Orphan Black

Im August 2017 lief sie also auf BBC America: die letzte Folge von Orphan Black. Kurz danach wurde mit der kompletten fünften Staffel das finale Kapitel um Sarah Manning und ihre Klonschwesternschaft auch in Deutschland auf Netflix veröffentlicht. Nach vier Jahren Mitfiebern mit Sarah, Cosima, Alison und Helena bei ihrem Überlebens- und Freiheitskampf gegen die Evolutionsfanatiker von Neolution heißt es also Bilanz ziehen und hoffentlich kann auch Neugierigen die Frage beantwortet werden, ob sich das Nachholen lohnt. Spoiler-Alarm: Ja!

    

Sarah Mannings Leben verlief bisher alles andere als ideal. Als Waisenkind wuchs sie zusammen mit ihrem Pflegebruder Felix bei ihrer Pflegemutter Siobhan auf und besonders zur letzteren hegt Teilzeitganovin Sarah immer noch eher eine Streitkultur als ein wirklich liebevolles Mutter-Tochter-Verhältnis. Die Beziehung erreichte vor Kurzem ihren Tiefpunkt, als Sarah ihre leibliche Tochter Kira bei Siobhan zurückließ, um stattdessen mit dem Drogenhändler Vic durchzubrennen. Nachdem sie diesen nun ausgeraubt hat, möchte Sarah zusammen mit Kira aus der Stadt fliehen, um mit ihr einen Neuanfang zu starten. Bevor es dazu kommt, passiert jedoch etwas Seltsames: Sarah muss dabei zusehen, wie eine Frau, die exakt so aussieht wie sie selbst, vor einen fahrenden Zug springt und sich umbringt. So schockierend das zunächst ist, ergreift Sarah gedankenschnell die Gelegenheit und schlüpft vorübergehend in die Rolle ihrer verstorbenen Doppelgängerin Beth Childs. Während sie Felix einspannt, um die Verstorbene als Sarah Manning zu identifizieren, macht diese sich daran Beths Konten zu plündern, um ihren geplanten Neuanfang noch etwas zu vergolden. Ihr Vorhaben scheint zunächst auch zu klappen, bis der Polizeiermittler Art Bell sie aufgreift und Sarah herausfindet, dass sie als Beth ebenfalls Polizistin ist und als solche gerade in einer internen Ermittlung steckt, in der Beth wohl jemanden ungerechtfertigt erschossen haben soll. Das scheint zunächst ein wirkliches Problem zu sein, bis vor Sarahs Augen noch eine Doppelgängerin von ihr von einem Scharfschützen erschossen wird und Sarah nur knapp selbst mit dem Leben davonkommt. Die folgende Aufklärung von noch zwei weiteren Doppelgängern – der Soccer-Mum Alison und der Biologin Cosima –, dass Sarah genauso wie sie ebenfalls ein Klon von vielen ist und diese aktuell von einem Serienmörder gejagt werden, macht die Situation nicht gerade unkomplizierter.

Ausgangslage in der finalen Staffel

Originaltitel Orphan Black
Jahr 2013 – 2017
Land Kanada, USA
Episoden  50 (5 Staffeln)
Genre Biopunk, Thriller, Drama
Cast Sarah Manning: Tatiana Maslany
Alison Hendrix: Tatiana Maslany
Cosima Niehaus: Tatiana Maslany
Helena: Tatiana Maslany
Felix Dawkins: Jordan Gavaris
Arthur Bell: Kevin Hanchard
Siobhan Sadler: Maria Doyle Kennedy
Delphine Cormier: Évelyne Brochu
Donnie Hendrix: Kristian Bruun
Rachel Duncan: Tatiana Maslany

Nachdem sich die Zwillinge Sarah und Helena nach einigen gegenseitigen Mordversuchen versöhnt haben, beide sich den Prolethians sowie dem männlichen Gegenstück des weiblichen Leda-Klonprojekts, den Castors, erwehrt haben, geriet der Klonklub in der letzten Staffel in einen internen Machtkampf zweier Neolutionfraktionen. In diesem gingen Sarah und ihre Schwestern ein Zweckbündnis mit Rachel und Leda-Projektleiterin Susan Duncan ein, doch nun haben sich die alten Fronten zwischen dem Klonklub und dem Dyad-Institut wieder verhärtet. Sarah irrt von Rachel schwer verwundet über „Dr. Moreaus Insel“, dem Heimatrevier von Neolution, und wird dort fast von einem Wesen halb Mensch, halb Bestie getötet. Auf derselben Insel gerät Cosima als Zwangsgast in eine kleine autonome Kommune, die sich komplett den Zielen von Neolution und ihren mysteriösen Anführer P.T. Westmorland verschrieben hat, dem Mann, der die Bewegung selbst gegründet haben und schon über 170 Jahre alt sein soll. Von eben diesem wird Rachel nun die Führung des Dyad-Instituts übertragen. Sie soll sowohl das Leda-Klonprojekt wieder starten als auch die Experimente an Kira wiederaufnehmen. Auch die hochschwangere Helena mit ihren ungeborenen Zwillingen, die sich zusammen mit Alison und Donnie Hendrix noch in der Wildnis versteckt, rückt jetzt in den Fokus von Neolution und deren mysteriösen Anführer.

Handlungsverwirrungen und starke Persönlichkeiten

Wenn die Ausgangslage zu Beginn der letzten Staffel seltsam bekannt erscheint, ist das durchaus berechtigt, denn es ist dieselbe, wie auch schon zum Ende von Staffel 2. Sollte sich Orphan Black einen Kritikpunkt gefallen lassen müssen, dann leider den, dass sich der Handlungsverlauf manchmal wiederholt, im Kreis dreht oder schlicht auf der Stelle tritt. Besonders Staffel 3 und 4 wirken teilweise, als würden sie die Geschichte eher künstlich strecken. Dies ist insoweit frustrierend, dass interessante Erzählstränge wie der um Kiras Vater Cal sang- und klanglos fallen gelassen werden oder der um Felix‘ leibliche Familie im Gesamtzusammenhang überflüssig erscheint. Letztlich ist man wieder genau dort wo man bereits 2014 aufgehört hat: Sarah kämpft um Kira gegen Rachel und Neolution, während gestreckte Aspekte wie Cosimas Krankheit oder ihre komplizierte Beziehung zu Delphine in der Zwischenzeit an dramatischem Gewicht verloren haben. Wobei sich nicht sagen lässt, dass diese Staffeln überflüssig sind. Im Gesamtkontext ist es zwar so, dass die Handlung sich ein paar Mal im Wald verirrt und dann den Weg sucht, von dem sie abgekommen ist, aber die Figuren und ihre Beziehungen untereinander entwickeln sich indes weiter. Sie machen Fehler, erleiden Verluste, streiten sich, versöhnen sich und wachsen als Gemeinschaft immer mehr zusammen. Aus dem Schwachpunkt einer gestreckten Handlung entwickelt sich sogar die größte Stärke der Serie. Der zusätzliche Spielraum ermöglicht letztlich erst, dass sich die Figuren mit all ihren Hintergründen und Macken komplett ausbilden und sie ihre Plätze in den Herzen der Zuschauer einnehmen können.

Die Darstellerin von Sarah ist okay, die von Alison dagegen genial… warte.

Sonst ist es ja eher das Problem von Zuschauern, dass sie manche Schauspieler und ihre Rollen zu schwer oder zu leicht voneinander trennen können. So spielt in mancher Polizei- oder Anwaltsserie Captain Kirk die Hauptrolle und nicht William Shatner (Star Trek) oder Jason Statham vermöbelt in The Transporter oder The Mechanic die Leute und nicht Frank Martin und Arthur Bishop. Orphan Black präsentiert dagegen das seltsame Problem, dass es schwer ist, hinter den vielen Rollen von Tatiana Maslany wirklich ein und dieselbe Schauspielerin zu sehen. Klar wird mit allerlei Mitteln nachgeholfen: mit Tricktechnik, Perücken und Makeup, Akzenten und unterschiedlichen Ausdrucksweisen, aber es spricht Bände über Tatiana Maslanys Talent, dass die Zuschauer schon in der ersten Staffel Sarah, Cosima, Alison, Helena und die weiteren Klone als eigenständige Personen wahrnehmen, für die auch komplett unterschiedliche Sympathien und Abneigungen entwickelt werden können. Neben so einer absoluten Omnipräsenz der Hauptdarstellerin scheint es fast schon unmöglich, für den Rest der Besetzung einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und anfangs erreichen dies wirklich auch nur Kevin Hanchard als Art Bell und Jordan Gavaris als Felix. Im Verlauf der Serie schaffen es aber mit Maria Doyle Kennedy oder Kristian Bruun immer mehr Darsteller, eine tragende, einprägsame Rolle im Klon-Beziehungsgeflecht einzunehmen. Dabei ist es besonders interessant, dass anfänglich unscheinbare Nebenfiguren wie Scott oder Donnie immer wichtiger werden und sie auch außerhalb ihres ursprünglichen Klonumfeldes eine ganz eigene Dynamik mit anderen Maslany-Rollen entwickeln, wie die unerwartete Kombination aus Donnie und Helena.

Ich muss gestehen, dass die letzte Staffel kein Endpunkt einer vierjährigen Reise für mich war, sondern eher der eines binge-intensiven Sommers. Vielleicht ist es dieser eher konzentrierte Zeitraum, warum mich manche Storylöcher in Orphan Black etwas stärker stören. Was genau das ist, habe ich eigentlich schon oben angesprochen, wie dass Staffel 3 und 4 eher wie Streckmaterial wirken und der Serie vielleicht eine Staffel weniger gutgetan hätte, um die Handlung zu straffen. Wie die Cal-Story komplett erklärungslos links liegengelassen wurde, hat mich besonders aufgeregt und auch Cosimas Krankheit wird nach Jahren des aussichtslosen Dahinsterbens derartige Routine, dass man sich über ihre letztliche Heilung kaum mehr freuen kann. Dann wiederum merkt man aber auch, dass es manchen Drehbuchschreibern und Schauspielern ganz gut tut, ihnen extra Spielraum zu gewähren, um auch etwas Eigenes mit ihren Figuren und Rollen zu entwickeln. Dass letztlich einige Erzählaspekte ins Überflüssige abgleiten, verhindert meiner Ansicht nach leider, hier am Ende eine sehr gute Serie zu haben. Trotzdem ist es immer noch eine ziemlich verdammt gute und ich bin selbst überrascht, was für extreme Sympathien ich letztlich für Helena und das Ehepaar Hendrix (mit ihren immer abwesenderen Kindern) entwickelt habe. Mit der letzten Staffel erwartet einem definitiv ein fulminantes, ungehemmtes Finale und ein befriedigendes Ende in dem (fast) alle offenen Fragen beantwortet und alle Konflikte aufgelöst werden. Besonders schön finde ich, dass am Ende nicht alles strahlend Sonnenschein ist, sondern nochmal der Kreis geschlossen wird. Sarah ist halt immer noch eine Person, die Probleme hat, ihr Leben in den Griff zu bekommen und konsequent Verantwortung für sich und ihre Tochter zu übernehmen. Aber sie hat sich insoweit weiterentwickelt, dass sie in eine Gemeinschaft hineingewachsen ist, von der sie auch Hilfe annehmen kann.

Zweite Meinung:

Als Orphan Black-Fan der ersten Stunde war ich skeptisch, ob es der Serie gelingen würde, sich über fünf Staffeln hinweg und ohne qualitative Einbuße zu halten. Gott sei Dank hat sie die Kurve zum Ende hin nochmal bekommen. Die fünfte Staffel endet versöhnlich und ist vor allem auf den letzten Metern spannend, kann aber nicht darüber hinweg trösten, dass Orphan Black zwischen Staffel 3 und der Hälfte von Staffel 5 einige Tiefpunkte hat. Die liegen vor allem darin, dass viele Nebenschauplätze eröffnet werden, die munter immer mehr Figuren auf die Handlung loslassen, während andere Hauptfiguren zu kurz kommen. Vor allem Sarahs Entwicklung über die Staffeln hinweg fällt minimal aus und beschränkt sich auf die Mutter-Tochter-Beziehung, während Alison, die vor allem für Comedy-Momente zuständig ist, im Verlauf der Serie immer kürzer treten muss. So manches Mal hätte ich mir mehr Konsequenz und weniger Ping Pong gewünscht, insbesondere, was die Figuren Rachel und Helena betrifft. Mal gut, mal böse, mal Gefahr, mal Freundin. Mein Interesse an der Geschichte ging im Laufe der Zeit verloren, da die sie mir zu überambitioniert gestrickt ist. Gleichzeitig wuchs mein Interesse an den Figuren Alison, Donnie und Krystal, die für die unterhaltsamsten Situationen und Momente zuständig sind. Man sieht Tatiana Maslany regelrecht den Spaß am Schauspiel an, den die unterschiedlichen Rollen erfordern. Trotz aller Durchhänger zähle ich Orphan Black zu meinen Lieblingsserien, da mein Involvement über die Jahre hinweg kontinuierlich hoch war. Manch andere Serie würde sich einen solch treuen Freundeskreis, wie diese Serie ihn ohne Frage hat, nur wünschen.

 

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Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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