Achtnacht

Sebastian Fitzek ist Meister seines Faches. Seit 2006 schreibt der deutsche Autor Psychothriller, die regelmäßig auf den Bestsellerlisten landen. In seinem Werk Achtnacht, das März 2017 im Knaur-Verlag erschien, führt er die Leser erneut in die menschlichen Abgründe: Stell dir vor, du hättest die Möglichkeit, eine beliebige Person auf eine Liste zu setzen, die diejenige, die per Los ausgewählt wird, für eine Nacht vogelfrei macht. Es wäre ein Kopfgeld von zehn Millionen Euro auf sie ausgesetzt und jeder dürfte sie straffrei töten. Würdest du es tun?

  

Für Benjamin Rühmann ist das nicht nur ein Gedankenspiel, sondern wird am 08.08. erschreckende Realität. Er selbst wurde ausgewählt. Irgendwer hasst ihn so sehr, dass er ihn tot sehen möchte. Kollegen? Freunde? Die eigene Familie? Irgendein Fremder, der zufällig seinen Namen aufgeschnappt hat? Gründe, ihn nicht zu mögen, gäbe es viele. Ben ist 39 Jahre alt, geschieden, eine Tochter im Rollstuhl, die nach einem augenscheinlichen Selbstmordversuch im Krankenhaus liegt; Alkohol, Geldsorgen und der Rauswurf aus seiner Band. Das Leben läuft für ihn ohnehin alles andere als gut. Als dann eines Abends sein Gesicht mit einer Acht auf der Stirn auf einer riesigen Leinwand auftaucht, wird es auch nicht gerade besser. Ben ist unfreiwilliger Teilnehmer der „Achtnacht“, einer Website, die Mitgliedern für einen Beitrag von zehn Euro die Möglichkeit bietet, eine beliebige Person zu bestimmen. Der Achtnächter, der per Los gezogen wird, ist für zwölf Stunden vogelfrei und alle ansonsten strafbaren Handlungen gegen seine Person, werden nicht geahndet. Ein schlechter Scherz? In einem Rechtsstaat nicht denkbar? In diesem Szenario schon, denn sogar der Bundespräsident hat sich bereit erklärt, den Jäger für jede Straftat inklusive Mord zu begnadigen und obendrauf noch eine Prämie von zehn Millionen Euro zu bezahlen. Blanker Irrsinn in Bens Augen und doch eine reale Gefahr, wenn nur ein Bruchteil der Bevölkerung diesen Schwachsinn glauben sollte.

Geteiltes Leid ist halbes Leid?

Originaltitel Achtnacht
Jahr 2017
Land Deutschland
Typ Roman
Genre Psychothriller
Autor Sebastian Fitzek
Verlag Knaur

Einen Lichtblick gibt es für Ben. Immerhin ist er nicht völlig auf sich alleine gestellt. Mit ihm zusammen ist eine junge Frau – Arezu Herzsprung – nominiert, die das gleiche Schicksal teilt: Gefangen in einem mörderischen Spiel. Für beide beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit und den Rest Deutschlands; bzw. vielmehr Berlins, in dem die Handlung spielt. Arezu allerdings scheint mehr über das grausame Experiment zu wissen und spricht immer wieder von einem ominösen Oz, der scheinbar der Drahtzieher hinter allem ist, den aber niemand zu Gesicht bekommt. Gleichzeitig stellt sich für Ben auch immer wieder die Frage, welche Rolle seine Tochter Jule in dem ganzen Szenario eigentlich spielt. Für ihn steht schon lange fest, dass sich Jule niemals freiwillig vom Dach ihrer Wohnung gestürzt hätte. Doch die Polizei und auch seine Ex-Frau Jennifer schenken ihm keinerlei Glauben; Beweise gibt es keine und so schieben sie seine Theorie auf seine Schuldgefühle, da er es war, der das Auto fuhr, als der Unfall passierte, der seine Tochter in den Rollstuhl beförderte. Auf der Flucht vor verrückten Achtnächter-Jägern und dem Zusammensetzen der einzelnen Puzzleteile, sieht sich Ben auch immer wieder mit der Frage konfrontiert, wem er eigentlich überhaupt noch vertrauen kann. Irgendwer muss ihn immerhin nominiert haben. Wer genau ist überhaupt Arezu? Kann er sich seinem Vater anvertrauen, zu dem er keinen Kontakt mehr hat? Was ist mit seiner Ex-Frau?

Ein typischer Fitzek

Die Bücher von Sebastian Fitzek enden meist in einem großen Feuerwerk aus allerhand Absurditäten und „Darauf wäre ich ja nie gekommen!“-Ausrufen. So ist es auch mit Achtnacht. Als Leser kann man sich relativ gut in Bens Gefühlswelt einfinden und seine Hilflosigkeit und seine Gedanken nachvollziehen. Ein Entkommen aus diesem Spiel scheint nahezu unmöglich. Was würde man selbst tun?

Das Szenario mag auf den ersten Blick sehr unrealistisch wirken, jedoch scheint es durchaus möglich zu sein, wenn man Bens Schlussfolgerung dazu aufgreift und einfach annimmt, dass es sicherlich ein paar wenige Irre gibt, die glauben würden, was sie auf einer solchen Website lesen. Bens und Arezus Flucht und Suche nach der ganzen Wahrheit liest sich wie eine wilde Achterbahnfahrt. Er und Arezu sind allerhand Gefahren ausgesetzt, die letzten Endes nicht mehr nur die beiden betreffen. Als Ben endlich seine Antworten findet, ist es nicht im Entferntesten das, was er erwartet hätte. Als Leser konnte man es stellenweise bereits erahnen. Und zugegeben, eine multiple Persönlichkeitsstörung ist eine einfache Lösung, um ein Szenario noch logisch aufzulösen. Allerdings ist sie in diesem Fall doch recht passend und wirkt nicht deplatziert oder an den Haaren herbeigezogen. Dennoch setzt Fitzek noch eines obendrauf, womit nicht unbedingt zu rechnen ist und als Leser klappt man das Buch doch ganz zufrieden zu, in dem guten Gewissen, dass man mal wieder einen typischen Fitzek gelesen hat und auch den nächsten lesen wird.

Ich verschlinge Fitzek-Werke zeitnah nach dem Erscheinungsdatum und meist an einem Tag. Mittlerweile gehört er wohl zum deutschen Mainstream, wenn man es so ausdrücken möchte. Aber ich kann zumindest sagen, dass ich ihn seit seinem ersten Buch lese. Was bei ihm immer zieht, sind seine Kapitel-Cliffhanger. Er versteht es gut, sich total abgedrehte Geschichten einfallen zu lassen, die nicht immer zufriedenstellend für mich enden, da sie das eine oder andere Mal schon sehr hart an der Glaubwürdigkeit und der Grenze des Möglichen kratzen, aber der Weg bis zur letzten Seite, macht doch immer enorm viel Spaß und es spricht ja für sich, wenn man ein Buch in nur einem Tag durchliest. So ist es auch mit Achtnacht, das insgesamt einen sehr interessanten Plot hat. Allein schon wegen der Frage, die immer so mitschwingt: Wäre so ein Szenario wirklich denkbar? Ich bin Fitzek-Fan, deswegen kann ich das Buch nur weiterempfehlen. Spannend zu lesen, die Seiten blättern sich fast von alleine und auch das Ende ist in diesem Fall – na, nicht bahnbrechend innovativ – aber durchaus brauchbar. Übrigens kann man Sebastian Fitzek die persönliche Meinung auch ganz direkt per E-Mail schreiben. Er antwortet immer. Ich habe es schon mehrmals getestet.

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Prinzessin Blaubeere

Prinzessin Blaubeere studiert aktuell noch Geschichte im Hauptfach, möchte aber nach ihrem Abschluss Polizistin werden und schwitzt deshalb seit Neuestem im Fitnesstudio, in das sie ihr Einhorn Kurt (Cobain), das sie sich schon lange vor dem großen Boom angeschafft hat, leider nicht mitnehmen darf. Sie liest überwiegend Fantasy und suchtet allerhand Filme und Serien mit den unterschiedlichsten Themen – Zombies und Rosamunde-Pilcher-Kitsch dabei am unbeliebtesten. Darüber hinaus schreibt sie gerade selbst an einem Fantasyroman, in dem natürlich auch ein Einhorn vorkommt.

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