Re:Creators

Sicher hat sich jeder schon einmal gefragt, was wäre, wenn fiktive Figuren aus der Popkultur zum Leben erwachen und in der realen Welt auftauchen würden. Die Geschichte von Re:Creators, der Original-Serie von Studio Troyca aus der Feder von Rei Hiroe (Black Lagoon), greift ebenjenes Gedankenspiel auf und bringt fiktive Figuren verschiedenster Genres zusammen. Wie bereits bei Aldnoah.Zero arbeiten der Studioleiter und Regisseur Ei Aoki mit Komponist Hiroyuki Sawano, der abermals das Opening und den Original Soundtrack beisteuert, zusammen.

   

Eigentlich wollte sich der Schüler Souta Mizushino einfach nur die neueste adaptierte Anime-Episode seiner Lieblingsnovel ansehen, um Inspiration für seine eigene Geschichte zu sammeln. Plötzlich findet er sich jedoch mit einem Augenschlag inmitten einer Kampfszene aus der ausgestrahlten Serie wieder. Ehe er begreift was mit ihm geschieht, wird er Ziel eines Angriffs, kann aber in letzter Sekunde von einer Ritterin namens Selesia gerettet werden. Kurz darauf kehrt Souta wieder in die Realität zurück, muss aber überrascht feststellen, dass er nicht allein ist: Auch Selesia, die Protagonistin des Anime, scheint sich in der realen Welt manifestiert zu haben.

Fiktion wird Realität

Nach diesem Vorfall tauchen in Japan vermehrt Charaktere verschiedener Genres und Unterhaltungsmedien auf. Bei einigen handelt es sich um die Helden oder Antagonisten ihrer Originalwerke; andere wiederum haben ursprünglich mehr oder weniger tragende Rollen als reine Nebenfiguren gespielt. Da wäre Meteora, eine Magierin und ein Tutorial-NPC aus einem RPG. Alicetaria, eine vom Krieg gezeichnete Prinzessin und Ritterin aus einem Fantasy-Manga. Mecha-Pilot Rui, der schnell beleidigte, junge Held eines Sci-Fi-Anime. Blitz Talker, ein begnadeter Schütze und Ex-Ermittler aus einem Cyberpunk-Manga. Magane, eine zwielichtige Schülerin und Gegenspielerin aus einer Horror-Mystery-Light-Novel, die mit Wortspielen die Realität verändern kann. Yuuya, ein übermenschlich starker Schwertkämpfer und Hauptgegenspieler aus einem Fighting-Action-Manga. Und zu guter Letzt Mamika, ein naives, Streit hassendes Magical Girl. Jede dieser schillernden Figuren geht auf ihre Weise mit den Gegebenheiten der (für sie fremden) Realität um. Während Selesia und Meteora sich schnell mit Souta anfreunden können, sind andere Figuren gegenüber ihm und seiner Welt nicht auf Anhieb wohlgesonnen. Während sich das Magical Girl Mamika beispielsweise damit zurechtfinden muss, dass ihre Freundschaftsanreden keine Wirkung bei Streitereien zeigen und ihre Zaubersprüche obendrein mehr Schaden anrichten statt abzuwenden, sind Charaktere wie Blitz und Alicetaria, die in ihrer ehemaligen Welt harte Schicksalsschläge durchleben mussten, auf Vergeltung an ihre Schöpfer aus. Es dauert auch nicht lange, bis bereits die ersten Fetzen fliegen und sich schließlich die Regierung Japans mit ihren Sicherheitskräften einschaltet, um die chaotische Situation schnellstens unter Kontrolle zu bringen.

Medium Awareness – Kampf auf Metaebene

Originaltitel Re:Creators
Jahr 2017
Episoden 22 (1 Staffel)
Genre Supernatural, Mystery
Regisseur Ei Aoki
Studio Troyca

Den einen oder anderen Stereotypen wird man als Anime- und Mangakenner sicherlich aus diversen anderen Serien kennen und auf dem ersten Blick erscheinen sie alle mit ihren simpel gestrickten Motivationen eher oberflächlich. Mit der Zeit realisieren aber auch die sogenannten Creations, dass sie zu komplexeren Entscheidungen imstande sind und diverse Dinge anders wahrnehmen als zuvor. Zwar bleiben sie ihren Macken, die ihnen seitens ihrer Autoren gegeben wurden, treu, doch sind sie nun dank ihrer realen Existenz nicht mehr an ihre Rollen gebunden und gewinnen persönlichere Facetten. Auch die Schöpfer bekommen im Laufe der Serie ihren Fokus und werden sich dank ihrer real gewordenen Figuren der eigenen Schaffensprozesse und der Bedeutung, einer Welt Leben einzuhauchen, nunmehr bewusst. Das Zusammenspiel der bekannten, fast schon überzeichneten Stereotypen und die Metaebene, die bei der Interaktion mit den Schöpfern der Figuren entsteht, sind wesentliche Aspekte, welche die Serie so interessant machen.

Bereits in den ersten Folgen wird auch der Grund hinter dem Erscheinen der Creations in der Realität deutlich: Ein in Militäruniform gekleidetes, silberhaariges Mädchen namens Altair, bei dem es sich anscheinend um eine unbekannte Schöpfung handelt, hat sich eine zufällige Auswahl an Figuren in die reale Welt geholt, um mit ihnen gemeinsam die Welt und ihre Menschen zu vernichten. Jedoch lag es nicht in ihrer Macht zu entscheiden, welche Gesinnung die jeweiligen Figuren haben werden. Später stoßen noch einige weitere Figuren aus der Fiktion dazu, die den Kampf um das Schicksal der Welt nochmal spannender werden lassen. Dieser wird nicht nur zwischen den mächtigen und kampferprobten Creations ausgefochten, sondern auch auf der Metaebene. Denn auch Held Souta und die anderen Schöpfer sehen nicht tatenlos zu und starten eine großangelegte Gegenaktion auf ihre eigene, kreative Weise. Inwiefern das vonstatten geht, soll hier nicht verraten werden. Doch so viel sei gesagt: Gerade in puncto Metaebene macht Re:Creators als Kenner der Anime-/Manga-Fanszene besonders viel Spaß. Nicht zuletzt, da manche Folgen kurze Einblicke in die Schaffensprozesse der Animeproduktion und die Community allgemein bieten.

Re:Creators nimmt sich viel Zeit, wenn es darum geht, eine durchaus hohe Spannungskurve zu schaffen. Nicht immer ist die Balance zwischen Kampfszenen, Dialogszenen und Ruhemomenten geglückt. Gerade gegen Ende, wenn die finale Auseinandersetzung bevorsteht, hätte vielleicht die Reduzierung von ein, zwei Szenen, die der langatmigen Exposition dienen, nicht geschadet. Trotzdem ist die Serie immer wieder für eine Überraschung gut und schafft einen emotionalen, durchaus erfrischenden Klimax. Allgemein ist die Prämisse mit den Creations, die sich mit der Realität auseinandersetzen müssen, mal eine andere und bietet dramaturgisches Potenzial, die in meinen Augen trotz abgeschlossener Rahmenhandlung noch nicht ganz ausgeschöpft wurde. Eine Hintertür für eine zweite Staffel wurde sich jedenfalls offen gehalten.

Obwohl bei der bunt durchmischten Charakterriege und Genreauswahl spektakuläre Konfrontationen durchaus vorprogrammiert sind, sollte man zudem nicht primär mit einem Last-Man-Standing-Szenario rechnen. Die Dramaturgie wird von den einzelnen, sehr unterschiedlichen Beziehungen und Interaktionen zwischen den fiktiven Figuren untereinander und zu ihren jeweiligen Schöpfern getragen. Freunden des Foreshadowings streut der Anime immer mal wieder kleine Details für das aufmerksame Auge ein. Schon allein das Opening und das Ending geben subtile Infos über manch ein Charakter/Creation und seine Hintergrundgeschichte preis, die dem stringenten Handlungsverlauf zuliebe nicht direkt thematisiert werden. Für diejenigen, die selbst Geschichten und Figuren kreieren, hat die Serie aber nochmal durch den Bezug zu den Creators in der Serie einen anderen besonderen Reiz: Wenn sie sich mit ihren Figuren unterhalten, mit ihnen gemeinsam den Kampf bestreiten, sich streiten oder einfach nur Späße treiben, wirkt es im Grunde wie eine Metapher für die Hingabe zu den Kreationen, die in der eigenen Gedankenwelt und Phantasie durchaus ein Eigenleben besitzen. Vielleicht wird es am Ende dem einen oder anderen, egal ob Schöpfer oder nicht, wie mir ergehen, wenn der Tod und Abschied lieb gewonnener Figuren nahe geht.

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Huy Vu

Huy Vu ist ein selten aufzufindendes, größenwahnsinniges Tentakelmonster, das Game Design studiert und mit seinem Webmanga die Weltherrschaft anstrebt. Vor seinem Studium hat er für verschiedene Print- und Onlinemagazine Kolumnen und Rezensionen zu Animes, Filmen und Videospielen verfasst und tut es ab und an immer noch.

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