Der Polarexpress

Der Schriftsteller Caldecott Medaille erschuf mit Jumanji (1982) und Der Polarexpress (1985) preisgekrönte Kinderbücher, die beide inzwischen Film-Adaptionen erhielten. Während der 90er-Hit Jumanji in Erfolg baden konnte und die Kassen klingeln ließ, hatte es Der Polarexpress 2004 nicht ganz einfach. Mit Findet Nemo und Die Unglaublichen – The Incredibles waren gleichzeitig technisch beeindruckende Animationsfilme in die Kinos gekommen, sodass es Kritikern nicht schwer fiel, die hölzerne Animation des Weihnachtsfilms anzukreiden. Dennoch reichte es für drei Oscar-Nominierungen.

Existiert der Weihnachtsmann oder existiert er nicht? Einen Abend vor Weihnachten spielen die Gedanken eines kleinen Jungen ohne Namen verrückt. Er zweifelt die Existenz des sympathischen Bartträgers an. Kaum im Bett, wird er plötzlich auf ein Geräusch aufmerksam. Direkt vor dem Haus hat eine große Dampflok angehalten, die sich ihren Weg durch eine verschneite Winterlandschaft gebahnt hat. Der Schaffner klärt den Jungen rasch auf, dass dies der Polarexpress sei, welcher natürlich den Nordpol zum Ziel habe. Nach anfänglichem Zögern begibt sich der Junge auf die Reise und trifft dabei auf weitere Kinder. Kaum hat er die erste Freundschaft geknüpft, scheint es, als müsste das Mädchen, mit dem er sich angefreundet hat, aufgrund eines verschwundenen Tickets den Zug verlassen…

Mut zum Motion Capturing endet im Uncanny Valley

Originaltitel The Polar Express
Jahr 2004
Land USA
Genre Abenteuer, Kinder
Regisseur Robert Zemeckis
Cast Der kleine Junge: Tom Hanks / Tim Schwarzmaier
Der kleine Junge (Kind): Josh Hutcherson / Tim Schwarzmaier
Schaffner: Tom Hanks / Arne Elsholtz
Landstreicher: Tom Hanks / Arne Elsholtz
Ebenezer Scrooge: Tom Hanks / Arne Elsholtz
Weihnachtsmann: Tom Hanks / Roland Hemmo
Laufzeit 96 Minuten
FSK  

Nachdem 2001 mit Final Fantasy: The Spirits within ein sündhaft teures Projekt gnadenlos floppte, bediente sich kein Regisseur mehr der Motion Capturing-Technik. Reale Szenen mit CGI-Animationen visualisiert, das war die große Hoffnung gewesen. Doch Regisseur Robert Zemeckis glaubte an diese Technik und das Projekt Polarexpress wurde auf 165 Millionen Dollar hochgestockt. Damit standen 25 Millionen Dollar mehr zur Verfügung als beim Final Fantasy-Flop. Auch die Technik wurde binnen kürzester Zeit weiter enwickelt: Vom Motion Capturing zum Performance-Capture, was zur Folge hatte, dass nicht nur Bewegungen, sondern auch Mimiken gescannt und auf die Figuren übertragen werden konnten. Der Vorteil der neuen Technik: Die Grenzen des Realfilms können bei Weitem überstiegen werden. Das bietet sich insbesondere für dynamische Szenen an, die zuhauf ihren Weg in den Film gefunden haben. Die schnellen Kamerafahrten und Rutschpartien sind derart dominant, dass Der Polarexpress kaum verbergen kann, dass er seine große Stärke voll ausspielt. Wenn der Zug durch die Schneelandschaft brettert oder die Kinder eine unendlich lange Rutsche nach unten schlittern, sorgen die Schauwerte für den größten Spaß. Gleichzeitig können die Figuren hier nicht mitziehen, denn deren hölzernes Auftreten steht im Kontrast zur temporeichen Kamera.  Der Polarexpress gilt auch als häufig genanntes Beispiel für das sogenannte „Uncanny Valley“. Dieses Phänomen beschreibt die verfehlte Akzeptanz des Zuschauers betreffend der Darstellung von Menschen, wenn die Differenz zu den Vorbildern zu groß ausfällt.

Tom Hanks kann die Banalität trotz fünffacher Ausführung nicht verbergen

Bereits in Forrest Gump arbeiteten Robert Zemeckis und Tom Hanks miteinander. Hanks hatte sich die Lizenz für die Geschichte geholt und sich gleich mit fünf Rollen auf die Castliste setzen lassen. So spielt er auch den kleinen Jungen, der wie alle anderen Kinder von einem Erwachsenen dargestellt wird. Schwierigkeiten entstanden während der Produktionsphase durch den plötzlichen Tod von Michael Jeter (The Green Mile, dessen zwei Rollen neu besetzt werden mussten. Den Aufwand sieht man dem Film in vielerlei Hinsicht an und doch lässt sich nicht kaschieren, dass hier viel Wirbel um wenig gemacht wird. Die Essenz des Films lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen und viel Raum für Botschaften bleibt hier nicht. Störend ist das nicht, immerhin könnte man das Geschehen noch immer getreu dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ abhaken. Schade ist es allerdings schon, dass dieser Film einerseits in der großen Liga mitspielen möchte und deshalb auch keine Musicaleinlagen scheut, andererseits jedoch auch sehr wenig Raffinesse aufbringt.

Ob die Magie des Polarexpresses beim Zuschauer ankommt, hängt ganz davon ab, ob er sich nur auf eine rasante Reise begeben oder auch ein geistiges Souvenir mitnehmen möchte. Visuell lohnt sich der Film allemal, auch wenn den Animationen der Figuren das Alter anzusehen ist. Inhaltlich fällt die Geschichte seelenlos aus und hinterlässt kaum Eindruck. Hinzu kommt eine Überdosis an Weihnachten, die an jeder noch so kleinsten Stelle mit viel Tamtam daherkommt. Nach diesem Film möchte man Weihnachten am liebsten ganz ausfallen lassen.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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