The Sinner

Manchmal geht es weniger um das „Wer?“ und „Was?“, als viel eher das „Wie?“, so auch in der TV-Serie The Sinner. In deren Mittelpunkt steht die junge Mutter Cora (Jessica Biel, The Texas Chainsaw Massacre), die am hellichten Tag einen Mord begeht. Die Suche nach einem Motiv gestaltet sich schwierig und gibt ihr ebenso viele Fragen auf wie den Ermittlern. Der tiefe Weg in die Psyche wurde unmittelbar nach seiner Ausstrahlung im US-Fernsehen von Netflix für die deutsche Vermarktung eingekauft.

Nach außen hin ist das Leben von Cora Tanetti perfekt. Sie hat ihren Ehemann Mason (Christopher Abbott, Martha Marcy May Marlene), dessen Familie und ist selbst Mutter eines jungen Babys. Bei einem Familienausflug an den Strand dreht Cora plötzlich durch: Mit einem Obstmesser geht sie auf einen jungen Mann los. Sie sticht ihm in den Hals und noch weitere Male in den Körper, sodass er kurz darauf verblutet und stirbt. Cora selbst kann schon kurze Zeit später nicht realisieren, was vor wenigen Minuten geschah und wird von der Polizei abgeführt. Das Wieso, Weshalb und Warum werden von hier an das Herzstück der Serie ausmachen. Was kann das Motiv einer Mittelstandsmutter sein, deren Welt nach außen hin heil aussieht? Wieso begeht sie einen Mord vor so vielen Augenzeugen? Besteht eine Verbindung zum Opfer? Spielt das Lied, das im Radio zum Tatzeitpunkt lief, eine Rolle?

Widersprüchliche Aussagen machen die Hauptfigur greifbar

The Sinner basiert auf dem Roman Die Sünderin der deutschen Autorin Petra Hammesfahr. Inhaltlich sind Serie und Buch identisch, nur die Figuren und der Handlungsort wurden an das Produktionsland angepasst. In den USA war die Serie während ihrer Ausstrahlung im Sommer 2017 ein großer Erfolg mit durchschnittlich 3,8 Millionen Zuschauern pro Folge. Auch die Kritiker bewerteten die Serie überdurchschnittlich hoch. In nur acht Folgen setzt sich die TV-Fassung also das Ziel, das Mysterium des Mordes aufzuklären. Da Cora als Hauptcharakter augenscheinlich völlig unwissend ist und sich die Dinge selbst nicht erklären kann, ist der Zuschauer zunächst ebenso ahnungslos und wird sich die Puzzleteile selbst zusammensammeln. Dabei setzt die Serie auf eine wendungsreiche Erzählung, in der in jeder Folge neue Geschehnisse ans Licht kommen. Nach kurzer Zeit besitzt der Zuschauer einen Informationsvorsprung gegenüber den Kriminalbeamten, denn Coras Vergangenheit wird in Rückblenden erzählt. Während die Aussagen, die sie gegenüber den Behörden tätig, einer Überprüfung der Fakten nicht standhalten können und sie sich in Widersprüche verstrickt, wird sie für den Zuschauer im Laufe der Zeit immer greifbarer. Dies geschieht in eindringlichen Szenen, die weitgehend ohne stilistische Experimente auskommen.

In medias Res

Originaltitel The Sinner
Jahr 2017
Land USA
Episoden 8 (1 Staffel)
Genre Psycho-Thriller
Cast Cora Tannetti: Jessica Biel
Mason Tannetti: Christopher Abbott
Harry Ambrose: Bill Pullman
Dan Leroy: Dohn Norwood
Caitlin Sullivan: Abby Miller

Während vergleichbare Serien wie Gypsy oder Ozark eine Zeit benötigen um sich warm zu laufen, stürzt sich The Sinner bereits nach 15 Minuten ins Geschehen. Jessica Biel überzeugt als desorientierte Cora, während Bill Pullman (Independence Day) einen eher abgedroschenen Ermittler abgibt. Eine solch charaktergetriebene Geschichte benötigt eine starke Hauptdarstellerin, die Biel in jedem Fall abgibt. Cora ist ebenso geheimnisvoll wie zerbrechlich – aus jener Ambivalenz zieht die Figur die Kraft, den Zuschauer über acht Folgen hinweg mitzuziehen. Pullmans Harry Ambrose dagegen bewegt sich auf durchschnittlicher Kriminalermittlerniveau: Ein wenig kauzig, etwas mürrisch und ungewöhnlich stark involviert, als dass dies einfach nur einer von vielen Fällen sein könnte. Somit liegt der Schwerpunkt auf einer einzigen Figur. Die Rückblenden auf Coras Kindheit rücken dabei auch ihren Standpunkt in ein neues Licht: Aufgewachsen in einer streng christlich-religiösen Familie, wurde Cora von Kindesbeinen an eingetrichtert, als Sünderin verantwortlich an allen schlimmen Dingen zu sein. So zum Beispiel, dass ihre jüngere Schwester mit schwerer Erkrankung geboren wurde – eine Prüfung Gottes. Ging es der Schwester schlecht, müsse das an Cora liegen. Das Erzeugen vieler Schuldgefühle führte nicht nur zu Trotzreaktionen, sondern auch zu einem Teufelskreis, in dem Cora nie die Hilfe erhielt, die sie zur Bewältigung benötigt hätte.

Die finale Auflösung der Geschichte ist allerdings Geschmackssache: So manche Erklärung wirkt konstruiert (was auch auf Harrys Motivation zutrifft) und sobald erst einmal in der vorletzten Folge enthüllt wird, weshalb der Mord geschah, wird das mühevoll aufgebaute Kartenhaus für so manchen Zuschauer wieder in sich zusammenfallen. Coras Motiv ist zwar nicht unter den Teppich zu kehren, aber bei weitem nicht so komplex wie die Wirrungen es vermuten lassen. Trotzdem darf man sich auf einen Abschluss einstellen. Die als Anthologie angelegte Serie wird in einer zweiten Staffel zwangsweise eine neue Geschichte mit neuen Charakteren erzählen müssen. Andere Beispiele für Anthologie-Serien sind True Detective, Black Mirror und American Horror Story.

Nach einem furiosen Start wird das Erzähltempo deutlich entschleunigt und es beginnt ein langer Tauchgang in die Psyche der Hauptfigur. Das erfordert den Willen, mehr über Cora erfahren zu wollen, sowie die Fähigkeit, sich auf eine gemächliche Entdeckungsreise zu begeben, die Linearität tunlichst vermeiden möchte. Mein Interesse an der Serie ließ ab der Hälfte spürbar nach und verschwand kurz vor Ende vollständig. Die Handlung wirkt stellenweise sehr konstruiert und lässt auch selten Gelegenheiten aus, vermeintlich sinnliche Szenen oder Anlässe körperlicher Gelüste auszuführen. So bleibt stellenweise der Eindruck des verzweifelten Quotenfangs, während die Geschichte an sich bereits hauchdünn ist und sich hinter ihren Twists versteckt.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig „Die Werwölfe von Düsterwald“-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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