Hidden Agenda

Die Zukunft des Fernsehens? Mit Hidden Agenda baut Sony seine Playlink-Reihe weiter aus und beweist, dass sich das Konzept, ein Spiel mittels Smartphone anstelle eines Controllers zu steuern, neben Quiz- und Karaoke-Spielchen auch für etwas ernstere Titel eignet. Hidden Agenda ist ein Thriller für bis zu sechs Personen gleichzeitig und setzt damit auf altbewährten Couch-Co-Op statt Online-Multiplayer. Entwickelt wurde der Partyspaß von Studio Supermassive Games, welches sich mit dem Horror-Titel Until Dawn einen großen Namen machte. Ob sich der Preis von rund 20 Euro rentiert, hängt allerdings stark davon ab, ob der eigene Schwerpunkt auf dem Gameplay oder dem Spielerlebnis liegt. Denn insbesondere Einzelspieler werden das Spiel ernüchtert abschließen.

  

Becky Marnie ist Polizistin und gemeinsam mit der Staatsanwältin Felicity Graves auf der Jagd nach dem Serienkiller „Trapper“, der seine Opfer ebenso hinterhältig wie grausam mit explosiven Fallen präpariert. Allerdings beschuldigt der für die Verbrechen in der Todeszelle sitzende Jonathan Finn einen anderen Täter und trotz seiner Inhaftierung geschehen weiterhin Morde. Wer ist der Killer?

Smartphone-App statt Controller: Hier ist ein interaktiver Film

Wie bei den Playlink-Spielen üblich, entfällt die Nutzung eines Controllers. Vorausgesetzt ist ein aufgeladenes Smartphone (in unserem Test mit mehreren unterschiedlichen Modellen wurden bis zu 80% Akku gefressen) mit einer zuvor aus dem Store heruntergeladenen App. Dementsprechend rudimentär fällt die Steuerung (soweit man davon sprechen kann) aus: Die Figuren werden per Touchscreen gesteuert und Antwort-Optionen müssen lediglich angeklickt werden. Damit ist der Einstieg selbst für nichtversierte Spieler barrierefrei und die einzigen Fähigkeiten, die abverlangt werden, sind Schnelligkeit und Entscheidungsfreudigkeit. Der Spielablauf von Hidden Agenda ist simpel und intuitiv. Gelangt ihr im Spiel an eine Entscheidungssituation, steuert ihr einen farbigen Cursor per Smartphone in das zur Entscheidung gehörende Kästchen. Hinzu kommen sogenannte Übernahmekarten, die sich besonders schnelle Spieler in Quicktime-Events erspielen können. Mit diesen Karten kann man sich die Steuerung für eine Einzelentscheidung unter den Nagel reißen und die Mitspieler können überstimmt werden. Die Anbindung an die App ist clever gelöst und bietet viele Extras. Beispielsweise lassen sich Charakterbiografien ansehen, Namen nachlesen oder gewählte Entscheidungen nachverfolgen.

Story? Ein einziger Vorwand für wahnwitzigen Verdächtigungsspaß…

Originaltitel Hidden Agenda
Jahr 2017
Plattform PlayStation 4
Genre Adventure
Entwickler Supermassive Games
Publisher Sony
Spieler 1 – 6
USK

Zugegeben: Die Geschichte gewinnt keinen Blumentopf. Die Suche nach dem Serienkiller hat einen langen Bart, der Verlauf ist für erfahrene Thrillerfans absolut vorhersehbar und auch die Frage nach dem Täter schnell geklärt. Aber: ihn dingfest zu machen, ist nicht ganz leicht. Hier kommen weitere Faktoren ins Spiel, die die Sache ebenso verkomplizieren wie den großen Spaßfaktor ausmachen. Bis zu sechs Spieler müssen sich entscheiden. Manchmal einstimmig (was für besonders viel Diskussionsstoff sorgt), manchmal trägt die Mehrheit die Entscheidung. Wem das nicht genügt, kann vom normalen Modus in den Wettkampfmodus wechseln. Hier bleibt das Spielprinzip beinahe gleich. Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Spieler treten gegeneinander an. Das sorgt für die richtige Würze, denn zu Beginn eines jeden Kapitels wird ein Spieler mit einem Geheimauftrag ausgestattet. Die anderen Spieler müssen nicht nur anonym tippen, wer diesen Auftrag erhalten hat, sondern auch rätseln, wie die Mission lauten könnte. Allerdings muss dabei strategisch gut gewählt werden: Das Ausreizen einer Übernahmekarte schürt Verdachtsmomente und wird der Spieler erraten, erhalten die anderen Spieler die Punkte.

… und hohem Wiederspielwert dank filmreifer Inszenierung

Bei einer Spielzeit von 90 bis 120 Minuten fällt Hidden Agenda alles andere als abendfüllend aus. Störend ist das nicht, denn durch die vielen inhaltlichen Abzweigungen, ist der Wiederspielwert besonders hoch. Bereits im Prolog darf eine große Entscheidung gefällt werden, die den Spielverlauf maßgebend prägt. Allerdings mischen sich auch jede Menge Füllfragen ins Entscheidungsfeld, die keinen großen Einfluss haben und kaum Mehrwert besitzen. Aber der eigentliche Spaß entsteht durch die Diskussion in der Gruppe. Nicht nur die Laufzeit lässt sich mit einem Spielfilm vergleichen, sondern auch die Präsentation. Wie in Until Dawn und Heavy Rain wurden die Gesichtszüge realer Schauspieler eingelesen und sorgen für eine authentische Atmosphäre. So werden beispielsweise Fans von Arrow Katie Cassidy als Becky entlarven. Die Synchronisation fällt jedoch in der deutschen Version nicht bei jedem Sprecher lippensynchron aus, was an mancher Stelle störend wirkt. Ansonsten macht die filmreife Inszenierung einen vorbildlichen Job: Die dunklen Schauplätze sorgen für ein beklemmendes Gefühl und die elektrisierende musikalische Untermalung lässt die Verdachtsmomente so richtig dramatisch aussehen.

Hidden Agenda könnte die Zukunft des Fernsehens darstellen. Welcher Zuschauer wünscht sich nicht, Einfluss auf einen Film und dessen Ende zu nehmen? Mit bis zu sechs Spielern ist der Titel zudem eine richtige Partygranate, allerdings gilt: je weniger Spieler, desto kleiner der Spaß. Um in den vollen Genuss zu kommen, sollte das Wohnzimmer vollbelegt sein. Es ist nicht immer leicht, der Geschichte zu folgen, da eine gewisse Reizüberflutung nicht von der Hand zu weisen ist: Einerseits muss man der Präsentation auf dem Bildschirm folgen, andererseits kommt die Diskussion mit den anderen Spielern hinzu und gelegentlich will man auch noch eben eine Biografie nachlesen. Hat man dann zusätzlich einen Geheimauftrag zu erledigen, kann es zum einen oder anderen stressigen Moment kommen. Doch in jedem Fall steht der Spielspaß über dem Gameplay und wer Until Dawn liebte, wird hierin einen tollen Snack finden, der die Wartezeit auf eine Fortsetzung verkürzt. Vielleicht ist Hidden Agenda auch nur ein Testballon, um auszuloten, wie Spieler das Prinzip des interaktiven Films wahrnehmen… Hoffentlich kommt mehr davon!

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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