Serial Experiments Lain

In dieser Serie geht es geradezu bizarr zu. Eine Schülerin begeht Selbstmord, aber im Netz scheint sie noch zu leben. Die Grenze zwischen Realität und Cyberspace verschwimmt zunehmend und das Mädchen Lain verschwindet in einem Strudel, der die eigene Identität mit einem großen Fragezeichen versieht. Mit seinem avantgardistischen Zeichen- und Erzählstil sprach Serial Experiments Lain zur Jahrtausendwende und mit dem Eintauchen in virtuelle Welten eine ganze Generation von Animefans an, denen es nach nach inhaltsschwangerer Kost auf mehreren Erzählebenen dürstete. Heute ist die Bedeutung von Cyberwelten eine andere als zum Entstehungszeitpunkt der 13-teiligen Serie. Um dem Vergleich zwischen damals und heute noch gerechter zu werden, veröffentlichte Nipponart den ungewöhnlichen Cyberpunk-Thriller im Oktober 2017 erstmals in Deutschland als Blu-ray Komplettbox. Ein Unboxing der Gesamtausgabe findet ihr hier.

    

Die 13-jährige Lain Iwakura lebt im Tokio der nahen Zukunft. Sie ist schüchtern und kennt ihre Klassenkameraden kaum. Freunde hat sie daher nicht viele. Chisa Yomoda, eine ihrer Mitschülerinnen, begeht Selbstmord und plötzlich verhalten sich die Mädchen aus ihrer Klasse seltsam. Der Grund dafür ist kaum zu glauben: sie bekommen E-Mails von der Verstorbenen. Zwar hat Lain nicht viel mit Computern am Hut, aber durch diesen Vorfall schaltet sie nach langem wieder ihren Computer an. Chisa schrieb auch ihr eine E-Mail, in der sie behauptet, dass ihr Körper zwar tot sei, sie selbst aber im Netz weiterlebe. Lain geht der Frage nach, ob eine Tote wirklich Mails schreiben kann.

Egal wo du dich befindest…

Lain führt ein nicht gerade spannendes Leben, denn Freunde hat sie anfangs kaum. Ihr Vater ist ein computerbesessner Mensch, während ihre Mutter eher kühl ist. Lains ältere Schwester Mika lebt auch mehr vor sich hin und interessiert sich nur selten für das, was Lain so macht. Die Gespräche der Familie fallen auch meist wortkarg und desinteressiert aus. Lain ist nicht nur in der Schule ein introvertiertes Mädchen, sondern auch zu Hause. Die meiste Zeit verbringt sie in ihrem Zimmer, dabei trägt sie manchmal ein Bärenkostüm und passende Pantoffeln dazu. Generell scheint sie eine Vorliebe für Bären zu haben, denn sie besitzt auch eine Mütze mit einem aufgedruckten Bären. So ist zumindest der erste Eindruck von Lain, aber es verbirgt sich noch mehr hinter dem Mädchen. Nach der E-Mail ihrer verstorbenen Mitschülerin beschenken sie ihre Eltern mit einem neuen Computer, der Navi genannt wird. Lain entdeckt die Welt des “Wired“ (internationales Computer- und Gedankennetzwerk) für sich. Ihre Schulkameradinnen erzählen ihr, dass sie eine andere Lain im “Cyberia Cafe & Club“ gesehen haben, eine selbstbewusste Lain. Lains Schulkameradin Alice lädt Lain ins “Cyberia Cafe & Club“ ein. Obwohl Lain zunächst ablehnt, kommt sie doch zum Treffpunkt. Danach passieren immer mehr seltsame Dinge. Lain wird von Männern in Schwarz beobachtet und baut ihren Computer darauf komplett zu einem Hochleistungsrechner um….

…alle Menschen sind miteinander vernetzt

Originaltitel Serial Experiments Lain
Jahr 1998
Episoden 13 (1 Staffel)
Genre Psychological, Science-Fiction
Regisseur Ryutaro Nakamura
Studio Triangle Staff

Ursprünglich war die Serie als Horrorserie geplant und der auf diesem Gebiet spezialisierte Autor Chiaki J. Konaka wurde engagiert, um den dunklen Anstrich zu intensivieren und Fragezeichen zu streuen. Die Folgen des Animes fangen immer mit der gleichen Szene an, nämlich an einer Straßenkreuzung, die von Menschen überquert wird. Vor dem Opening spricht eine Computerstimme von “present day, present time“. Es ist nicht klar, in welcher Zeit der Anime spielt. Die Geschichte dreht sich hauptsächlich um Lain und das Netzwerk. Die Erzählung ist konfus und bietet viel Raum für Interpretationen. Lain nutzt ihren Navi sehr oft und auch in der Schule hat sie einen Mini-Navi, durch den sie ins “Wired“ reinkommt. Es erinnert stark an ein Smartphone, was ein wenig demonstriert, dass der Anime zu seiner Ausstrahlung seiner Zeit voraus war. Die Serie befasst sich allerdings nicht nur mit technischen Errungenschaften, sondern auch weitgehend mit dem Thema Identität. Im Verlauf der Serie wird immer mehr angedeutet, dass es mehrere Lains gibt. Die schüchterne, aber gute Lain und die selbstbewusste, aber bösartige Lain. Eine gespaltene Persönlichkeit, die immer deutlicher zum Vorschein kommt. Doch letztendlich ist sie eine Software, die einen Körper hat und mit allen Menschen vernetzt ist. Dadurch kann sie auch die Erinnerungen aller Menschen löschen. Was sie auch tut, denn sie führt am Ende einen Reset durch.  Lain geht der Frage nach, ob sie wirklich Lain ist. Ob ihre Familie wirklich ihre wahre Familie ist. Warum sie existiert. Obwohl sie am Anfang eher ein unscheinbares Mädchen ist, entwickelt sie sich zunehmend zu einem außergewöhnlichen und spannenden Charakter.

So wie Lain aussieht, klingt sie auch

Der Anime wirkt von seinen Farben her trist und hinterlässt einen düsteren Eindruck, was mit der Darstellung der Geschichte einhergeht.
Die Blu-Ray Version holt das Beste aus der Serie, die zum Erscheinungszeitpunkt immerhin bereits 17 Jahre auf dem Buckel hat, heraus. Für 1998 sind die Animationen ordentlich, auch wenn fehlende Konturen an mancher Stelle störend wirken können. Durch ihre eher monotone Darstellung wirken die Charaktere die meiste Zeit über roboterhaft, was von ihren Knopfaugen unterstrichen wird. Yoshitoshi ABe (Texhnolyze) ist hierbei nicht nur für das Charakterdesign zuständig, sondern fungierte auch als Ideengeber. Das Opening gibt sich visuell eher unauffällig, doch der Song “Duvet“ von Sängerin BOA passt einwandfrei zum Anime und gerade die Zeile “And you don’t seem to understand“ dürfte den Anime perfekt beschreiben. Das Ending “Tooi Sakebi“ von Reiichi Nakaido kann nicht mit dem Opening mithalten, da er weder optisch noch akustisch besondere Erlebnisse bietet. Der Soundtrack des Animes stammt von Akira Takemoto und fällt zumeist eher ruhig und düster aus. Er unterstreicht oft die unheimliche Atmosphäre. Lains deutscher Sprecherin Manja Doering (Stammsprecherin von Natalie Portman) ist passend besetzt für die nachdenkliche Hauptfigur.

Ich hörte schon viel Positives über die Serie, so waren meine Erwartungen dementsprechend hoch. Ich finde Serial Experiments Lain kann man sich gut in der Nacht anschauen und sich voll und ganz der düsteren und bedrückenden Atmosphäre des Animes hingeben. Reiht sich gut neben Monster und Higurashi – When They Cry ein, die ich mir auch eher zu dunkler Stunde zur Gemüte führe, weil sie in dieser Zeit besonders wirkungsvoll einschlagen. Durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil sticht der Anime aus der Masse heraus. Ich fühle mich vom psychologischen Aspekt an Neon Genesis Evangelion erinnert, denn tun sich einem Fragen nach der Identität des Hauptcharakters auf. Eine Antwort darauf bekommt man allerdings auch. Die Handlung ist verworren, aber gerade im späteren Verlauf spannend. Obwohl der Anime 1998 rauskam, hab ich das Gefühl, dass er perfekt in unser Zeitalter passt. Heute spielen Computer, besser gesagt das Internet, eine große Rolle. Viel hat sich in den Jahren nicht geändert, außer dass die Technik heutzutage noch viel besser ist. Der Soundtrack des Animes trifft ganz meinen Geschmack, da ich unheimliche Musikstücke sehr gern höre. Die Tracks “MJ-×ד, “Prototype A“ und “Collapsing Mika“ sagen mir hier besonders zu. Yoshitoshi ABe hat hier ein sehr eindrucksvolles Werk geschaffen, wodurch ich mit Sicherheit auch Haibane Renmei von ihm nachholen werde.

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Alva Sangai

Alva arbeitet mit viel Papierkram, was nicht unbedingt spannend ist. In ihrer Freizeit sind ihr Anime, Manga und Bollywood-Filme/Serien wichtig. Sie hört sehr gerne Musik, schreibt Geschichten und zeichnet ab und zu. Ein Tee darf dabei nicht fehlen, der auch zur Entspannung beiträgt. Besonders Schwarztee mag sie ganz gern. Ansonsten hat sie eine Schwäche für soziopathische Bösewichte, was sich öfters in ihren Lieblingscharakteren widerspiegelt.

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