Finding Paradise

Auf dem Games-Markt haben sich in den letzten Jahren einige Trends etabliert: Mehr Multiplayer, mehr Online-Features, mehr atemberaubende Grafik, mehr Open-World. Ein 2D-Spiel mit einfacher Optik, welches sich komplett darauf konzentriert, eine ergreifende Geschichte zu erzählen – das wirkt schon fast anachronistisch. Doch genau das bekommt man mit Finding Paradise, dem Nachfolger zu To the Moon, wieder geboten. Haltet die Taschentücher bereit.

    

So ganz stimmt es ja nicht, dass Rollenspiele im Pixel-Look komplett aus der Zeit gefallen wären: Undertale hatte bereits gezeigt, dass man auch damit noch Überraschungshits landen kann. Das 2011 erschienene To the Moon und sein Nachfolger gehen jedoch noch einen Schritt weiter: Hier gibt es weder Kämpfe, noch anspruchsvolles Gameplay. Alles ist darauf ausgelegt, eine Geschichte zu vermitteln – eine gemächliche Reise durch die Erinnerungen eines Mannes, der im Sterben liegt.

Déjà-vu

Originaltitel Finding Paradise
Jahr 2017
Plattform PC
Genre Adventure, RPG
Entwickler Freebird Games
Publisher Freebird Games
Spieler 1

Finding Paradise baut auf den Stärken seines Vorgängers auf. Allem voran ist das dynamische Duo, Dr. Neil Watts und Dr. Eva Rosalene, zurück. Sie haben es sich erneut (nicht verwunderlich, wenn man dem beruflich nachgeht) zur Aufgabe gemacht, die Wünsche eines Menschen am Ende seines Lebens zu erfüllen, indem sie seine Erinnerungen verändern. Dabei wird man unweigerlich mit der Tragweite der Prozedur konfrontiert: Ein Leben rückwirkend zu verbessern bedeutet immer auch, andere Bestandteile seiner Vergangenheit zu verlieren. Die Neckereien und Albernheiten des Doktorengespanns bilden ein wichtiges Gegengewicht zur Ernsthaftigkeit, welche die Thematik mit sich bringt.

Auch die Aufteilung in drei Akte wird aus To the Moon beibehalten. Selbst wenn man früh im Spiel feststellt, dass sich die Erzählstruktur in einem entscheidenden Punkt verändert hat, so werden dennoch so viele Elemente wiederverwendet, dass immer wieder die Frage aufkommt: Ist das eine liebevolle Anspielung auf den Vorgänger, oder wollte man einfach nur ein Risiko weniger eingehen? Natürlich wird man auch Dinge aus dem Spiel A Bird Story wiedererkennen, welches eine Geschichte aus der Kindheit unseres aktuellen Patienten erzählt. Unterm Strich geht Finding Paradise aber seine eigenen Wege, dort wo es zählt: Früh im Spiel bietet Watts seiner Kollegin eine Wette an, ob hinter den seltsamen Erinnerungen des Patienten schon wieder ein Mädchen stecken mag. Der Entwickler Kan Gao kennt also die Erwartungshaltung seiner Fans, erneut eine romantisch-tragische Geschichte serviert zu bekommen. Es sei vorab jedoch so viel verraten, dass er sich nicht mit einer reinen Neuauflage seiner bisherigen Erfolge zufrieden gab. Wer die Wette gewinnt? Das findet man am besten selbst heraus.

Teil eines großen Ganzen

Finding Paradise ist komplett ohne Vorwissen früherer Teile verständlich und spielbar: Die Geschichte um den Patienten Colin ist in sich abgeschlossen. Dennoch werden einige Anspielungen und Gags nicht zünden, wenn man die bisherigen Abendteuer von Neil und Eva nicht kennt. Es wird sogar auf wichtige Teile der Handlung von To the Moon Bezug genommen – das sollte man also vorziehen, wenn man sich nicht die Überraschung verderben will. A Bird Story bietet zwar Kontext für Colins Vergangenheit und seinen weiteren Werdegang, ist jedoch auch unabhängig davon ein eigenständiges Erlebnis – die beiden Spiele schaffen es, sich ohne strikte Abhängigkeit gegenseitig zu ergänzen.

Die beiden kostenlosen DLCs zu To the Moon – „Minisodes“, welche die Geschichte rund um die Arbeit bei Sigmund Corp. erzählen – bilden den erzählerischen Rahmen für die Hauptspiele. Hier erfährt man mehr über Dr. Rosalene, Dr. Watts und einige weitere Angestellte jener Agentur, welche Menschen ein zweites Leben ermöglicht. Einige der dort aufgeworfenen Fragen werden in Finding Paradise erneut aufgegriffen, andere bleiben jedoch bis zu einem möglichen Nachfolger unbeantwortet. Es bleibt zu hoffen, dass dieser nicht so lange auf sich warten lässt, wie es beim aktuellen Titel der Fall war.

Ich war mir vor Erscheinen von Finding Paradise recht unsicher, ob es der hochgesetzten Messlatte von To the Moon gerecht werden könne, besonders nachdem das zwischendurch erschienene A Bird Story nicht so ganz meinen Geschmack treffen konnte. Glücklicherweise waren meine Zweifel unbegründet: Dem bewährten Mix aus Comedy und Tragik wird viel Zeit eingeräumt, seine ganz Stärke zu entfalten – angesichts des etwas langsam an Fahrt aufnehmenden Beginns vielleicht zu viel Zeit. Doch das Warten lohnt sich! Jeder Moment in Colins Leben trägt dazu bei, dem Finale etwas mehr Gewicht zu verleihen. Dieses ist zwar mehr „Ballade“ als „Paukenschlag“, aber wenn man sich von diesen ruhigeren Tönen nicht abschrecken lässt, wird man voll auf seine Kosten kommen. Prädikat: Unvergesslich.

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