Wonder Woman

Nachdem sie in Batman vs. Superman: Dawn of Justice kurz über die Leinwand hüpfen durfte, gesellt sie sich nun zu der kleinen Gruppe der wenigen Superheldinnen, die ihren eigenen Film bekamen. Über den sehr mauen Streifen Supergirl (1984) wird mal der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Genauso wie über Catwoman (2004) und Elektra (2005). Nachdem Marvel mit seinen Verfilmungen vorgelegt hat, zieht DC mit Wonder Woman endlich nach und beglückt den Zuschauer mit hochwertigen Produktionen des DC Extended Universe. Die Amazone Diana, Prinzessin von Themyscira, verlässt die Paradies-Insel, um gegen den wohl mächtigsten Feind der Menschheit zu kämpfen: Krieg.

 

Themyscira ist eine paradiesische Insel, auf der nur Frauen leben. Geführt wird das Amazonenvolk von Königin Hippolyta, die eine Tochter hat, Diana. Ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum bringt die heile Welt allerdings ins Wanken, denn plötzlich taucht nicht nur ein verwundeter Pilot auf, sondern auch dessen Verfolger und mit ihnen der Krieg. Verantwortlich dafür ist Ares persönlich, den zu besiegen die Aufgabe einer Amazone darstellt: Diana. Zusammen mit dem Piloten Steve Trevor verlässt sie die Insel und zieht in die Wirren des Ersten Weltkrieges auf der Suche nach Ares. Unterstützt wird sie dabei von Trevor und seinen Freunden. Es könnte so einfach sein, wenn sie wüsste, wie Ares überhaupt aussieht. Und es könnte noch einfacher sein, wenn nicht Ludendorff und Dr. Poison einen teuflischen Plan ausheckten, um den Krieg doch noch zu gewinnen.

Die erste Frau, die Comics verfilmt

Leider nein. Gale Anne Hurd war etwas früher mit der Comic-Adaption The Punisher (2004). Somit landet Patty Jenkins auf dem zweiten Platz. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass Hurd „nur“ die Produzentin des Streifens war. Der Film orientiert sich stark an der „Entstehungsgeschichte“ aus den 40er Jahren. Damals war der Schauplatz zwar der zweite Weltkrieg und man verzichtete im Film auch auf den Wettbewerb, bei dem entschieden werden sollte, welche Amazone den Piloten begleiten wird, aber das ist mehr als verzeihlich. Der Grundtenor, dass Königin Hippolyta nicht möchte, dass ihre Tochter von der Insel geht, bleibt erhalten. Einziger Unterschied ist ihre Geburt, da sie in den frühen Comics aus Lehm geformt wurde, im Film jedoch die Tochter von Zeus und Hippolyta ist. Diese „Realität“ existiert erst seit 2011.

Erschaffen wurde die Amazone von William Moulton Marston, einem Feministen, und dessen Frau. Er erfand aber nicht nur Wonder Woman, sondern auch den Lügendetektor. Darauf spielt Dianas Lasso an, das jeden zwingt, die Wahrheit zu sagen. Gadot versteht es wie keine zweite, der Figur sowohl eine gewisse Portion Abgeklärtheit als auch Naivität zu verleihen. Die Eiscreme-Szene sorgt für ein Schmunzeln und beweist wieder einmal, dass es die kleinen Dinge sind, die sich einprägen und den Film abrunden. Besonders ihre Sprache fällt auf, denn Diana redet mit einem starken Akzent. Das dürfte Gadot nicht schwergefallen sein, da sie gebürtige Israelin ist. Sollten sich manche Zuschauer wundern, weshalb sie hier mit Akzent auftritt, im Batman-Superman-Streifen jedoch akzentfrei redet – dieser spielt ein gutes Jahrhundert nach (!) Wonder Woman. Somit hatte sie lange genug Zeit, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.
Diana und ihre Komplizen werden zum einen als Helden, zum anderen aber auch zutiefst menschlich dargestellt. So helfen Steve und sein Team Diana, stehen der Legende von Ares aber skeptisch gegenüber. Charlie leidet an einer PTBS und trinkt deswegen gerne und viel. Der Chief kennt weder Freund noch Feind, indem er sowohl mit den Deutschen als auch mit den Engländern Handel betreibt. Wonder Woman besitzt zwar Superkräfte, schafft es aber nicht, alle in diesem Krieg zu retten. So rettet sie ein besetztes Dorf, muss jedoch kurz darauf hilflos zusehen, wie dessen Bewohner einem Giftgasanschlag zum Opfer fallen.

Die erste Frau, die ein Millionen-Budget verwaltet

Originaltitel Wonder Woman
Jahr 2017 
Land  USA 
Genre   Action
Regisseur   Patty Jenkins
Cast  Diana Prince / Wonder Woman: Gal Gadot
Steve Trevor: Chris Pine
Königin Hippolyta: Connie Nielsen
General Erich Ludendorff: Danny Huston
Patrick Morgan: David Thewlis
Etta Candy: Lucy Davis
Dr. Isabel Maru / Doctor Poison: Elena Anaya
General Antiope: Robin Wright:
Charlie: Ewen Bremner
Chief Napi: Eugene Brave Rock
Laufzeit   141 Minuten
FSK   

Und wieder nein. Aber denoch schafft es nicht jeder, bei einem Budget von fast 150 Millionen US-Dollar etwa das Fünffache wieder einzuspielen. Und nicht jeder versteht es, eine so dichte Atmosphäre zu schaffen. Aber auch dieser Film hat eine längere Geschichte zu erzählen als die zweieinhalb Stunden. Um genau zu sein, überdauerte diese Geschichte 21 Jahre. Schon 1996 spielte man mit dem Gedanken, einen Film über die Amazonenprinzessin zu machen. Nach mehreren Regisseurwechseln stand man vor einem neuen Problem: Wer sollte Diana spielen? Im Gespräch waren Sandra Bullock (Speed, 1994), Catherine Zeta-Jones (Die Maske des Zorro, 1998) und Lucy Lawless (Xena – Die Kriegerprinzessin, 1995-2001). Immerhin konnte man sich auf einen Regisseur einigen, der zugleich auch das Drehbuch verfassen sollte: Joss Whedon (Buffy – Im Bann der Dämonen, 1997-2003). 2005 startete er mit dem Projekt, gab zwei Jahre später allerdings auf – ohne sein Drehbuch fertiggestellt zu haben. Danach lag das Projekt mehr oder weniger auf Eis. Zwar versuchte man es zu realisieren, aber die Hauptfrage, die sich DC und Warner Bros. stellten war die nach dem „Wie?“. 2013 suchte man gezielt weibliche Regisseure und entschloss sich zwei Jahre später für Patty Jenkins. Produziert wurde das Werk von Zack Snyder, der sich auch für 300 verantwortlich zeigte. Eine Hauptdarstellerin fand sich dann schnell: Gal Gadot, frühere Miss Israel. Für ihre Rolle als Amozonenkriegerin legte sie sich mehr als 8 Kilo Muskelmasse zu. Damit stand einem erfolgreichen Start nichts mehr im Wege. Bis auf die Tatsache, dass der Film im Libanon und in Tunesien verboten wurde. Angeblich soll Gadot während ihrer aktiven Militärzeit an Propagandaaktionen mitgewirkt haben, die sich gegen diese Länder richteten. Kurioserweise wurden frühere Filme von ihr nicht verbannt.

Easter Eggs…

Comic-Lesern dürften einige Charaktere bekannt vorkommen. Etta Candy war in den Comics der 40er und 50er Jahre Dianas beste Freundin. Hier ist sie Steves Sekretärin. Dr. Poison tauchte ebenfalls schon früh in den Comics auf. Damals trug sie die Gesichtsmaske nicht, weil sie entstellt gewesen wäre, sondern um sich als Mann auszugeben. Richtig gelungen ist ihr Brustemblem. Weder ein Vogel noch das Doppel-W, sondern eine Mischung aus beidem. Somit wird dem alten und dem neuen Kostüm Rechnung getragen. Es gibt nicht nur Anspielungen auf die Comics, sondern auch auf die Serie aus den 70ern, in denen Lynda Carter als Diana Prince brillierte. Diese bedauert immer noch, dass es ihr terminlich nicht möglich war, einen Cameo-Auftritt einzuschieben. Vielleicht klappt’s beim zweiten Teil. So ähnelt die Abschiedsszene auf Themyscira zwischen Diana und ihrer Mutter stark der Szene aus der Serie. Teilweise wurden haargenau dieselben Dialoge verwendet. Der Shoppingtrip und die Brille wurden ebenfalls aus der Serie übernommen, wobei man fairerweise sagen muss, dass Wonder Woman als Zivilistin bis in die 70er Jahre immer eine Brille trug. Was nicht genutzt wurde, ist ihre Verwandlung. Was aber verständlich ist angesichts der Tatsache, dass niemand einen menschlichen Brummkreisel wirklich ernst nehmen kann.

… und kleinere Fehler

Fast jeder deutsche höherrangige Soldat trägt einen schicken blauen Orden. Der Pour le Mérite ist zwar wirklich schön, aber nicht gerade häufig, zumindest rannte nicht jeder zweite Soldat mit so einem Orden herum. Verliehen wurde die Auszeichnung während des Ersten Weltkrieges 687 Mal und das Eichenlaub zum Pour le Mérite 122 Mal. (Der Autor vermutet, dass es sich um diesen und nicht um den Schwarzen-Adler-Orden handelt, da letzterer zur Zeit des Krieges nur noch aus Silber gefertigt wurde.) Ludendorff war wirklich Träger dieser Auszeichnung, die bis heute (seit Ende des Zweiten Weltkrieges nur im zivilen Bereich) verliehen wird – und wirklich nur verliehen. Nach dem Tod des Trägers muss der Orden zurückgegeben werden Erich Ludendorff starb nicht im Ersten Weltkrieg – und schon gar nicht durch ein Schwert. Er nahm 1923 am Hitler-Putsch teil, später allerdings wurde er ein Kritiker des Regimes, der sich lieber der Esoterik widmete. 1937 starb er an Krebs.

In Belgien liegt ein Schiff mit dem Namen „Edith Piaf“. Sollte dies eine Anspielung auf die Sängerin sein, hatte wohl jemand hellseherische Kräfte, denn zu diesem Zeitpunkt war Piaf knapp 3 Jahre alt. Dieselbe Person scheint Verwandte in Übersee zu haben, denn ein US-Waggon trägt die Aufschrift „Southern Railway“, die aber erst 1923 in Erscheinung tritt. Der Schneider von Trevors Uniform scheint entweder ein Industriespion zu sein oder ist mit den beiden Hellsehern verwandt, da Trevors deutsche Uniform einen Reißverschluss hat – zu diesem Zeitpunkt hatten aber nur amerikanische Uniformen solch einen Luxus. In der Schlossgala-Szene sieht man Flaggen mit Hakenkreuzen – diese wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg verwendet.

Ein gelungener, actionreicher Film, der es sogar schafft, einen Kino- und Superheldenverfilmungsmuffel wie mich vor die Tür zu locken. Dass sich ein paar historische Ungenauigkeiten eingeschlichen haben, ist verzeihlich; immerhin handelt es sich hier nicht um eine Dokumentation, sondern Popcornkino. Kenner der Comicvorlage freuen sich natürlich über die Anspielungen und bekannten Figuren – allen voran Etta Candy. Somit werden nicht nur Neulinge bedient. Mir gefällt, dass man sich größtenteils an die Originalgeschichte hielt. Und der Wechsel vom Zweiten zum Ersten Weltkrieg bringt etwas frischen Wind in die Sache.

Zweite Meinung:

 

Wonder Woman ist die bislang beste DC-Verfilmung und begeistert mich sehr. Vor allem die erste Hälfte bietet viele Schauwerte und Diana ist eine liebenswerte Persönlichkeit, deren Entwicklung man nur zu gerne begleitet. Neben den audio-visuellen Qualitäten sind vor allem die Charakterinteraktionen überzeugend. Die Geschichte selbst ist linear und nicht allzu kompliziert gehalten, aber das machen die vielen kleinen Charaktermomente wieder wett. Gal Gador gibt eine umwerfende Wonder Woman ab und ist DIE Vertreterin des #lovewins-Mentalität im Jahr 2017. Nur ein inhaltlicher Punkt gefällt mir nicht: Als Steve die Insel erreicht, gehen die Amazonen auf seine Verfolger los. Doch er, der auch noch unmittelbar bei Diana ist, wird aus nicht nachvollziehbaren Gründen völlig ignoriert. Er hätte hier direkt zum Feindbild der Amazonen werden müssen, stattdessen wird er ausgeblendet. Ich hoffe sehr, dass Wonder Woman als Figur weiterhin so stark aufgebaut wird und dass dieser Film den Auftakt einer langen Strecke bildet!

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Kilroy

Kilroy wäre gerne Mikrochirurg geworden, musste diesen Traum aber aufgeben. Nun ist er voll von unnützem Halbwissen und weiß nicht, wohin damit. Kilroy schreibt auch gerne, weshalb er sich hier austoben darf. Da er davon aber nicht leben kann, geht er auch noch einer bescheidenen Arbeit nach. Wenn er nicht gerade schreibt oder arbeitet, spielt er am PC oder verschlingt Unmengen an Büchern und Comics.

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