Orange

So manches Mal bereut man Dinge, die man gesagt oder getan hat. Wie wäre es, wenn es da ein warnendes Ich in der Zukunft gäbe, da einen vor Fehlern bewahren könnte? So ergeht es der Protagonistin in Orange. Der Manga wurde von 2016 bis 2017 bei Carlsen Manga veröffentlicht und erzählt, wie ein Mädchen eine dramatische Wendung seines Lebens verhindern muss. Zwar reist sie dafür nicht durch die Zeit, doch ihr zukünftiges Ich schickt ihr Briefe aus der Zukunft, um sie vor Fehlern der Gegenwart zu bewahren – und gleichzeitig ihr zukünftiges Leben zu verändern.

    

Naho staunt nicht schlecht, als sie einen Brief aus der Zukunft erhält. Der Schreibstil, die Inhalte – alles sieht ganz danach aus, als stamme der Brief tatsächlich von ihr selbst. Zunächst schenkt sie der Sache keinen Glauben, doch dann bewahrheiten sich die ersten Ankündigungen des Briefes. Wie sich herausstellt, gibt es auch einen guten Grund, weshalb ihr zukünftiges Ich den Brief geschrieben hat: Schlimmes bahnt sich an. Ein Schicksalsschlag, der nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Freunde verändern soll…

Einfühlsame Darstellung

Die Tragweite der sich anbahnenden Tragödie ist für Naho größer als es zunächst den Anschein hat. Denn ihre Zukunft wird, je nach Ausgang der Aufgabe, die ihr gestellt wird, anders aussehen. Damit einher geht das Liebesdreieck, welches sich mit ihren Schulkameraden Suwa und Kakeru entwickelt. Die Geschichte ist dabei behutsam erzählt: Naho reflektiert viel und macht sich viele Gedanken über sich selbst und ihre Mitmenschen. Manchmal vernachlässigt sie sich selbst dabei und stolpert in Situationen, die das eine oder andere Mal ärgerlich sind. Die Dichte an Monologen ist hoch: Naho denkt über alles zweimal nach und versucht auch immer eine Abweichung der zukünftigen Route zu betrachten. Damit das nicht zu leicht wird, werden wir allerlei Steine in den Weg gelegt: Die obligatorische Nebenbuhlerin taucht auf, die natürlich denselben Schwarm wie Naho hat. Der Angebetete, Kakeru, ist obendrein auch noch ein schwieriger Charakter, der vom Leben gezeichnet ist. Keine einfache Aufgabe für Naho, Zugang zu ihm zu entwickeln. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Eine Eigenschaft, die die Autorin ihrer Hauptfigur in die Wiege gelegt hat. Die fünf Bände bieten nicht nur Dramatik pur, sondern auch viel Alltag. Im Schulalltag eines Manga-Protagonisten bedeutet das: Schulausflug, Sportfest, Strand, Sternenfest. Orange lässt keine Gelegenheit aus, seine Figuren durch das Jahr zu schicken. Soviel Alltag tut der Charakterisierung gut. Obwohl Nahos Clique eher am Rande steht, bekommt jedes Mitglied zumindest ein Quäntchen Charakterisierung zugesprochen.

Zeitreisen und Veränderungen der Vergangenheit

Originaltitel Orange
Jahr 2012
Bände 5
Autor Ichigo Takano
Verlag Carlsen Manga (2015)
Genre Drama, Romance

Zwar ist Naho keine Zeitreisende im klassischen Sinne, doch es gibt ein Portal, welches ihr erlaubt, sich mit der Vergangenheit zu verbinden. Der Unterschied liegt darin, dass sie nur einen einzigen Versuch hat, das Geschehene zu verändern. Wieso besteht überhaupt die Möglichkeit, einen Brief durch das Raum-Zeit-Gefüge zu schicken? Die Erklärung dafür fällt holprig aus und wird eher offen gelassen als erklärt. Es wirkt, als habe sich die Zeichnerin nicht unbedingt mit der Materie befassen wollen und versuche diesen Part klein zu halten. Somit entsteht dann auch der eine oder andere Widerspruch: Wieso informiert Naho aus der Zukunft ihr vergangenes Ich nicht gleich von Anfang an, was passieren muss? Weshalb liest Naho den Brief nur seitenweise? Warum dauert es so lange, bis Naho ihre Freunde darüber informiert, dass Kakeru sterben wird? Wieso sind solche Kleinigkeiten wie Bento wichtiger?

Der Fokus liegt deutlich auf der Erzählweise und wenige auf der Geschichte selbst. Diese offenbart bei genauerem Hinsehen so manches Logikkonstrukt, in dem jeder Leser die Situation anders angegangen wäre. Dadurch entsteht leicht Abneigung gegen Naho, die sich lieber mit Kleinigkeiten aufhält, anstatt das große Ganze zu überblicken. Ein weiterer Knackpunkt: Die Handlung bietet sonst kaum Reibepunkte oder Konflikte, deswegen die Konzentration oft kleine Momente.

Der Zeichenstil besitzt Liebe zum Detail. Die Figuren sind zwar eher simpel gestaltet, doch innerhalb ihrer Gesichter spielt sich viel ab. Ichigo Takano legte beim Zeichnen besonderen Wert auf die Mimik, die viele Situationen auch ohne Worte tragen kann. Der Einsatz von Schraffuren und Rasterfolie ist ebenso hoch wie Seiten, die lediglich aus Textblöcken bestehen. Ein besonderer Hingucker sind die Cover. Carlsen Manga veröffentlichte die fünf Bände in einem schicken Papiereinband, der die Covermotive wie kleine Gemälde wirken lässt. Dabei ist die Gegenwart auf dem Cover und die Zukunft jeweils auf der Rückseite zu sehen. Auch die Kapitelbilder sind mit einem Blick für Details gestaltet worden. Über die fünf Bände erstreckt sich außerdem die Kurzgeschichte Spring-Colored Astronaut, die mit einem Kapitel pro Band beigefügt wurde.

Auf dem Papier ist Orange wirklich eine Wucht und bietet diskussionsreifen Stoff. Leider verheddert sich die Geschichte frühzeitig in Kleinigkeiten. Naho setzt die falschen Prioritäten, sorgt für Fremdschämmomente (indem sie wirklich jedes japanische Hausfrauenklischee erfüllt) und brachte mir mit ihrer stets lieben und fürsorglichen Art so manchen Frustmoment ein. Allerdings sind die männlichen Hauptcharaktere hier ein echter Lichtblick, weshalb ich Orange auch jenseits von Nahos Entscheidungen genießen konnte. Nur sobald man beginnt, den Kontext zu einzelnen Szenen und Momenten zu beleuchten, fällt auch plötzlich Licht auf das wackelige Konstrukt, auf dem der Titel sich befindet. Dennoch fällt es schwer, den Titel wirklich schlecht zu reden. Dafür ist er zu liebevoll gestaltet und die Dramaturgie zu ambitioniert.

Zweite Meinung:

Eine Handlung voller Pragmatismus und Zielorientierung ist hier sicher nicht zu erwarten. Denkt man über Kleinigkeiten zuviel nach, gibt es zu viele Stolpersteine. Emotional bietet Orange jedoch viel Atmosphäre. So sind die Figuren der Zukunft geprägt von Reue, Schuldgefühlen und Zwiegespaltenheit – aber auch dem Wissen aus Erfahrung, dass das Leben weitergeht und sich trotz Schicksalsschläge weiterhin Glück finden lässt. Parallel dazu stellen sich ihre jüngeren Versionen dem bangen Gefühl einer unsicheren Zukunft entgegen, jedoch begleitet durch den speziellen Optimismus, der der Jugend vorbehalten ist. Die Serie gewinnt am Fokus beider Zeiten, der erzählerisch miteinander verknüft ist, obwohl zwischen ihnen keinerlei Interaktion möglich ist. So verkörpern die Briefe die die Erwachsenen nur eine „Was wäre, wenn…“ Fantasie, eine emotionale Katharsis und Inspiration, da sie niemals erfahren werden, was ihre Briefe bewirken. Bei den Jugendlichen gewähren sie zwar eine Idee eines anderen Ausgangs, aber ob der wenigen Zeilen ist auch sie letztens auch nur eine vage Vorstellung. Unausweichlich bleibt das Gefühl von Bedauern, das zurückbleiben wird. So regt die Geschichte den Leser dann doch zur Reflexion an: Möchte man ein mögliches Glück aus den Händen gleiten lassen oder es bewusst zu Gunsten eines anderen aus den Händen geben? Eine Frage auf die es keine richtigen Antworten gibt, dessen Bewertung jedoch jedes einzelne Leben selbst wiederspiegelt.

Dritte Meinung:

Die Geschichte von Orange regt sehr zum Nachdenken an. Nicht nur die Charaktere, auch mich als Leser hat die Handlung sehr beschäftigt und mitgenommen. Freundschaft, Zusammenhalt und Gefühle spielen eine große Rolle. Naho ist für mich eine sehr sympathische Person, die in vielen Situationen einfach nicht weiß, wie sie sich verhalten soll. Man kann sich viel vornehmen, aber in den jeweiligen Momenten kann es schwer sein, es wirklich zu tun. Der Kopf fängt an zuviel nachzudenken, ob es nicht besser wäre, gar nichts zu tun oder anders zu reagieren. Suwa war der Mann, den ich am liebsten mochte. Er baut Naho auf, wenn es ihr nicht gut geht, gibt ihr wieder Mut und versucht alles, damit sie wieder lächeln kann. Dadurch befindet auch er sich gewissermaßen in einer Zwickmühle, bei der ich stark mitfühlen kann. Die Zeitsprünge sind für mich ein sehr schönes Thema. In der Zukunft sind die Figuren glücklich, haben eine Familie und sind noch Freunde. Wir haben unser Leben selber in der Hand, versuchen nur Sachen zu verändern und darum handeln wir. Und hier kommen die Themen Freundschaft und Liebe auf. Alle ziehen an einem Strang, unterstützen sich gegenseitig und freuen sich auf ein Lächeln. All die Gefühle und dazu die wundervollen Bilder machen für mich diese Geschichte aus.

Diesen Artikel teilen

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig „Die Werwölfe von Düsterwald“-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar