Shadow Tactics: Blades of the Shogun

Mit Shadow Tactics: Blades of the Shogun feierte das Real-Time-Action-Tactic-Stealth-Genre – ein Profi, wer es dreimal hintereinander sagen kann, ohne sich die Zunge zu verknoten – im Dezember 2016 ein kleines Revival. Das dahinterstehende deutsche Studio ‚Mimimi Productions‘ wurde für seinen Titel beim ‚Deutschen Entwicklerpreis‘ mit einigen Preisen (Bestes Gamedesign, Bestes Konsolen-/Pc-Spiel, Bestes deutsches Spiel) honoriert. Am 1. August 2017 gelangte nun das Stealth-Taktik-Ninja-Paket auch auf die Konsolen (PS4, XboxOne) und wir wollen den Anlass nutzen, um uns selbst Shuriken zu schnappen sowie extrem dunkle Pyjamas anzuziehen und einen verstohlenen Blick in das alte Japan zu werfen.

Im Japan des Jahres 1615 macht es keinen Spaß, Shogun zu sein. Gerade hat man das Land nach längerem Krieg geeint und befriedet, schon warten neue Probleme. Etliche Audienzen, in denen hunderte Liter Tee getrunken werden müssen, Samurai, die sich andauernd für jeden Fehler das Leben nehmen wollen, ein mysteriöser Kriegsherr, der Rebellionen anzettelt und das Schlimmste von allen: Jedes Mal schlafen einem die Füße ein, weil man bei den Anhörungen stundenlang auf den eigenen Beinen sitzen muss. Während eine Lösung für das fiese Kribbelgefühl noch immer auf sich warten lässt, ist der Shogun zumindest bezüglich der Kriegsherren-Rebellions-Angelegenheit nicht auf sich alleine gestellt. Unter der Führung seines treuen Samurai Mugen sammelt sich eine kuriose, aber extrem effektive Truppe, die sich der Bedrohung durch Kage-Sama, dem ’schattenhaften‘ Revoltenanzettler, widmen sollen. Zu der Gruppe gehören: der tödliche Ninja Hayato, die junge Diebin Yuki, der erfinderische Scharfschütze Takuma, die wandlungsfähige Kunoichi Aiko und der wohl gefährlichste Begleiter von allen…der abgerichtete, knuddelwuddelige Marderhund Kuma.
Mit Tarnung, Geschick, Präzision und extremer Plüschigkeit versuchen sie, die Pläne des dunklen Kriegstreibers zu vereiteln.

Ninjas going Commando
Wer die Bezeichnung ‚Real-Time-Action-Tactic-Stealth-Game‘ hört, kann sich eventuell wenig darunter vorstellen. Shadow Tactics ist in der Essenz ein geistiger Nachfolger der Commando– und Desperado-Reihen. Allen liegt dabei das gleiche Spielprinzip zugrunde: Man startet mit einer Auswahl an Charakteren auf einer großflächigen Karte; das Geschehen wird von oben betrachtet. Ziel ist es, unterschiedliche Aufgaben auf der Karte wie bspw. das Meucheln wichtiger Gegner, das Stehlen eines bestimmten Objekts, das Sabotieren eines noch wichtigeren Objekts u.a. Dinge, die

Originaltitel Shadow Tactics – Blades of the Shogun
Jahr 2016
Entwickler MiMiMi Productions
Publisher Daedalic Entertainment
Genre Echtzeit-Taktik, Stealth
Spieler 1
USK

Ninjas und Saboteure eben gerne tun, zu erledigen, ohne dabei von den Wachen entdeckt zu werden. Um ungesehen voranzukommen, müssen die eigenen Figuren über die Karte geschickt und ihre Fähigkeiten sinnvoll miteinander kombiniert werden. Zudem kann man sich per Klick den Sichtkegel einer Wache anzeigen lassen. Tatsächlich ist aber weder diese Funktion, noch die unterschiedlichen Werkzeuge der Charaktere der größte Helfer des Spielers, vielmehr ist es die gesegnete Schnellspeichertaste. Denn wer bei der bisherigen Beschreibung dachte ‚Ah ok, möglichst leise sein und wenn es daneben geht, den Weg freischießen‘, irrt gewaltig. Das Motto des Spiels ist nicht ‚Stealth oder Rambo‘, sondern ‚Stealth. Punkt. Deal with it.‘. Wird eine der eigenen Figuren von einer Wache entdeckt, wird sofort Alarm geschlagen und das ganze gegnerische Heer wird in Aufruhr versetzt, zudem stürmen neue Wachen herbei und bleiben auch fortan auf der Karte. Im Klartext heißt das: Alarm=Schnellladentaste drücken. Nach kurzer Zeit dürfte sich bei dem geneigten Spieler in etwa folgender Rhythmus einstellen:
‚Beobachtung der Situation‘
‚Schnellspeichern‘
‚Testen, ob Wache alleine ist‘
‚Schnellladen; sie war es nicht‘
‚Versuchen, Wache wegzulocken‘
‚Schnellladen, zu viele angelockt‘
‚Bessere Strategie entwickeln‘
‚Schnellladen, weil ein dämlicher Fehler gemacht wurde‘
‚Ultimative Strategie ausklügeln‘
‚Wache unbemerkt ausschalten‘
‚Schnellspeichern‘
‚Sich wie ein Meisterninja fühlen, der vom Stealthgott gesegnet wurde‘
‚Schnellladen, weil man zu lange gewartet hat, die Leiche wegzuschaffen‘
Das Prinzip dürfte klar sein. Dabei sollte einen das viele Speichern und Laden nicht irritieren, die Wartezeiten sind extrem kurz. Nur das erste Hineinladen in eine Missionskarte dauert eine gewisse Zeit, worauf das Spiel sogar selbst hinweist. Wer zudem zu der Sorte Spieler gehört, die sich längst an ein bequemes im Hintergrund ablaufendes Autospeichern gewöhnt hat, kann beruhigt aufatmen. Das Spiel blendet bei Bedarf einen Counter ein, der darauf hinweist, wie lange die Absicherung zurückliegt. Neben einem zittrigen Speicherknopffinger sind ein geduldiger Spielstil sowie eine gewisse Frustresistenz bei Shadow Tactics Pflicht.

Hinterhältige Niedlichkeit
Natürlich sind die eigenen Charaktere nicht vollkommen wehrlos, sondern haben alle spezielle Fähigkeiten und Eigenheiten. So kann bspw. Hayato einen wiederverwertbaren Shuriken werfen, Yuki eine Falle aufstellen sowie Gegner mit Flötenspiel anlocken und Aiko ist sogar in der Lage sich zu verkleiden, insofern ein passender Kimono von einer Dame ‚ausgeliehen‘ wurde. All das verblasst allerdings gegen die wohl mächtigste (und haarigste) Waffe der Truppe: Kuma, der Marderhund.
Takuma, sein Herrchen, kann ihn aussenden und im passenden Moment seine speziellen Fähigkeiten zum Einsatz bringen: Er quiekt knuffig und tanzt. Wachen, die dieses Schauspiel erblicken, können nicht anders als zu ihm zu gehen und sich zu denken ‚Awwww, it’s sooooo fluffy‘ ohne zu wissen, dass sie in eine tödliche Falle geraten sind. Es wirkt so falsch, die Knuffigkeit auszunutzen und Wachen mithilfe von Kuma in die Falle von Yuki zu locken, trotzdem bereitet es einem eine gewisse Befriedigung. Das Leben eines Ninja ist wahrhaft düster.
Ein wichtiges Feature bei der Benutzung der Fähigkeiten ist der sog. ‚Shadow Mode‘, der es einem erlaubt, die Aktionen der Charaktere in eine Warteschlange zu legen und sie, per Knopfdruck, gleichzeitig ausführen zu lassen. So kann man bspw. Yukis Flötenspiel nutzen, um eine Wache in eine Richtung zu lenken und sofort Hayato hinterrücks auf ihn zulaufen lassen, um ihm den Rest zu geben. Das mag zunächst wie eine nette Spielerei klingen, wird aber essentiell, um schwierige Situationen zu meistern.
Problematisch ist hier lediglich, dass sich manche Fähigkeiten der Charaktere stark ähneln und gerade Kenner der oben genannten Serien (Commandos, Desperados) überrascht sein werden, wie wenig Unterschiede es zwischen den Ninjas der Edo-Zeit und dem Sonderkommando im zweiten Weltkrieg gibt, zumindest was die grundsätzliche Funktionsweise des Stealth-Instrumentariums angeht. Die Figuren fühlen sich zwar immer noch aufgrund der Kombination an Fähigkeiten einzigartig genug an, aber wirklich neue Werkzeuge gibt es nicht. Das ist aber nur ein geringer Wermutstropfen für die taktischen Möglichkeiten, die die vorhandenen Instrumente bieten.

Less talking, more stabbing
Es dürfte nicht verwundern, dass Titel dieser Art einen sehr großen Fokus auf das Gameplay legen und die Geschichte meist eher eine Randerscheinung ist. ‚Shadow Tactics‘ bietet eine durchaus solide Handlung, die zwar keine wirklichen Überraschungen aufweist, aber ihren Zweck erfüllt. Sie hält einen bei der Stange und wird durch Zwischensequenzen in Spielegrafik erzählt. Alle Figuren der eigenen Gruppe haben einen definierten Charakter und ihr eigenes Päckchen zu tragen. Hier werden sicher keine erzählerischen Bäume ausgerissen, aber Hayato und co. können einem mit der Zeit durchaus sympathisch werden, auch wenn man sie immer wieder verfluchen wird, sollte erneut ein Plan daneben gehen.
Ein nettes Detail ist zudem, dass die Charaktere sich auch innerhalb der Missionen unterhalten und sich ihre Wortmeldungen im Verlauf der Handlung ändern. Tiefergehende Charakterisierungen, Darstellungen innerer Konflikte etc. darf man hier nicht erwarten. Es fokussiert sich mehr auf die spielerische Herausforderung der einzelnen Situationen, auf das Bereitstellen unterschiedlicher Herangehensweisen auf den Karten und eine ansehnliche Präsentation, die gleichzeitig keinen exorbitanten Hardwarehunger aufweist.

Ich gestehe: Ich habe nur Commandos 1 gespielt und selbst das nicht einmal vollständig. Ganz im Gegenteil, ich habe sogar Cheats benutzen müssen, da mein junges, stealthunbegabtes Ich nicht in der Lage war, mit der Flut an Naziwachen fertig zu werden, ohne nach zwei Schritten einen Großalarm auszulösen.
Trotzdem ist mir das Spielprinzip im Kopf hängen geblieben und als ich Shadow Tactics gesehen habe, brauchte es letztlich nur noch wenig Überzeugungskraft, bis die Euros flogen. 15 Missionen gefüllt mit etlichem Speichern/Fluchen/Laden später kann ich mit erschöpftem aber sehr zufriedenem Grinsen behaupten, dass ich ‚Shadow Tactics‘ durchgespielt habe und meinem Vergangenheits-‚Ich‘ die lange Nase zeigen. Hat es sich gelohnt? Definitiv. Ich hatte viel Spaß, fühlte mich immer wieder großartig, wenn ich eine Situation endlich gemeistert habe, egal wie viele Versuche es auch gekostet hat. Mit den Charakteren wurde ich schnell warm, nur Takuma blieb notorisch unterbenutzt, weil ich mit seinen Patronen viel zu geizig war. Dafür habe ich derart viele Wachen mit Yukis Flöte in den Tod gelockt, dass die Melodie wohl bis ans Ende aller Tage Angst und Schrecken in den Wächterberuf anstrebenden Jünglingen verbreiten dürfte. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass speziell Yuki wesentlich nützlicher ist als andere. Gerade im Gegensatz zu Mugen, der als Kriegsschrei ausstoßender Samurai nicht ganz zu der Gruppe aus flinken Leisetretern passt. Vielleicht ist das aber auch gerade sein Charme. Letztlich gibt es aber regelmäßig Situationen, in denen man froh ist, den ein oder anderen Charakter dabei zu haben.
Eine Kleinigkeit, die mir noch missfallen hat, ist, dass es recht wenig Abwechslung bei den Gegnern gibt. Neben den einfältigsten Wachen der Welt, gibt es noch die Strohhüte, die sich nicht weglocken lassen, und die Samurai, die Spielverderber schlechthin, weil sie sich einen feuchten Kehricht um Fallen oder Marderhunde scheren. Ignoranten! Wie dem auch sei, ich hätte mir hier noch einige andere Typen gewünscht, die eine Sonderfähigkeit mit sich bringen. Und vielleicht ein bisschen mehr Kreativität bei den Werkzeugen, die die eigenen Charaktere einsetzen können. Das ist allerdings verschwindend geringe Kritik. Ich habe von dem Spiel das bekommen, was ich erwartet habe, einen gnadenlosen Vertreter des Genres, der das Wort ‚Stealth‘ mit Alarmrot unterstreicht. Wer Desperados oder Commandos mochte, kann bedenkenlos zugreifen. Wer Stealth mag, sich aber noch etwas unsicher ist, sollte sich die kostenlose Demo ansehen, die einen ordentlichen Ausschnitt zum Anspielen bereit stellt. Wer schnelle Action erwartet, sollte in einem gigantischen Bogen um den Sichtkegel des Spiels herumschleichen. Für alle anderen: Möge euer Speicherknopf niemals klemmen.

Zweite Meinung:

Durch meine mangelnde Erfahrung mit der Commandos-Reihe wusste ich zunächst nicht so genau, worauf ich mich mit Shadow Tactics einlassen würde. Dank der Demoversion konnte ich mich aber ohne Risiko selbst davon überzeugen, dass die besten Elemente aus Echtzeitstrategie und Stealth – zwei Genres, die ich sonst ganz bewusst meide – ganz wunderbar ineinander greifen können. Das Spiel bietet mir genügend Gelegenheiten, meine fernöstlichen Helden in einem Busch zu „parken“ und die Situation auf der Karte in Ruhe zu analysieren oder die anstehenden Aufgaben zu verteilen, sodass ich mich bei jeder weiteren Gruppe Wachen eher an ein Puzzlespiel erinnert fühle. Das Kartendesign beeindruckt mich am meisten. Hier haben sich die Entwickler ganz offensichtlich viel Mühe gegeben, viele verschiedene Wege zum Ziel anzubieten, und mir dennoch in jedem einzelnen davon eine knackige Herausforderung zu bieten. Inzwischen habe ich das Hauptspiel abgeschlossen und versuche mich an allerlei Zusatzherausforderungen: Während pazifistische Herangehensweisen eher eine Geduldsprobe darstellen, habe ich vor den „Speedrun“-Zeiten, die es in den verschiedenen Missionen zu unterbieten gilt, noch eine Menge Respekt.
Ich kann Shadow Tactics: Blades of the Shogun all jenen ans Herz legen, die Geduld, clevere Herangehensweisen und übervorsichtiges Abspeichern belohnt sehen wollen. Was gibt es Schöneres, als mehrere Wachen in einer sorgfältig geplanten Symphonie aus Klingen und Schwarzpulver verschwinden zu lassen, ohne dass es auch nur irgendwer bemerken konnte? Hannibal hatte es doch am treffendsten formuliert: Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

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Mort

Mort hat ‚Wie? Nicht auf Lehramt!?‘ studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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