Life is Strange

Im August 2017 hat die Veröffentlichung der Life is Strange: Before the Storm-Episoden begonnen; perfekte Ausgangslage, um sich mit dem Ursprungstitel zu beschäftigen, der 2015 erschien. Dank Prequel-Sequel-Verhältnis haben wir auch passend zum Inhalt eine wirre Zeitlichkeit und werfen somit einen Blick auf den inhaltlich nachfolgenden Vorgänger von Before the Storm. Klingt seltsam, ist aber so. Schauen wir uns also an, was Dontnod Entertainment in der vergangenen Zukunft alles geleistet hat.

    

Tagträume im Unterricht beinhalten im Klischeefall die Vorstellung der eigenen Person an einem langen Sandstrand liegend samt mit Schirmchen versehenen Cocktail. Im Normalfall irgendeine Aktivität, die außerhalb der Schule stattfindet. Und im hungrigsten Fall eine Wanderung durch ein Zuckerwatteland gespickt mit Pommes, Pizza und einem Apfel (Niemand soll behaupten, man würde sich in seiner Phantasie ungesund ernähren). Max(ine) Caulfield hat in dem Zusammenhang definitiv den schwarzen Peter der Tagträume gezogen und sieht sich, mitten in ihrem Lieblingsfach ‚Photographie‘ von ihrem Lieblingsdozenten Mr. Mark Jefferson, mit einem alles andere als ‚Lieblings‘-Tornado konfrontiert, der auf den Ort ihrer Kindheit und jetzigen Schulzeit zurast: Arcadia Bay. Als wäre das noch nicht genug, versemmelt sie eine Frage, wird von einer Mitschülerin dafür gebeutelt und wird daran erinnert, dass sie gefälligst ein Projekt in baldigster Bälde einreichen sollte. Die eher zurückhaltende und von sich selbst als ‚Geek‘ und ‚Dork‘ redende Max entscheidet sich für eine Flucht zur Toilette, nur um die Kirsche samt Schlagsahne sowie das Kuchenblech der ‚Schlechten Tag‘-Torte serviert zu bekommen. Ein Mädchen wird vor ihren Augen erschossen und plötzlich findet sie sich in ihrem Klassenraum wieder. Bald erkennt Max: Sie ist in der Lage die Zeit zurückzudrehen. Aber warum? Und wer war das Mädchen? Wieso die Auseinandersetzung auf der Toilette? Warum diese Kräfte? Hat es etwas mit dem Tornado zu tun? Hängt es mit der verschwundenen Rachel Amber zusammen? Und wo man schon dabei ist: Gibt es Bigfoot? Wie viele Fragen darf man in einer Inhaltsangabe stellen? Und warum spielen ausnahmslos alle Bullies in Highschools Football? Only time will tell.

Choose wisely…

Life is Strange wurde bei seinem Erscheinen ungemein positiv angenommen und rückte Dontnod Entertainment ein gutes Stück voran, die zuvor mit dem Action-Adventure Remember Me nur bedingt Erfolg feierten. Sie hatten nun auch eine vollkommen andere Richtung eingeschlagen, denn Life is Strange ist nicht so sehr Spiel, sondern fühlt sich vielmehr wie eine interaktive TV-Serie an. Zwar gibt es einige kleinere Rätsel und Herausforderungen, die korrektes Timing erfordern, aber sie sind nicht das zentrale Gameplay-Element. Vielmehr sind es die Entscheidungen, die der Spieler im Verlauf treffen muss. Und während die Rätseleinlagen meist nur ein müdes Gähnen der grauen Zellen erfordern und maßgeblich in der Form
*versuch Ding von hohem Regal zu nehmen und mach es dabei kaputt* *dreh Zeit zurück* *schieb Box/Stuhl/Dieselmotor zurecht* *nimm Ding von hohem Regal und fühl dich gut*
ablaufen, sind die Entscheidungen alles andere als freundlich und lassen den Kopf auf Hochtouren rattern. Man ertappt sich dabei, wie man minutenlang auf einen Auswahlbildschirm starrt und der Mauszeiger nervös hin und her ruckt, als würde er von einer extrem sadistischen Katze verfolgt. ‚Soll ich ihr wirklich empfehlen X zu tun? Wäre es nicht viel besser, wenn sie Y machen würde. Aber was, wenn das nach hinten losgeht?!‘ Hier zeigt Life is Strange eine große Stärke: Die Entscheidungen fühlen sich bedeutsam an, wobei sie nicht unbedingt pompös auftreten nach dem Motto ‚Töte A oder B‘, sondern auch gerne wesentlich kleiner ansetzen. Soll ich den Anruf annehmen oder nicht? Will ich wirklich, dass er ein Portrait von mir zeichnet? Bacon&Eggs oder doch lieber eine belgische Waffel? Sicherlich sind nicht all die kleinen Dinge für den Hauptplot relevant und verändern entsprechend auch nicht das Ende, aber trotzdem: Die Details kommen zurück und das Spiel zeigt dir, sicherlich mit einer winzigen Brise Schadenfreude, was du vergeigt hast. Und sei es nur, dass du ein Vogelnest zerstört hast, um ein Bild zu machen…you monster!

Charakter-Achterbahn

Originaltitel Life Is Strange
Jahr 2015
Plattform PC, PlayStation 3, PlayStation 4, Xbox 360, Xbox One
Entwickler Dontnod Entertainment
Publisher Square-Enix
Genre Adventure
Spieler 1
USK

Es dürfte nicht sonderlich überraschen, dass ein Spiel wie Life is Strange, ähnlich wie die ebenfalls episodisch angelegten Adventures von Telltale Games, mit der Geschichte, den Charakteren und dem emotionalen Investment des Spielers steht und fällt. Entscheidungen können so gewichtig sein, wie sie wollen: Wenn es Charaktere betrifft, die man mit einem Achselzucken in den digitalen Äther tritt, hat es kaum Bedeutung. Hier ist Life is Strange größtenteils auf der richtigen Fährte, mit ein paar Stolpersteinen auf dem Weg. Im Zentrum der Geschichte stehen Max, die zügig auf ein erstaunliches Repertoire an Spitznamen zurückgreifen kann, und Chloe, ihre Kindheitsfreundin, mit der sie seit 5 Jahren kein Wort gewechselt hat. Die Verbindung zwischen den beiden ist der Hauptfokus der Handlung und ihre Entwicklung ist vielschichtig, interessant und schlägt einem mit jedem verfügbaren emotionalen Hammer vor die Schienbeine. Es wäre übertrieben zu sagen, dass jede Szene trifft und tatsächlich wird vielleicht einmal zu oft ihre innige Beziehung nur benannt und nicht gezeigt, aber sie teilen viele starke Sequenzen miteinander und sind dabei auch noch glaubwürdig. Die Synchronsprecher tragen dazu maßgeblich bei und legen eine hochwertige Leistung hin. Allerdings sind nicht alle Figuren derart stark, denn abseits des Rampenlichts tummelt sich ein üppiger Supportcharakter-Cast, der von angenehm, nett und interessant bis hin zu ‚oh verflixt jemand hat wieder mit dem Highschool-Stereotypen-Bausatz gespielt‘ reicht. Hat man auf der einen Seite eine starke Figur wie Joyce Price, die Mutter von Chloe, wartet auf der anderen Seite schon grinsend ein übertriebener Bullie, der in den Bereichen Intelligenz und Artikulationskraft sogar von dem Football übertroffen wird, den er unausweichlicherweise zu werfen verpflichtet ist. In manchen Fällen zeigt sich im Verlauf, dass doch mehr hinter den Figuren steht, als man zu Anfang annimmt, mitunter sind sie aber doch zu überzeichnet oder haben schlicht zu wenig Zeit, als dass man eine Meinung zu ihnen aufbauen könnte.

Themen und Heringe

Als ‚Red Herring‘ werden gerne Aspekte in Geschichten bezeichnet, die von den eigentlich wichtigen Punkten ablenken sollen. Im Fall von Life is Strange scheint ein Fischer ein Loch im Netz nicht bemerkt zu haben. Nicht nur, dass viele Charaktere einen zwielichtigen Anstrich bekommen – mal mehr, mal weniger gerechtfertigt –, es werden zudem erstaunlich viele Themen angeschnitten: Teenagerschwangerschaft, Suizid, (Cyber-)Bullying, Drogen, Umweltverschmutzung, Jugendmentalität, psychische Probleme, Sterbehilfe, the list goes on. Und das erwähnt nicht einmal die Sachen, die ein wenig zwischen den Zeilen stehen. Sei es die Wirkung von Photos, der Umgang mit Vergangenheit, Nostalgie, das Auseinanderleben von Freunden, Umgang mit dem Schicksal etc. Es ergibt sich nahezu von selbst, dass nicht alles ausgiebig in den Blick genommen werden kann und so bleibt dann manches etwas zappelnd in der Luft hängen oder zappelt hilflos wie das ein oder andere rote Meerestier.

So wird abgesehen vom Anfang die abgebrochene Schwangerschaft von Dana kaum noch erwähnt und endet schlicht damit, dass sie zufrieden grinst und sagt ihr neuer Freund wisse, wie er sich schützen muss. Yay? Auch der alles andere als normal wirkende Hausmeister Eichhorn aka Samuel wird etwas vergessen. So findet man zwar immer wieder Dinge in seinem Schuppen, die definitiv auf der ‚Liste der Dinge, die dein Schulhausmeister nicht in seinem Schuppen haben sollte‘ stehen, aber es ist wohl in Ordnung, weil er Eichhörnchen füttert. So zentral die psychischen Probleme Nathans auch sein mögen, erfährt man erstaunlich wenig darüber, was exakt sein Problem ist und wie es zustande kommt. Insgesamt bekommt man immer mal wieder das Gefühl, dass ein Aspekt oder eine Spur zuviel ausgelegt wurde. Wenn sich das Spiel allerdings wirklich einen Aspekt zu Herzen nimmt, dann wird man mit intensiven Szenen und teils klugem Kommentar großzügig entlohnt. Kate Marsh und ihr Selbstmord/Selbstmordversuch, je nach Fähigkeit des Spielers, ist da gesondert hervorzuheben. Speziell in Hinblick darauf, wie sich die Figuren daraufhin im Einzelnen verhalten.

Lost in time and music

Abseits von starken Themen und Charakteren kann das Spiel mit einem eigenen Stil und einem atmosphärischen Soundtrack punkten. Die Grafik ist sicherlich nicht auf dem höchsten Niveau – gerade Texturen können aus der Nähe sehr matschig wirken –, trotzdem ist die TV-Serien artige Präsentation gelungen und mit einige der besten Sequenzen sind jene, in der ohne Spielerbeteiligung, mit Liedern untermalt, dem Geschehen gefolgt wird. Die Musik liefert in diesen Fällen mehr als jede Narration. Das große Finale wartet schließlich mit einer interessanten und eher fragwürdigen Wendung auf. Max‘ Einmischung in die Zeitlinie als eigentlichen Auslöser für den Sturm zu nehmen hat eine schöne, wenn auch extrem bittere Note. Jefferson als Psychopath dagegen ist ziemlich vorhersehbar und gleichzeitig nicht besonders überzeugend. Wie genau hat er Nathan dazu gebracht, ihm zu helfen? Was hat Nathan seinem Vater erzählt, damit er ihm einen Folterbunker unter einem verlassenen Farmhaus baut?

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass Life is Strange mich vollkommen aus den Schuhen und wieder zurück gehauen hat. Irgendwie fehlte der letzte Rest an emotionalem Investment, bei dem ich mir selbst nicht ganz sicher bin, warum er nicht da war. Das ändert aber nichts daran, dass es sich definitiv lohnt, die Geschichte des Spiels zu erleben. Starke Szenen sind garantiert, auch wenn ich bei manchen Dialogen und Figuren das Gefühl bekommen habe, dass sie im großen Buch der Highschool Settings festgeschrieben sind. Glücklicherweise gehören Chloe und Max nicht dazu. Die Beziehung der beiden ist letztlich Dreh- und Angelpunkt von allem und beide Figuren haben mir wirklich gut gefallen (und Kate Marsh samt Häschen Alice). Zwar muss ich gestehen, dass ich nicht zu 100% von der innigen Bindung der Kindheitsfreundinnen (oder Liebenden, je nachdem, wie stark man es auslegen will) überzeugt war. Oftmals hatte ich eher den Eindruck zu verfolgen, wie sich zwei Personen über die Zeit etwas auseinander entwickelt haben, sich das aber nicht immer eingestehen wollen. Das ist jetzt allerdings Gepingel auf ziemlich hohem Niveau, denn viele der Szenen funktionieren ziemlich gut, insbesondere das Ende. Abgesehen von der Sache mit Jefferson. Ich meine, im Ernst Sean Prescott, wie genau hat das Gespräch mit deinem Sohn ausgesehen?!
„Vater?“
„Ja, Sohn?“
„Kannst du mir die Scheune da kaufen und mir einen Folterbunker darunter einrichten?“
„Frag deine Mutter“
„Sie hat gesagt, du sollst entscheiden.“
„*sigh* Na gut, na gut, du kriegst deinen Bunker.
„YAY“

Wie dem auch sei: Life is Strange kann ich bedenkenlos empfehlen. Man sollte sich nur bewusst sein, dass das „Spiel“ ein sehr spezielles Gameplay aufweist. Wen die Geschichte nicht interessiert oder wer sich nicht darauf einlassen kann, wird keine Freude daran erhaben. In dem Fall hilft nur eins: Just rewind.

Zweite Meinung:

Life Is Strange ist eines meiner absoluten Lieblingsspiele. Das Gameplay steht nicht im Fokus, sondern eindeutig die Geschichte und ihre Figuren. Dies empfinde ich als positiv, denn Max ist eine sympathische Hauptheldin, mit der ich mich gut identifizieren kann. Aber auch Chloe ist eine coole Figur und zusammen geben sie ein dynamisches Duo ab. Die Stärke sind die Dialoge und die unterschiedlichen Entscheidungen, wobei hier der Aspekt des Zeitmanipulierens zum Tragen kommt. Dieses ist wirklich gut inszeniert worden, auch wenn ich zu Beginn noch einige Probleme mit dem Umgang damit hatte, was sich jedoch schnell gelegt hat. Und: Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, eine derartige Fähigkeit zu besitzen? Denn mitnichten wird damit die Bedeutung von den Entscheidungen genommen, schließlich zeigen sich viele Auswirkungen erst viel später im Verlauf der Handlung. Es ist sogar möglich, dass die unauffällige Schülerin Kate Marsh Selbstmord begeht. Je nach den vorigen Entscheidungen des Spielers stirbt sie oder bricht den Versuch doch noch ab. Bei meinem ersten Durchgang hatte ich tatsächlich versagt und musste zusehen, wie alle Bemühungen nichts brachten, da sie sich letztlich unwiderruflich in den Tod stürzte.  Interessant ist besonders die Inszenierung der Beziehung zwischen Max und Chloe. Immerhin haben sie sich fünf Jahre nicht gesehen und vor Max steht plötzlich ein blauhaariger Rebell anstatt des einfachen Mädchens, das sie einst kannte. Was mir noch besonders gut gefällt, ist die Tatsache, dass das Teenager-Szenario doch ziemlich authentisch präsentiert wird und viele wichtige Themen der Gesellschaft Platz finden.  Was besonders in Episode 4 auffällt, wenn Max in der alternativen Realität vor der Entscheidung steht, ob sie Chloe Sterbehilfe leisten soll. Es ist eine quasi unmögliche Entscheidung, die gleichzeitig die Moralvorstellung des Spielers austestet.  Offen gestanden hab ich die Entwicklung der Geschichte auch wirklich nicht vorhergesehen, sondern saß oft mit geschocktem Gesichtsausdruck vor dem Fernseher. Zusätzlich stellt das Spiel zum Ende hin eine Frage, die ich zwar traurigerweise kommen sah, den Spieler jedoch vor die wohl schwerste Entscheidung des gesamten Spiels stellt. Das Finale ist auch wirklich heftig. Jefferson ist wirklich ein kranker Straftäter und wenn ich nur daran denke, was er z.B. Rachel angetan hat, dann wird mir ganz übel. Zuletzt dann die finale Entscheidung: Alles rückgängig machen und somit Chloe sterben lassen oder doch Arcadia Bay opfern, um Chloe so zu retten? Ich hab mich für Letzteres entschieden, womit ich wohl zur Minderheit gehöre. Aber sie ist mir einfach so ans Herz gewachsen, dass ich das nicht tun konnte.  Letzten Endes macht die Atmosphäre, die mich förmlich ins Spiel gezogen hat, neben den Charakteren definitiv den Charme der Geschichte aus. Dass dabei die Grafik nicht auf dem aktuellsten Stand ist, hat mich an keiner Stelle gestört. Ich bin jedenfalls froh, dass das Spiel so viel Aufmerksamkeit bekommt, denn hier haben die Entwickler wirklich eine einzigartige Perle abgeliefert.

 

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Mort

Mort hat ‚Wie? Nicht auf Lehramt!?‘ studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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