RIME

Mit The Sexy Brutale lieferte Tequila Works  2017 seinen zweiten Titel und ein knackiges Point’n’Click-Adventure ab. Im dritten Titel des spanischen Entwicklungsstudios geht es weit dynamischer zu: RIME verbindet knifflige Rätseleinlagen mit einer hochemotionalen Geschichte. Obwohl der Titel mit seinen 6-7 Spielstunden kurz ist, ist der Sog in die Mysterien der Insel intensiv und lässt einen so schnell auch nicht mehr los.

   

Ein heftiges Unwetter, das durch Mark und Bein geht. Das Schiff ist dem turbulenten Seegang nicht mehr gewachsen. Eine große Welle ist das letzte, was der junge Held zu Gesicht bekommt und an mehr kann er sich nicht mehr erinnern, als er auf einer sonnigen Insel sein Bewusstsein wiedererlangt. Bedeckt mit ein paar Fetzen Kleidern und ohne jegliche Kenntnis über das geheimnisvolle Eiland begibt er sich auf eine Reise, die nicht nur Kopf, sondern auch Herz erfordern wird…

Blaues Meer, marmorweiße Ruinen, mystische Statuen – alles eine Frage der Perspektive

Zugegeben: Wirklich originell ist der Aufhänger von RIME nicht. Das ist aber auch gar nicht schlimm, denn die Handlung erschließt sich erst im späteren Verlauf. Zunächst bleibt alles sehr freundlich und idyllisch, doch jedes der fünf Kapitel ist anders aufgebaut und führt den Spieler durch die unterschiedlichsten Level, um ihn seinem Ziel Stück für Stück näher zu bringen. Dass sich die Erinnerungen wie Puzzlestücke nach und nach zusammensetzen, erklärt sich quasi von selbst. Solange liegt der Fokus auf der Rätsel-Insel, denn dieser Titel verlangt in keinster Weise Action oder gar Kämpfe ab, sondern ausschließlich den Denkschmalz des Spielers. Ganz linear geht es dabei nicht zu, denn die Insel lädt zum Erkunden ein. Außerhalb der Hauptroute gibt es jede Menge Extras zu entdecken, die zum Teil Einfluss auf den Abspann nehmen können und diesem sogar einen kleinen Mehrwert liefern. Sechs verschiedene Outfits, sieben Spielzeuge, 18 Embleme, acht Schlüssellöcher und die Teile eines Schlafliedes sind in den Levels verteilt. Diese zu finden setzt nicht nur Geduld, sondern auch ein wachsames Auge voraus. Trotz der knuddeligen Optik sind Nebenpfade nämlich bestens versteckt.

Ein bisschen Journey, ein bisschen Zelda und wenig ICO

Originaltitel RIME
Jahr 2017
Plattform Microsoft Windows, Xbox One, Nintendo Switch, PlayStation 4
Entwickler Tequila Works
Publisher Greybox
Genre Action-Adventure
Spieler 1
USK

In so mancher Hinsicht weckt RIME Erinnerungen an Journey. Die Hauptfigur besitzt keine Identität, sie spricht nicht und als Spieler hat man auch nichts zu lesen. Kommunikation mit anderen Figuren erfolgt stumm über Gestiken. Dadurch werden einzelne Interaktionen umso bedeutsamer. Die einzigen Laute erzeugt der Spieler selbst, indem er die Hauptfigur summen lässt. Durch diese Aktion erweckt so manches Wandgemälde zum Leben und herumstehende Lampen entfachen eine grelle Stichflamme. Das Rätseldesign ist überschaubarer Natur, wird aber durch die unterschiedlichen Levels niemals langweilig. Meistens handelt es sich um Spiele zwischen Licht und Schatten, Zeitmanipulation oder Kistenschieberätsel, was sich erst einmal nicht spektakulär anhören mag, doch seine Bandbreite im Mix all dieser Elemente entfacht. Dadurch ergibt sich so mancher Wow-Effekt, welcher dem Spieler das Gefühl gibt, ein faszinierend durchdachtes Spiel zu spielen. Freunde der The Legend of Zelda-Reihe werden sich gleich heimisch fühlen. Letztlich erinnern die Kletterpassagen noch angenehm an ICO. RIME ist jedoch kein Titel, der dreist kopiert. Viel eher nimmt er die Stärken anderer Titel und vereint sie mit seiner eigenen Seele, nämlich der gelungenen Dramaturgie. Diese Facette sorgt auch dafür, dass die Mystery-Insel kein schlichter Atmosphärentitel bleibt, sondern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gameplay und Erlebnis schafft.

Celshading und Orchester

Grafisch werden Erinnerungen an The Legend of Zelda: The Wind Waker wach. RIME setzt auf jenen Celshading-Stil, der seit Jahren die Vorlieben der Spieler spaltet. Der Comic-Stil führt zu starken Kontrasten in der anfangs knallbunten Welt, aber auch in weniger farbenfrohen Levels imponieren die Lichtspielereien vor den monumentalen Kulissen. Auch, wenn die Optik des Titels nicht jeden überzeugen kann, so wird es sicherlich der begnadete Soundtrack tun. David García Díaz komponierte einen orchestralen und feinfühligen Klangteppich, der sich zu einer zweiten Erzählebene formt. Die Musik ist die Verbindung, die wir zu dem Jungen haben, denn jede seiner Emotionen findet Ausdruck in der akustischen Untermalung, was den Spieler hautnah an den gesammelten Erfahrungen teilhaben lässt. Apropos Erzählebene: Die tiefgründige Geschichte richtet sich klar an ältere Spieler, die schon so manche Lebenserfahrung gemacht haben. Erst im Abspann und vor allem danach lösen sich Fragezeichen auf und das Ausmaß der Geschichte dringt ins Bewusstsein ein. Anhänger philosophischer Titel erhalten mit RIME den Heiligen Gral in digitaler Form.

Noch nie hatte ich bei einem Game derart viele Gänsehaut-Momente wie bei RIME. Die unglaublich emotionale Präsentation schaffte es sogar, mich zu Tränen… nein, zu einem ganzen Tränenkollaps zu bringen, was mir de facto bislang noch nie bei einem Videospiel widerfahren ist. Es ist kaum vorhersehbar, wohin das Spiel überhaupt möchte und plötzlich läuft der Abspann und man merkt, dass ein ganz persönlicher Nerv getroffen wurde. Jedes Wort hierzu ist zuviel verraten. Kritikpunkte konnte ich tatsächlich nicht finden, denn selbst bei intensiver Suche wären dies Punkte, dem das Spiel gar nicht gerecht werden will. Vielleicht sind es die Bildratenprobleme, die manch einen verärgern werden. Ich möchte, dass dieses Spiel gespielt wird, damit man selbst entdecken kann, wie emotional und wie schön Videospiele sein können. Journey hat den Pfad geebnet und das stimmungsvolle RIME ihn veredelt. Eine echte Perle.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig „Die Werwölfe von Düsterwald“-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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