Okja

Über Okja wurde vor seiner Veröffentlichung am 28. Juni 2017 auf Netflix viel gesprochen, komischerweise ging es dabei selten um den Film. So sorgte die Einladung von Bong Joon Hos (Snowpiercer, The Host) Streamingfilm auf die Filmfestspiele von Cannes für einen derartigen Kritiksturm der Kinobranche, dass Filme ohne vorweisbaren Kinostart in Frankreich künftig vom Wettbewerb ausgeschlossen werden und auch Kinobetreiber in Südkorea entschieden sich den Film kurzerhand zu boykottieren. Bei so viel negativ anklingenden Trara könnte man fast meinen, dass mit dem Film selbst was nicht stimme, weswegen es sich vielleicht lohnt mal tief durchzuatmen und ihn sich einfach anzuschauen.

 

Der Film startet mit Lucy Mirandos (Tilda Swinton) medienwirksam inszenierter Übernahme ihres Familienunternehmens und der Ankündigung einer neuen, ökologischen Firmenpolitik, in deren Zentrum als Produkt ein neuentdecktes Superschwein steht. Dieses Wundertier ist nicht nur supereffizient (wenig Kosten, maximaler Ertrag), supernatürlich und superlecker, sondern soll auch noch den Hunger auf der Welt beenden. Um dieses neue Wunderprodukt zu bewerben und das bis dahin desaströse Image der Mirando-Gesellschaft aufzubessern, ruft Lucy einen zehn Jahre andauernden Wettbewerb aus, in dem Bauern auf der ganzen Welt eines dieser Superschweine nach landesüblicher Art aufziehen sollen und am Ende das ultimative Superschwein gekrönt werden soll. Diese zehn Jahre später hat sich in einem abgelegenen Bergidyll zwischen herangewachsener Supersau Okja und Bauersenkeltochter Mija (An Seo Hyun) eine innige und liebevolle Freundschaft entwickelt. Da Mijas etwas verpeilter Großvater seiner Enkelin versichert, dass er Mirando Okja längst abgekauft hätte, scheint auch das enthusiastische Auftauchen von Wettbewerbsbetreuer und TV-Zoologe Dr. Johnny Wilcox (Jake Gyllenhaal) zunächst wenig besorgniserregend, bis sich herausstellt, dass Mijas Großvater gelogen hat und das Tier schon längst auf dem Weg zur Preisverleihung in New York ist. Mija akzeptiert dies jedoch nicht und macht sich auf in die Welt, um Okja um jeden Preis zurückzuholen, wobei sie unerwartet Hilfe von einer radikalen und streng pazifistischen Tierbefreiungsfront um Anführer Jay (Paul Dano) bekommt.

Originaltitel Okja
Jahr 2017
Land Südkorea, USA
Genre Komödie, Abenteuer, Satire
Regisseur Bong Joon Ho
Cast Lucy Mirando: Tilda Swinton
Johnny Wilcox: Jake Gyllenhaal
Mija: Seo Hyun Anh
Jay: Paul Dano
K: Steven Yeun
Laufzeit 121 Minuten
FSK

Erst Kinderfilm, dann Schlachthaus-Schocker

Okja kommt lange Zeit wie ein unterhaltendes, kinderfreundliches Abenteuer daher. Mit sturer Direktheit und trompetenlastiger Musikuntermalung stürmt Mija nach Seoul und ihrer computeranimierten Freundin Okja hinterher, in welcher optisch allerlei Tiere, wie Schwein, Nilpferd, Hund und Kuh vereint scheinen. Tilda Swinton als mädchenhaft-psychotische Vorstandsvorsitzende mit Kleidchen und Zahnspange, gehört zu einer ganzen Reihe unterhaltsam überzeichneter Figuren, wie Gyllenhaals quengelnder Ex-Kinderstar Dr. Wilcox oder der Tierschutzgruppe um Jay und K (Steven Yeun), die natürlich streng vegan, idealistisch und gegen jede Form von Gewalt ist. Umso stärker zeichnet sich zur Mitte des Films der Kontrast der bis dahin komischen und bunten Figuren zur Massentierhaltung und Massenschlachtung ab, auf die Okjas Schicksal ja von Anfang an hinauslaufen sollte. In nächtlichen, von kalten Neonlicht erhellten Bildern wird in dem Film ein sehr krasser Schnitt vollzogen, der mit einer Reihe drastischer Ereignisse untermalt wird. Das wunderhafte Superschwein stellt sich letztlich als Produkt der Genmanipulation heraus. Okja wird in der Schlachtfabrik an zahlreichen fehlmutierten Artgenossen vorbeigeführt, bevor sie zwecks Zucht von einem monströsen Eber implizit vergewaltigt wird und ein besoffener Dr. Wilcox dem gequälten Tier auch noch bei lebendigen Leib Fleisch für eine Geschmacksprobe entnimmt. Dies geschieht zwar ohne sich dabei in übertriebenen oder blutigen Zuschaustellungen zu verlieren, man kann sich den Effekt aber trotzdem so vorstellen, als würde man Ein Schweinchen namens Babe gucken und sich anschließend eine Dokumentation über ein industrielles Schlachthaus anschauen.

Umso passender, dass das Ende kein Alles-ist-gut ist, sondern einen bitteren Beigeschmack zurücklässt: Mija kauft Mirando dann doch Okja in letzter Sekunde ab, denn ob sie das Fleisch lebendig oder im Supermarkt kauft ist ja für den Profit letztlich egal und mit Ausnahme eines rausgeschmuggelten Superferkels bleiben Okjas Artgenossen ihrem Schicksal überlassen. Mija flüchtet mit ihrer Freundin zurück in die Abgelegenheit, während das Fließband-Leid seinen Lauf nimmt.

Emotionaler statt moralischer Appell

Wenn wir im Supermarkt ein halbes Kilo abgepacktes Frischfleisch für 2 Euro kaufen, wissen wir wahrscheinlich, dass das mal ein empfindungsfähiges Lebewesen war, das ein sehr kurzes und sehr furchtbares Leben hatte, aber wir verdrängen es leicht. Okja ruft uns diese Tatsache auf eine geschickte Art ins Gedächtnis. Passenderweise werden die Konfliktparteien von Industrie und Tierschützern in eine lachhafte Parodie überzogen, da der Konsument die Propaganda der Hersteller inzwischen wahrscheinlich genauso routiniert wegblendet wie den moralischen Zeigefinger der Tierschützer. Stattdessen wird mit den Mitteln eines kinderfreundlichen Tierfilms, mit Niedlichkeit, Freundschaft und Treue, ein emotionaler Zugang für den Zuschauer geschaffen, dem schlicht die schockierende Realität gegenübergestellt wird.

Der inhaltliche Schnitt in der Mitte hätte vielleicht noch krasser ausfallen können, aber ich bin eher dankbar, dass dies nicht der Fall war. Eine überzogen-blutige Darstellung hätte wahrscheinlich die Nachricht des Films zu sehr verwässert und durch zu viel Schockeffekt davon abgelenkt. Okja hat viele Elemente eines guten Unterhaltungsfilms: Witz, gute Dialoge, eine tolle Verfolgungsszene und große Emotionen. Dass diese Elemente nicht nur Selbstzweck sind, sondern auch auf eine treffende Gesellschaftskritik hinauslaufen, macht diesen Film meiner Ansicht nach nicht nur sehenswert, sondern auch wichtig. Irgendwie schade, dass einige Kinobetreiber diesen Film nicht einem breiteren Publikum zugänglich machen wollten.

Zweite Meinung:

Die erste Hälfte des Filmes fühlte ich mich wie ein Einkäufer im Supermarkt, der an bunten Packungen vorbeiläuft und sich die Sachen gedankenlos in den Korb schaufelt, obwohl er weiß, dass es hinter der Putenbrust in der Plastikschale richtig übel aussieht, wenn er nur einmal kurz nachdenken würde. Aber für das eigene Gewissen lässt man sich ja nur zu gern belügen. Und das ist bei dem Film die ganze Zeit so. Themen wie Genmanipulation, Labore, gefaktes Marketing etc. werden zwar angesprochen, aber es bleibt für den Zuschauer zunächst unsichtbar und man konzentriert sich auf die Fassade, die mithilfe von Musik und heiteren Dialogen aufrechterhalten bleibt. Mit der zweiten Hälfte kommt der Cut – im wahrsten Sinne des Wortes möchte man fast sagen. Man bekommt den Blick hinter die Kulissen und sieht das, wovor man auch in der Realität so oft die Augen verschließt. Die Bilder sind brutal und schonungslos, ohne dabei jedoch ins übertrieben Blutige abzurutschen. Man müsste sich selbst gewaltig hinterfragen, wenn man hier jetzt anfangen würde die gezeigten Personen in „gut“ und „böse“ einzusortieren. Das unterscheidet „Okja“ von Filmen, die sich auch an Kinder richten, in denen diese Einordnung zumeist doch sehr einfach geht. Ich hatte zudem nicht das Gefühl, als würde einem hier gerade die Moralkeule über den Schädel gezogen werden. Man bekommt die unterschiedlichen Sichtweisen zu hören und kann sie sogar – aus dem jeweiligen Blickwinkel – nachvollziehen. Auch der Mann mit dem Bolzenschussgerät hat am Ende des Tages ein Gesicht und macht nur seine Arbeit. Und dann landet man letztlich doch wieder bei sich selbst und kann sich fragen, wo man selbst steht. Der Film ist schrecklich. Nicht, weil er schlecht ist. Im Gegenteil. Er ist schrecklich, weil er einen aus dieser vorgekaugelten Idylle, der wir uns täglich hingeben, herausreißt. Mit Okja bekommen die Tiere ein Gesicht. Einen Namen. Man sieht nicht mehr die anonyme Masse. Verstärkt wird das zusätzlich noch dadurch, dass die Tiere superschlau sind, fast schon menschliche Züge haben. Für mich persönlich hätte es das nicht gebraucht und ich empfand es fast als eine Spur drüber, weil die Botschaft auch so klar gewesen wäre und die Emotionen vermutlich genauso rübergekommen wären.
Den Schluss könnte man dann fast schon als vorgehaltenen Spiegel betrachten. Sind wir trotz allem sehr schnell wieder bereit, die Augen zu verschließen?

Dritte Meinung:

Ich will diesen Film erst einmal mit dem Gefühl umschreiben, das mich von der ersten Sekunde bis zur letzten nicht losließ: Falsch!
Irgendetwas ist falsch an dem Film und ich kann es nicht bestimmen, irgendwas stimmt nicht, ist befremdlich und passt nicht zusammen und das nicht auf eine negative Art und Weise. Vielleicht ist es einfach so, dass der Film genau das möchte. Alleine schon beim Betrachten des Plakates fragte ich mich, wer nun gut und böse ist, was ja hier ganz klar mit der schwarzen und weißen Seite suggeriert werden soll. Allerdings scheinen diese überzogenen, fröhlichen Charaktere nicht wirklich gut. Selbst für einen Kinderfilm erinnern sie eher an eine Cruella de Vil mit durchgedrehten Butler als alles andere. Die schwarze Seite dagegen wirkt eher natürlich, sympathisch und überhaupt: Warum sollte man die schwarze Seite größer machen als die weiße? Vielleicht war dieses Bild alleine der Grund, warum ich von der ersten Sekunde an dem Film gegenüber misstrauisch war und das zu Recht. Er kehrt die Unterseite nach oben und umgekehrt, aber ohne mir dabei eigentlich von der Grundinformation her etwas Neues zu erzählen. Ja, wenn man nicht darauf achtet, was man isst, dann mag es überaus überraschend sein zu sehen, wie es auf Schlachthöfen zugeht. Und ja, das niedliche kleine Lämmchen landet auf dem Teller, genau das, welches man zu Ostern noch gestreichelt hat. Das ist mir voll und ganz bewusst, ich mag Tiere, zum Knuddeln und auch auf meinem Teller. Mir ist bewusst, wie bizarr das klingt, aber das ist nun einmal das Menschsein, wenn man sich nicht entscheidet konsequent zu sein und gar nichts mehr zu essen, wie einer unserer fröhlichen ALFs in diesem Film. Und vielleicht mag es jetzt ja verständlich sein, dass ich ein besonderes Problem mit der Bauersenkeltochter Mija habe. Ich mag ihren verblendeten Egoismus nicht. Ja, sie isst Hühnchen, jagt Fische, bringt andere (darunter Okja) in Gefahr, nur um den Weg zu gehen, welchen sie sich eingebildet hat. Ihr Opa, der sie all die Jahre liebevoll großgezogen hat und für sie gespart hat? Scheiß drauf, bekommt einen vor den Latz, weil Mija plötzlich in einem Nutztier ihre einzige und beste Freundin zu finden glaubt. Ist ja jetzt nicht so, dass es nicht klar ist, dass sie irgendwann geschlachtet wird, oder? Nun, egal, mir ist auch klar, dass es notwendig für die Story ist, dass sich das Mädchen auf den Weg macht, um ihre vermeintliche Freundin zu retten, weil wir ja sonst keine hätten. Der Film nimmt alle Zutaten eines klassischen Kinderfilms, dreht sie um und macht daraus etwas völlig Neues. Gut, der Zeigefinger ist da, aber er hat einen kleinen skurrilen Hut auf, so wie alles in dem Film ein wenig überzogen ist. Von den Charakteren bis zu den Handlungen derselben.
Okja macht auf jeden Fall Spaß, tatsächlich Spaß, alleine Tilda Swinton und Jake Gyllenhaal sind gut anzusehen und ihre Darstellung wirklich unterhaltsam. Die radikale und streng pazifistische Tierbefreiungsfront ist geradezu zum Niederknien und zeigt ein sehr überzogenes und doch sehr amüsantes Bild übertriebener Charaktere, wie man sie mit Sicherheit auch manchmal in der Realität vorfinden mag. Mir gefällt allerdings der Gedanke an solch eine Institution. Wie schon erläutert, habe ich ein Problem mit Mija und ebenfalls mit Okja, bzw. dem Superschwein an sich. Es wird mir zu sehr vermenschlicht. Gut, Mittel zum Zweck, aber ich mag es nicht, wenn Tiere vermenschlicht werden, ich möchte Tiere lieber ihrer Art gerecht gehalten sehen. Okja ist einfach zu viel des Guten: empathisch, intelligent und supernützlich – kurz die eierlegende Wollmilchsau. Eine wahre Mary Sue der Tierwelt und genmanipuliert. Irgendwie weiß ich nicht, wie genau ich für sie empfinden soll, sie ist mir einfach zu irreal. Gut, aber der Film bleibt trotz der Beiden sehr unterhaltsam.

 

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Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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Ayres
Redakteur

Der Artikel hat mich ja echt neugierig auf Okja gemacht, aber ich fand ihn so schrecklich, dass ich dann nach dem ersten Drittel abgebrochen habe. Der einzige Lichtblick war Jake Gyllenhall, den Rest empfand ich ziemlich entgegen der sonstigen Sehgewohnheiten und insgesamt nervte mich das Overacting schon nach kurzer Zeit.