Der Hain hinter dem Herrenhaus

Frisch im Januar 2018 von Jenny Wood gepflanzt, ist Der Hain hinter dem Herrenhaus im Art Skript Phantastik Verlag herangewachsen. Die Novelle entführt uns in das Genre der Gaslichtromantik und lässt uns gemeinsam mit der Hauptfigur Konstantin ein unverhofftes Erbe antreten, zu der besagte Grünanlage gehört. Wandern wir doch einmal hindurch!

  

Konstantin Balthasar von Heerstein ist Azubi-Casanova, mit enormen Unglück beim Kartenspiel gesegnet und besitzt entsprechend so viel Geld wie volle Weinflaschen: gefährlich wenig. Seine Rettung taucht in Gestalt eines Walross-schnauzbärtigen Anwalts auf, der ihm die mehr oder minder frohe Kunde überbringt, dass ein entfernter Verwandter die letzte Reise angetreten hat und Konstantin nun das gesamte üppige Erbe, samt Anwesen, Firmenanteilen, titelgebenden Hain hinter dem Herrenhaus und sogar einem möglichen Love Interest, Sandrin der Haushälterin, zu Teil wird. Hossa! Das sorgenfreie Leben wartet!
Könnte man denken, aber das wilde Wäldchen hütet noch das ein oder andere Geheimnis und keine Firma kommt ohne raffgierigen Vorstand und kein riesiges Erbe ohne jemanden, der es einem streitig macht. Das nicht gänzlich sorgenfreie und von einem Mysterium überschattete Leben wartet!
…Hossa?

Mysteriös unmysteriöses Mysterium

Originaltitel Der Hain hinter dem Herrenhaus
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2018
Typ Novelle
Bände 1
Genre Fantasy
Autor Jenny Wood
Verlag Art Skript Phantastik

‚Was hat es mit dem Wäldchen auf sich?‘, ‚Welches Geheimnis birgt der Hain?‘ könnten Fragen sein, die einem im ersten Moment durch den Kopf schießen. Die Antwort: Es ist ein magischer Ort, an dem magische Wesen leben. Punkt. That’s it. Wer nun mit einem ‚SPOILER!‘ auf den Lippen aufschreit und die Hände vor die Augen wirft,der sei beruhigt, denn die Erzählung konfrontiert Konstantin erstaunlich früh mit den, wortwörtlich, nackten Tatsachen in dieser Hinsicht – der spontan auftauchenden Dryade sei Dank. Den Zusammenstoß mit dem Übernatürlichen übersteht Konstantin übrigens gut. Überraschend gut.
Und hier liegt eine erste Seltsamkeit: Der geheimnisvolle Hain, der durch Titel und Aufbau hervorgehobene Ort des Interesses, steht eigentlich gar nicht so sehr im Mittelpunkt der Geschichte. Der Hauptwidersacher ist Perlenbach, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Firma und Schnurrbart zwirbelnder raffgieriger Bösewicht. Zugegeben, er zwirbelt nicht, aber niemand würde mit der Wimper zucken, wenn er es täte und sich nebenbei noch Zylinder und Monokel gönnt.
Diese Verschiebung des Fokus der Geschichte ist in doppelter Weise seltsam. Erstens, weil Perlenbach die uninteressanteste Figur der Geschichte ist, und zweitens, weil der Konflikt recht unnötig wirkt. Der Vorstand möchte Konstantin nicht in den Geschäften herumwühlen sehen, und Konstantin will nicht als Geschäftewühler tätig sein. Da drängt sich eine gewisse Lösung auf, aber nein, Perlenbach wird zu gierig, obwohl er es recht simpel hätte haben können, wie auch das Ende zeigt. Konstantin verkauft ohnehin seine Anteile, was das Hin und Her mit seiner Firma noch einmal zusätzlich unnötig erscheinen lässt. Währenddessen bleibt der magische Hain ziemlich unberührt und wird, abgesehen von einer fiebertraumartigen Sequenz nicht einmal betreten. Statt das Mit-, Gegen-, und im Falle der Dryade auch Übereinander Konstantins mit magischen Wesenheiten aller Art zu beobachten – immerhin hat er das Fantasy-Äquivalent eines Multi-Kulti-Wohnblocks im Garten – muss der schnöden Geschäftsintrige die Stirn geboten werden.

Haushälterheldin

Die Geschichte über Konstantins Erb-Erlebnisse werden vollständig aus seiner Perspektive erzählt und auf ihm liegt auch der Hauptfokus der Handlung. Und hier liegt auch schon ein wenig der Satyr im Pfeffer. Konstantin ist keine fürchterliche Figur, auch wenn man, mit gutem Recht, ab und an den Drang verspürt, ihm einige Ohrfeigen zu verpassen. Die Sache ist nur, dass mit ihm recht wenig passiert. Er beginnt als mittelloser Lebemann mit Hang zum Karten- und Liebesspiel und endet als unerhört reicher Lebemann mit Hang zum konstanten Liebesspiel. Immerhin: Die Karten ist er losgeworden, aber ansonsten bleibt er recht einseitig und entwicklungsresistent. Kleinere Lehren aus der Geschichte zieht er durchaus, aber maßgebliche Heldin ist Sandrin, die Haushälterin. In mehr als einer Hinsicht. Sie ist mit Abstand der spannendste Charakter und es ist schade, dass auf ihr nicht der vollständige Fokus liegt. Im Ernst: Sie ist Wächterdruidin, Kommunikationsrohr zu hainischen Königen, Mischerin magischer Mixturen UND Powermaid in spe! Andere wären froh, wenn sie NUR den Haushalt hinkriegen würden.  Sie unterstützt, rettet und bekocht Konstantin aus allen Richtungen. Als Belohnung darf Sie ihn sogar behalten und muss nur gedanklich ausblenden, dass er bei der erstbesten Gelegenheit mit ihrer Dryadenfreundin geschlafen hat.
…Hossa?

Nun ist es natürlich immer etwas unsinnig, zu behaupten, irgendeine Geschichte sei besser, wenn dieses und jenes der Fall wäre. Fakt bleibt aber, dass Konstantin selbst zum Finale hin eher passiv und zögerlich bleibt, trotz der Tatsache, dass er sich vorgenommen hat, nicht mehr nur Spielball der anderen zu sein. Auch den ihm oft nachgesagten Charme will man nicht so recht in der Charakterzeichnung finden und zurück bleibt eine gutmeinende Figur, die zu oft mit Magen und offener Hose denkt.

Schade ist das erste Wort, was mir einfällt. Der Hain hinter dem Herrenhaus ist nicht das, was ich erwartet habe. Die abgeschieden ruhige Atmosphäre eines alten Herrenhauses, ein geheimnisvoller Hain im Hintergrund. Die Möglichkeiten waren da. Aber es liegt nicht alleine an meiner Erwartungshaltung, dass ich nicht so recht in die Geschichte fand. Der primäre Konflikt mit Perlenbach wollte mir gar nicht gefallen und Konstantins teils fragwürdiges, teils ‚Oh, bitte, mach es nicht‘ Handeln hat es nicht viel besser gemacht. Rettung in der Not ist einzig Sandrin, die mir als Figur wirklich gut gefallen hat und die gerne irgendwann ein eigenes Buch haben darf.
Wer sich nicht an dem eher unmysteriösen Mysterium stört und mit Konstantin eher warm wird, kann es sich an einem Abend beim heimischen Herrenhauskaminfeuer zur Gemüte führen. Ich würde dem Hain aber eher fernbleiben.

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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