Dark

Keine U-Bahn-Station, an der man nicht auf Plakate trifft, die die Netflix-Serie bewerben. Dark ist ihr Name. Sie sucht das Grauen… und findet es in der deutschen Provinz. Sie ist eine dunkle Bestie, die ihre Figuren durch die Epochen jagt, arme Kinder verschwinden lässt und von seltsamen Experimenten erzählt. Sie vereint Nordic Noir mit Twin Peaks und lässt das deutsche Fernsehmittelmaß in einer Staubwolke hinter sich zurück.

 

Winden, ein Provinznest in Deutschland, eingebettet zwischen dunklen Wäldern und einem AKW. Alle drei Jahrzehnte geschehen hier merkwürdige Dinge und jedes Mal beginnt es mit einer Kindesentführung. Auch jetzt scheint es wieder so weit zu sein: Die Schüler Erik und Mikkel werden vermisst und die Windener verfallen in alte Paranoia. Als dann noch die Schafe verenden, Vögel vom Himmel fallen und fremde Kinderleichen mit verbrutzelten Augen auftauchen, weiß keiner mehr, woran er ist. Während die Polizei im Dunkeln tappt, gelangt der 17-jährige Jonas Kahnwald, dessen Vater sich erst vor kurzem das Leben genommen hat, ungewollt auf die Spur des Rätsels und er erkennt, dass die Lösung in der Vergangenheit und in der Zukunft liegt – und in dem gewaltigen Höhlensystem, das Winden mit dem AKW verbindet…

German Vormarsch

Originaltitel Dark
Jahr 2017
Land Deutschland
Episoden 10 (1 Staffel)
Genre Mystery, Drama
Cast Jonas Kahnwald: Louis Hofmann
Charlotte Doppler: Karoline Eichhorn
Ulrich Nielsen: Oliver Masucci
Hannah Kahnwald: Maja Schöne
H. G. Tannhaus: Christian Steyer
Claudia Tiedemann: Julika Jenkins
Magnus Nielsen: Moritz Jahn
Martha Nielsen: Lisa Vicari
Noah: Mark Waschke
Der Fremde: Andreas Pietschmann

Dark ist die erste deutsche Produktion, die der Streaming-Dienst Netflix in die Welt pustet. Die Verantwortlichen dahinter sind die Drehbuchautorin Jantje Friese und der Regisseur Baran bo Odar, die zuletzt mit ihrem Thriller Who Am I großen Erfolg verbuchen konnten. Bei Dark handelt es sich diesmal um eine unterkühlte Mystery-Serie, deren ersten 3 Minuten mit dem Einstein-Zitat, dem berühmten Hans-Zimmer-Horn und der prestigeträchtigen Erzählerstimme von Christian Steyer durchaus große Erwartungen wecken. Groß ist auch die Herausforderung, die die Serie an den Zuseher stellt – nämlich den Überblick zu behalten. Denn im Grunde seines Herzens ist Dark eine 4-Familien-Saga, in der Kinder, Eltern und Großeltern auf verzwickteste Art und Weise miteinander verstrickt sind und in der (fast) jede Rolle mit drei Schauspielern besetzt ist.

Außen Hollywood, innen German Angst

Netflix erreicht bis zu 180 Länder, entsprechend universell ist der Stil der Serie ausgefallen. Die Ästhetik ist imposant, hollywoodmäßig und international verständlich. Das deutsche Lokalkolorit erfolgt durch passende Popkulturreferenzen, den Grimm’schen Märchenwald und das omnipräsente, alles überstrahlende (höhö) AKW. Auch der Ton macht die Serie deutsch: Winden ist ein unterkühlter Ort voll von Leuten ohne Sozialkompetenz. Isoliert vom Rest der Welt, ist hier alles trist und trostlos und wenn sich mal zwei Windener begegnen, endet das in 90% der Fälle in einer Katastrophe. Das provinzielle Deutschland in seiner schönsten Form. Auch immer mit dabei: die unterschwellige Gefahr, die vom AKW ausgeht. Nicht umsonst ist die Serie u.a. in 1986 angesiedelt, dem Jahr der Tschernobyl-Katastrophe; der unsichtbare Feind, die Atomkraft im Mysterymantel. Ja, in Dark kommt viel Dunkles zusammen. Momente der Heiterkeit wie bei Stranger Things mit dem Dark ziemlich oft verglichen wird, obgleich es eher an Twin Peaks erinnert, sucht man vergebens.

German lack of soul

Dark setzt viel auf wortlose Szenenentfaltung. Es gibt bedeutungsschwangere Blicke, ebenso schwangere Musik, imposante Aufnahmen und szenische Kontraste. Vieles funktioniert nach dem Prinzip „Show, don’t tell“. Und darin ist die Serie ziemlich gut, denn der audiovisuelle Sog ist da – man kommt nur schwer umhin, die Serie nicht durchzubingen. Bereits das Intro stellt diesen mesmerisierenden Wesenszug der Serie vor: rätselhafte, an einer vertikalen Achse gespiegelte Bilder unterlegt mit der nebelhaften Musik von Apparat und Soap&Skin. Versucht man den Bildern zu folgen, verliert man sich ein bisschen.

Trotz der guten Inszenierung fehlt es Dark dennoch irgendwie an Seele. So richtig ran an die Figuren kommt man als Zuseher nicht und sollten sie in der nächsten Folge hops gehen, dann ist einem das auch relativ egal. Es sind eher platte Symbolfiguren: der unschuldige Erlöser in seiner knartschgelben Regenjacke, der böse Priester in seiner schwarzen Limousine, der arme entstellte Lakai à la Quasimodo, die verrückt wirkende Orakel-Oma mit zerzaustem Haar. Manchmal wirkt die Serie geradezu überfrachtet in ihrer wortlosen Symbolik. Sollte es dann mal zu Dialogen kommen, erwecken sie einen eher gekünstelten Eindruck. Als in Episode 8 der Fremde dem Uhrentüftler die Wahrheit über das Zeitreisen offenbart, kauft man ihm das nur schwerlich ab. Der Aspekt des Zeitreisens wird schon von vorne herein angedeutet, aber wenn es dann mal explizit ausgesprochen wird, guckt man als Zuseher nur wie ein Auto. Dasselbe passiert, wenn auf einmal ~die Zeitmaschine~ auftaucht oder ein schwarzes Loch geboren wird.

Es ist eine Art von Authentizitätsproblem, das die Serie hat, und dessen Ursprung vielleicht in ihrer Entstehungsart liegen mag. Denn Dark ist ein Hybrid aus zwei nicht realisierten Projekten des Schöpferteams: eine Mischung aus Krimi-Drama und Zeitreise-Epos. Das Zusammenflicken dieser unterschiedlichen Genres wird nicht für jeden nahtlos geglückt sein.

German Randnotiz

Ähnlich wie der Film Donnie Darko bedient sich Dark eines eigenartigen und individuell auf die Serie zugeschnittenen Konzeptes des Zeitreisens. Wurmlöcher und der lunasolare Zyklus sind des Pudels Kern in dieser Theorie, in der Ursache und Wirkung wie wild die Rollen tauschen. Sowohl bei Donnie Darko als auch bei Dark gibt es jemanden, der die jeweilige Theorie in einem kleinen Lederbüchlein veröffentlicht hat. Allerdings ist das Ganze bei Donnie Darko wesentlich liebevoller ausgestaltet – man kann den Inhalt des Buches sogar im Internet nachlesen. So weit geht Dark dann nicht – also auch hier ein lack of soul.

Dark ist sehenswert. Handwerklich und schauspielerisch alles top. Das Opening over the top. Nur inhaltlich manchmal ein Langsamtreter, aber ein sehr attraktiver Langsamtreter. In Musikersprech würde ich sagen, Dark ist ’ne Arie, kein Rezitativ. Das heißt, Stimmungen und Gefühle werden ohne Ende und mit den schönsten Verzierungen durchgenudelt, storymäßig jedoch ist Geduld angesagt. Aber das ist nicht weiter schlimm: Spannend bleibt es trotzdem.
Schade nur, dass Dark offenbar den Anspruch hat, das Verständnis von Raum und Zeit bzw. der ganzen Realität auf Links drehen zu wollen, damit bei mir aber nicht wirklich landen kann. Dafür ist das ganze Konstrukt zu inkonsistent.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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