Lockwood & Co. – Der Wispernde Schädel

Ein sprechender Schädel, ein verschwundener Spiegel und Artefaktjäger halten Lockwood & Co. im zweiten Band der Reihe, Der Wispernde Schädel, auf Trab. Dabei müssen Lucy und ihre Kollegen sich diesmal ungeahnten Herausforderungen stellen – von denen Partys und Verbrecher noch die am wenigsten unangenehmen sind.

Nach einigen aufsehenerregenden Erfolgen ist die Agentur Lockwood & Co. in London mittlerweile recht angesehen. Ein Fall um eine Hinrichtungsstätte in Wimbledon geht jedoch gründlich schief, sodass ausgerechnet das Team um den Fittes-Agenten Quill Kipps ihnen helfen muss. Schlimmer hätte es fast nicht kommen können, denn mit diesem verbindet Lockwood eine langjährige Abneigung. Schnell kommt es zur Auseinandersetzung, welche in einer Wette um das beste Team Londons gipfelt. Um dieses zu ermitteln, braucht es jedoch einen Fall, in dem die beiden Teams gegeneinander antreten können. Da kommt ein Auftrag der BEBÜP gerade recht: Von einer Ausgrabungsstätte wurde ein mächtiges Artefakt gestohlen, das die gesamte Bevölkerung Londons gefährden kann. Die beiden Agenturen werden beauftragt, dieses schnellstmöglich zurückzuholen und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten.

Offene Rätsel…

Originaltitel Lockwood & Co. – The Whispering Skull
Ursprungsland Großbritannien
Jahr 2014
Typ Roman
Band 2 / 5
Genre Horror
Autor Jonathan Stroud
Verlag cbj

Auffällig ist, dass es in diesem Band sehr schnell zur Sache geht. Der Fall um die Albe von Wimbledon ist eigentlich nur ein Platzhalter, damit es zwischen Lockwood und Kipps zur Wette kommen kann und der Leser von der Rivalität der beiden Teams erfährt. Danach geht es Schlag auf Schlag. Offene Geheimnisse aus Band eins, wie z. B. der sprechende Schädel oder das geheimnisvolle Zimmer im ersten Stock werden angesprochen und neue Geheimnisse enthüllt. So erhalten Lockwood und sein Team eine Einladung zum 50. Firmenjubiläum der Agentur Fittes und dem Leser stellt sich doch die Frage: Warum? Aber zumindest ein Rätsel wird auch gelüftet. Der wispernde Schädel macht dem Titel des Bandes alle Ehre und fängt recht schnell an zu sprechen. Oder genauer gesagt zu lästern, hinterhältiges Zeug zu quasseln und jeden zu beleidigen, der sich in der Nähe aufhält, unabhängig davon, ob dieser ihn überhaupt hören kann. Damit ist klar, es handelt sich tatsächlich um einen Besucher vom Typ 3, jenen seltenen Geistern, von denen kaum etwas bekannt ist.

… und Antworten auf nicht gestellte Fragen

Doch das ist nicht das Einzige, was man erfährt. In diesem Band erfährt man wesentlich mehr über die Umgebung, in der Lockwood und sein Team arbeiten und leben. Zum ersten Mal erfährt man, dass die Menschen nicht nur Angst vor den Besuchern haben, sondern dass es auch Sekten gibt, die die Geister willkommen heißen. Es gibt freiberufliche Sensible, die keinen Degen benutzen wollen. Und es gibt die Sammler, die für mächtige Artefakte viel Geld bezahlen und somit die Artefaktjäger finanzieren, die genau diesen Umstand für sich ausnutzen. All dies macht das London, in dem das Problem wütet, wesentlich greifbarer und interessanter. Plötzlich ist es nicht mehr nur irgendeine Geistergeschichte, deren Hintergründe man nicht kennt, sondern es ist eine Welt, die detailliert und spannend geschildert wird. Und das Gefühl, durch die Straßen und Gassen zu schlendern und mit den Agenten gemeinsam gegen die Besucher vorzugehen, wird mitunter übermächtig.

Gewohnt geistreiche Unterhaltung

Dafür sorgt auch wieder der ansprechende Schreibstil. An der Perspektive hat sich nichts geändert, jedoch ist die gefühlte Distanz zu Lucy diesmal nicht mehr vorhanden. Ihre Schilderungen sind so spannend, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Jedoch kommen jetzt noch die Unterhaltungen mit dem sprechenden Schädel hinzu, die man aus einer anderen Perspektive gar nicht miterleben könnte. Und während die Kommentare der Agenten mitunter wieder gewohnt bissig sind, hat der Schädel noch ein ganz anderes Kaliber an Sprüchen auf Lager, die an Zynismus und Boshaftigkeit schwerlich zu überbieten sind. Interessant ist dabei, dass der Schädel dabei recht jung erscheint, als würde ein 15- oder 16-jähriger Junge sprechen. Dabei bleibt das Geheimnis um die Identität des Schädels jedoch bestehen, auch wenn es etliche Andeutungen auf seine Vergangenheit gibt. Für Witz und Unterhaltung sorgen jedoch nicht nur die Gespräche und Kommentare, sondern auch einige der Geschehnisse. Wenn Lucy und Lockwood auf Undercover-Mission gehen und sich dabei verkleiden, liest sich das einfach nur witzig. Die Treffen mit Lockwoods Kontakt unter den Artefaktjägern – Flo Bones – sind ebenfalls immer für einen Lacher gut. Und das ist auch gut so, denn bei all den Geschehnissen braucht man auch mal eine Entspannungspause. Dabei sorgen die Geister auch für mehrere Schreckmomente, besonders der Besuch auf dem Gelände des Sanatoriums ist auf nüchternen Magen nicht zu empfehlen.

Während ich beim ersten Band noch so den einen oder anderen kleinen Abstrich gemacht habe, bin ich von dem zweiten Band restlos begeistert. Es gab nur eine einzige Stelle, die mir nicht gefallen hat, und die finden andere wahrscheinlich wieder wahnsinnig witzig. Aber als Lucy und Lockwood als Sommertouristen in Winkmans Laden spazieren, finde ich das einfach nur dumm. Toll finde ich aber auch an dieser Stelle, wie schnell die Atmosphäre von lächerlich in bedrohlich umgeschlagen ist. Auch wenn Julius Winkman als Charakter selbst kaum in Erscheinung tritt, hatte ich doch das Gefühl, dass er kein angenehmer Zeitgenosse sei und man besser einen großen Bogen um ihn machen sollte. Diesmal habe ich sogar zwei Lieblingsstellen im Buch, obwohl das etwas unzureichend ist. Aber besonders gefallen mir zum einen die Auktion und der (Rück-)Diebstahl des Spiegels. Schon bei Lucys Beschreibung der Kletterpartie hatte ich ein beklemmendes Gefühl und während der Auktion selbst habe ich gemerkt, wie ich den Atem angehalten habe. Dass der Gentleman ihnen dann auch noch auf das Dach folgt, finde ich auch sehr genial, denn dadurch entstand bei mir das Gefühl, dass er später noch einmal auftauchen würde. Und mir gefällt das Finale in den Katakomben. Diesmal ist es vor allem die Kombination aus Spannung und sprechendem Schädel, die mir zusagt. Gerade, dass der Schädel mal stichelt und dann doch wieder nützlich ist, finde ich richtig gut. Aber auch die Beschreibung von Bickerstaffs Geist und seinem Einfluss auf Joplin ist wahnsinnig spannend zu lesen. Die Vorstellung, dass jemand auch nach dem Tod noch so sehr von etwas besessen sein kann, ist doch irgendwie erschreckend. Aber erschreckend einleuchtend.

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Centy

Centy ist den Großteil des Tages am und mit dem PC beschäftigt. Als Ausgleich ist sie gerne draußen unterwegs und wandert, fährt Fahrrad oder entspannt sich auf dem Balkon. Sie ist weniger der kreative Typ als der konsumierende. Über Kino, TV bis hin zu Büchern, Comics und Games interessiert sie alles, was eine interessante Geschichte erzählt. Dabei ist sie auf keine Genres festgelegt, auch wenn ihr Liebling der Cyberpunk ist. Nur Horror und Liebesgeschichten meidet sie wenn möglich - wobei für sie oft nicht ganz klar ist, wo da der Unterschied ist.

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