beine von der Decke baumeln; eine nicht enden wollende Schlange fettleibiger Kreaturen, deren Marsch über die Planken die Kamera zum Wackeln bringt. Visuell kann Little Nightmares mit vielen einprägsamen Momenten aufwarten.

Story wiederum lau
Schade, dass also nach dieser starken Inszenierung das Finale vergleichsweise schwach ausfällt. In den 4 Stunden, die man vor dem Bildschirm hockt, werden viele Andeutungen gemacht und mögliche Erzählstränge aufgenommen. Leider laufen diese am Ende nicht zusammen. Das Spiel entlässt einen mit einer gescripteten Endsequenz und man fragt sich „Wie kommen die denn jetzt auf den Trichter?“

The Schlund strikes back
Durch dieses Zurückhalten von Informationen unterstützen die Macher natürlich die Kaufkraft angefixter Fans. Für den 31. Oktober 2017 plant Titan Comics eine gebundene Comic-Ausgabe, die weiteres Eintauchen in den Schlund ermöglicht, und selbst die TV-Szene hat ein Auge auf Six‘ Martyrium geworfen. Davon mal abgesehen veröffentlichte Bandai Namco im Juli 2017 das erste Kapitel der dreiteiligen DLC Geheimnisse des Schlunds. Darin spielt man den Jungen Kid, der ebenfalls dem Schlund zu entkommen versucht und in bislang unbekannte Schiffsbereiche mit neuen Gegnertypen vorstößt. Eine Parallelgeschichte zu Six quasi, die eventuell eine neue Betrachtungsweise auf das Hauptspiel ermöglicht und die offenen Fragen klärt.

In Sachen Ästhetik, Musik-/Sounddesign und creepy Figuren ist Little Nightmares ’ne echte Hausnummer: es sieht einfach gut aus und klingt perfekt. Leider ist der Wiederspielwert ziemlich mäßig: die Story gibt nicht genug her und spieltechnisch ist auch nicht mehr drin als Laufen, Klettern und Zippo-Anmachen. Was Aussagekraft und Nachwirkung anbetrifft, kann Little Nightmares also noch einiges von Playdead lernen (wobei ja der kreative Output der Lil‘Nightmares-Fan-Community enorm ist).
Auf die DLC freue ich mich dennoch, auch wenn ich kein Megafan bin. Bin gespannt, was man aus dem Spieluniversum noch rausholen wird und ob es dadurch die Tiefe erlangt, die ich bislang vermisse.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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