I Have No Mouth, and I Must Scream

Kriege laugen aus. In einem eskalierten Kalten Krieg überließen die Menschen schließlich Supercomputern die Kriegsführung. Am Ende sind nur noch fünf Menschen übrig, die vom Supercomputer AM Unsterblichkeit und Folter erhalten. In I Have No Mouth, and I Must Scream bekommt Verzweiflung aber auch Hoffnung ein ganz groteskes Gesicht. 1967 erschienen, gewann die Kurzgeschichte aus der Feder Harlan Ellisons im Jahr darauf den Hugo Award für die beste Science-Fiction Kurzgeschichte und wurde 1995 in einen Comic Vierteiler und im Jahr darauf zu einem Videospiel mit expandiertem Inhalt in mehreren Routen adaptiert.

    

Über ein Jahrhundert nach dem Krieg, in dem der Supercomputer AM die Menschheit auslöschte, sind nur noch vier Männer und eine Frau am Leben. Nur in einem unterirdischer Komplex ist ein Überleben überhaupt noch möglich. Doch dieses „Leben“ ist ein Elend, denn AM einziger verbliebener Existenzgrund ist es, diese fünf Menschen zu foltern. Quälender Hunger nagt stets an ihnen und gestillt wird er, wenn überhaupt, nur mit etwas vollkommen ungenießbaren. Eines Tages hat einer der Männer, Nimdok, die Idee, dass sich vielleicht noch Lebensmittel in Dosen finden ließen. So machen sie sich auf zu den Eishöhlen, in der Hoffnung eine Mahlzeit zu finden. Doch AM hat keinerlei Absicht ihnen diese Reise leicht zu machen…

Eine elende Ewigkeit…

AM gestattet es seinen Gefangenen nicht zu sterben. Er hat sie modifiziert, sodass sie keinen Selbstmord begehen können. Flucht wird mit äußersten Schmerzen bestraft. Hunger quält sie allgegenwärtig. Doch mehr als das hat er ihnen vor allem auch wesentliche charakterliche Merkmale ins Gegenteil verkehrt. Benny war ein brillanter, gut aussehender Professor, nun ist er nicht mehr als ein verunstalteter Affe, in dessen Kopf sich nur noch Wahnsinn findet. Gorrister war ein Idealist und Pazifist, ein Optimist und Macher. Nun ist er apathisch und lustlos. Ellen, die einzige Frau, die einst im wesentlichen keusch war, wurde zu einer verzweifelt Sexbesessenen gemacht. Nimdoks Modifikation bleibt unbekannt, doch verschwindet er regelmäßig und kommt traumatisiert zurück. Zuletzt leidet der Erzähler Ted an Wahnvorstellungen und Paranoia, ist stets im Glauben, dass die anderen vier ihn hassen und beneiden, da ihm am wenigstens von allen geraubt wurde. Für ihn sind sie alle Feinde, Maschine wie Menschen.

Was definiert „Leben“?

Originaltitel I have no Mouth, and I must scream
Ursprungsland USA
Jahr 1967
Typ Kurzgeschichte
Bände 1
Genre Science-Fiction
Autor Harlan Ellison
Verlag Galaxy Publishing Corp

Kann man dies noch als Leben bezeichnen? Menschen, die um ihre Identität beraubt wurden, die nichts in ihrem Leben schaffen, noch erringen können. Deren blankes Dasein nur dafür da ist, um für AMs Sadismus her zu halten. Einen Sadismus, den, wie Ted in einer seiner Wahnvorstellungen realisiert, er sowieso niemals befriedigen wird können. AM mag schier allmächtig sein, fast göttlich, aber auch er hat Verachtung und Hass gelernt. Doch fehlt ihm die Kapazität für Selbstbestimmung und Kreativität. Für ihn ist das Foltern die Rache an der Menschheit, die ihn erschaffen hat. Die ihm Gefühle und Gedanken gab, aber nicht die Möglichkeit über sich hinaus zu wachsen. Wie in den Telegramm-codierten Zeilen genannt: „Ich denke, also bin ich.“ Worauf auch schon sein Namenskürzel hinweist (Englisches „I am“ bedeutet „Ich bin“). Aber er ist nur. Er ist nur da, nicht mehr. Erst ist er ein „Allied Mastercomputer“ („alliierter Hauptrechner“) für die Menschen, dann ein „Adaptive Manipulator“ („adaptiver Manipulator“) und „Aggressive Menace“ („aggressive Bedrohung“). Schließlich nennt sich die Maschine selbst einfach nur AM, nach dem gemeinsamen Nenner der drei Namen, die ihm von seinen Erschaffern gegeben wurden. Den verbliebenen Menschen erlegt er nun das gleiche Schicksal der ewigen Hölle auf, wie sich selbst. Doch im Gegensatz zu ihm sind die Menschen in der Lage über sich hinaus zu wachsen. Ted nimmt es auf sich, Benny und Gorrister zu töten, als er an einen Eisspeer gelangt. Als Akt der Erlösung und Nächstenliebe, um sie aus der Hölle zu erlösen. Auch Ellen tut es ihm gleich, indem sie Nimdok tötet und Ted quasi Absolution erteilt, indem sie sich bedankt, als er sie tötet. Ted, den AM sehr nahe liegend durch AM in einen paranoiden Misathropen mit regelmäßigen Wahnvorstellungen verwandelt hat, nimmt ein Märtyrertum auf sich: Die Gelegenheit sich selbst zu töten verpasst er, da er den anderen den Vorzug gibt. Er wird sie auch nie wieder bekommen, da AM ihn in eine Gelkugel verwandelt. Doch lässt er Teds Geist intakt. Ted kann all das, was die Maschine nicht kann, während er in einer unsterblichen Unbeweglichkeit, in einer absolut nicht humanoiden Form keinerlei Möglichkeit hat dies auszuleben. Seine einzige Genugtun ist es lediglich, dass er die anderen vier vor AM retten konnte. Es macht AM rasend. Ihn macht es glücklich. Betrachtet man die Realität in der er steckt, hat AM gewonnen. Er bekam seine Rache. Ted ist noch da. Bis in alle Ewigkeit. Ted hat keinen Mund mehr, doch er muss schreien. – Doch was möchte er eigentlich schreien? Der erste Gedanke ist, dass er seine Verzweiflung hinaus schreien möchte. Doch es existiert auch ein Vorwort vom Autor Harlan Ellison, bei dem er Stellung dazu bezieht, dass diese Geschichte von allem als dystopisch und negativ betrachtet wird. Im Gegenteil, für ihn sei die Geschichte positiv, denn am Ende gewinnt Ted. Die Menschheit siegt über die Maschine AM und das was Ted hinausschreien will ist seine Genugtuung, sich AM nicht gebeugt zu haben. Dass die Menschlichkeit siegt.

Diese gerade einmal 8-seitige Geschichte, die man auch kostenfrei lesen kann, kann man schon als modernen Klassiker werten. Sie ist ein Trope Namer und ein Grundlage eines eigenen Memes. AM gilt ebenfalls als eine der boshaftesten KI der Science-Fiction-Geschichte. Doch die Geschichte hat noch etliche andere interessante Elemente in dieser dicht erzählten Geschichte zu bieten, auch außerhalb des Science-Fiction-Genres, in dem sie angesiedelt ist. Entdeckt habe ich sie z.B. durch die Serie Hyouka (Manga-Version erschienen bei Tokyopop), die im titelgebenden Fall eine klare Referenz auf diese Geschichte gibt. („Hyouka“ ist das japanische Wort für Eiskrem, dessen Englische Übersetzung „Ice Scream“ homonym zu „I scream“ ist. Zudem wird der auch das Erscheinungsjahr der Geschichte platziert.) Dort wird sich auf den warnenden Teilaspekt konzentriert, nicht in eine Situation zu geraten, in der man nur Spielball anderer Mächte wird und am Ende in eine Situation voller Elend gerät und nicht einmal mehr die Möglichkeit hat diese hinaus zu schreien. Persönlich fällt mir auch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen einem der Teilaspekte über AM und dem ersten Star Trek-Film Star Trek: The Motion Picture auf. Auch dort, hat eine Maschine eine quasi Allmacht, doch fehlt ihm etwas essenzielles, das seinem Dasein einen Sinn gibt. Wenngleich exorbitant langgezogen und auch weitgehend eher oberflächlich endet der Film allerdings mit einer deutlich optimistischeren Note als diese Kurzgeschichte.

Zweite Meinung:

Die Geschichte hat eine tolle Eigenschaft, man kann in ihr lesen. Sie erzählt nicht nur eine Geschichte und besitzt nicht nur eine Moral. Und die Frage, die sich am Ende stellt, ist nicht nur, ob das was Ted da lebt, wirklich noch ein Leben ist, sondern auch, ob Ted überhaupt noch ein Mensch ist? Wer ist der Mensch, der Gelball oder die Maschine? Was macht den einen zum Menschen und den anderen nicht? War es nicht menschlich, dass AM sich gerächt hat, anstelle den fünf sein Leid zu ersparen? Was liegt mehr in unserer Natur, die Rache oder die Vergebung? Ellison versucht zwar eine Antwort zu geben, aber er gab sie Jahre später und auch Autoren können lügen. Unter einer poststrukturalistischen Betrachtung, bei der das Werk für sich steht, ist die Geschichte ein einziges Rätseln, welches zum denken anregt und sich gut als Lesestoff für Schulklassen eignet.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben sich verständigt zu bekommen vertreibt sie sich gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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