Uncharted: The Lost Legacy

Als Uncharted: The Lost Legacy Anfang 2017 angekündigt wurde, trat wieder das Unvermeidbare ein: Eine Gender-Debatte. Musste dieser Teil erscheinen, um eine weibliche Spielfigur aus Political Correctness zu etablieren und dabei schnelle Kasse zu machen? Und wieso kann Chloe Frazer nicht alleine agieren und benötigt (weibliche) Unterstützung, während Nathan Drake die gesamte Quadrologie hinweg überwiegend alleine unterwegs war? Aufmerksamkeit gab es somit also genug, auch hinsichtlich der Einordnung des Spiels. Für die einen stellt es teuren DLC dar, für die anderen eine sinnvolle Öffnung des Uncharted-Universums. Doch das Wichtigste vorweg: Uncharted: The Lost Legacy ist ein eigenständiges Spiel, das den Besitz des Vorgängers A Thief’s End nicht voraussetzt.

Chloe Frazer, ihres Zeichens Diebin und ehemalige Geliebte von Nathan Drake, zieht gemeinsam mit Nadine Ross, bekannt als Haudrauf-Braut aus Uncharted 4 – A Thief’s End, los, um ein indisches Artefakt aufzuspüren. Es handelt sich um den Stoßzahn der Gottheit Ganesha. Dieser befindet sich in den Händen des Warlords Asav, dem Antagonisten des Spiels. Chloe will das sagenumwobene Kleinod finden, um das Vermächtnis ihres Vaters zu vollenden, der von der Suche nach dem Artefakt besessen war. Für Nadine ist das alles nur ein Auftrag, denn sie arbeitet für Chloe und der Schatz soll geteilt werden.

Gewöhnungsbedürftiges Duo

Originaltitel Uncharted: The Lost Legacy
Jahr 2017
Plattform PlayStation 4
Entwickler Naughty Dog
Publisher Sony Computer Entertainment
Genre Action-Adventure
Spieler 1
USK

Werfen wir doch zunächst einmal einen Blick auf die beiden Damen. Chloe Frazer gilt als einer der Fanlieblinge der Uncharted-Reihe. Zwar konnte sie sich nicht langfristig in der Gunst von Nathan halten, doch zumindest genügend Fanherzen mit ihrer impulsiven und moralisch flexiblen Art erobern. An der Seite von Nate wirkte sie stets ebenbürtig, ganz im Gegensatz zu Elena, die weniger eigenständig unterwegs war. Mit Nadine Ross wurde eine Söldnerin als Chloes Seite gestellt, die als einziger Antagonist eines Uncharted-Titels überleben konnte. Mit ihrer Nahkampf-Expertise und ihrer ohnehin ruppigen Art ergänzt sie also die taktischer agierende Chloe. Dadurch bilden die beiden Frauen zumindest fähigkeitentechnisch ein gutes Gespann. Auf menschlicher Ebene arbeiten die beiden jedoch nur zwangsläufig zusammen, was auch für den Spieler anfangs dafür sorgt, dass man beiden nicht abkaufen kann, dass sie sich mögen. Was sich das Spiel also erarbeiten muss, ist eine Verbindung zwischen den beiden skrupellosen Damen, die sich freikämpfen müssen von dem Vorurteil, sie seien nur zusammengesteckt worden, weil sie – neben Elena – die einzigen etablierten weiblichen Charaktere der Reihe sind.

Mehr als eine zweite Lara Croft – und keine Kopie von Nathan Drake

Es war eine gute Entscheidung Naughty Dogs, Chloe einen Hintergrund zu verpassen, der auch zu ihren indischen Wurzeln passt. Die Figur bettet sich organisch in das Szenario ein. Dabei trumpfen die ersten Kapitel noch mit Vielfalt auf, während es danach überwiegend durch Dschungel und über Berge geht. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet kann dieser Teil nicht mit den Vorgängern mitziehen, die es sich zum Markenzeichen gemacht haben, möglichst viele unterschiedliche Schauplätze spielbar zu machen. Spielerisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger im Grunde ohnehin nichts geändert. Chloe und Nadine springen, schwingen, klettern, rutschen und ballern genauso, wie Nathan und Sam es zuletzt taten. Erfahrene Spieler erkennen die zerbröselnden Dächer und prominent platzierten Deckungsmöglichkeiten sofort wieder. Das Erforschen und Rätseln wurde allerdings stärker in den Vordergrund gerückt. Zwar gibt es zum Ende hin genügend Gegnermassen zu eliminieren, doch die Rätselpassagen wurden nach oben geschraubt. Neben einigen eher spaßigen Räderpuzzles gibt es auch die eine oder andere Knobelaufgabe, wenn Chloe beispielsweise über Plattformen springen muss, jedoch nur eine bestimmte Anzahl an Sprüngen parat hat, um nicht anschließend dem Schwert eines Götzen zum Opfer zu fallen. Waren die Kopfnüsse in Uncharted bislang eher dazu da, um das Indiana Jones-Feeling zu schärfen, findet man hier die bislang anspruchsvollsten. Außerdem gilt wie bislang: Wer schleicht, überlebt länger. Stealth-Passagen finden sich wie Sand am Meer.

Man muss dem Spiel zu Gute halten, dass Chloe sämtliche Möglichkeiten umgeht, in denen es in irgendeiner Weise zu einer sexuellen Anspielung kommen könnte. Das Motto bleibt zwar „Girl Power“ und wird auch immer wieder betont, doch ihre Rolle als Frau wird nicht angezweifelt. Weder im Positiven, noch im Negativen. Auch ihre Outfits bleiben stets züchtig, sodass deutlich erkennbar wird, dass Chloe nicht nur den Vamp beherrscht, sondern das Zeug hat, einer Lara Croft die Stirn zu bieten. Damit sie nicht zu stark aufgebaut wird, gibt es noch immer die physisch überlegene Nadine. Was Chloe mitbringt, sind ihre Fähigkeiten, Schlösser zu knacken. Keine spielerische Herausforderung, doch eine willkommene Facette im Fähigkeitenfundus der Figuren. Emotionale Momente bleiben übrigens nicht aus. Das Verhältnis von Nadine und Chloe wird über das Spiel hinweg intensiviert – von einer Zweckgemeinschaft zu einer Freundschaft. Das mitzuerleben ist erfrischend anders, denn die Dialoge der beiden bieten eine Bandbreite zwischen gegenseitigem Necken bis hin zu offenen Komplimenten. Was die beiden in kurzer Zeit durchleben, ist glaubhaft geschildert und einfühlsam erzählt. Und weil Uncharted ein zeitgemäßer Titel ist, dürfen auch Smartphone-Fotos nie fehlen.

Mehr als nur DLC

Obwohl der Weg des Spiels fast immer vorgegeben ist, beeindruckt einmal mehr die intensive Inszenierung des Überlebenskampfes. Hierfür empfiehlt es sich, das Spiel an einem großen Fernseher zu erleben und die Boxen laut aufzudrehen. Das cinematische Gefühl, welches die Reihe von Beginn an erzeugt, findet hier seinen bisherigen Höhepunkt. Wie im Vorgänger findet sich auch in diesem Teil ein Kapitel, in dem der Weg mal nicht vorgegeben ist. Hier darf sich der Spieler wie in einer Open World frei bewegen und selbst entscheiden, welchem der möglichen Ziele er als nächstes nachgehen möchte. Besagtes Kapitel 4 verschlingt ungefähr ein Drittel der Spielzeit, wenn alle Schätze gefunden werden wollen. Darüber hinaus weckt es jedoch auch den Forschungsdrang des Spielers: Dieses Kapitel will entdeckt werden. Dafür sorgt die wie immer möglichst real dargestellte Welt. Die Spielwelt ist alles andere als starr, sondern wird genutzt, um die Figuren möglichst authentisch darin zu positonieren. Chloes Blicke streifen umher, die Umgebung wird kommentiert und in besonders engen Passagen stützt sie sich an der Wand ab: Eindrücke, die aus den Vorgängerteilen in Erinnerung geblieben sind. Dennoch wäre es fehl am Platz, diesen Titel als schnell nachgeschobenen DLC zu betrachten. Trotz seiner im Vergleich mit den anderen Teilen der Reihe kurzen Spielzeit von ca. 7 Stunden bietet The Lost Legacy mehr als nur zwei modifizierte Modelle und recycelte Levels. Im Gegenteil, die stringente Erzählung und der verschobene Fokus auf die Beziehung der Protagonisten eröffnet ganz neue Möglichkeiten auf erzählerischer Ebene. Auch im Multiplayer-Modus hat sich geringfügig etwas getan: Uncharted: The Lost Legacy enthält den bereits aus Uncharted 4 bekannten Multiplayer-Part und erweitert ihn einen neuen Survival-Arena-Modus. Auf einer zufällig ausgewählten Stage darf man gegen Wellen von Gegnern antretet. Sonst ist der Multiplayer-Modus identisch zu seinem Vorgänger, gewährt demnach auch den Zugriff auf alle bereits erspielten Extras und Ränge.

Ich gehörte zu jenen Skeptikern, die zunächst wenig begeistert von diesem Duo waren. Obwohl Nadine eine der am smartesten geschriebenen Figuren der Reihe ist, wurde ich selbst nach Abschluss des Spiels nicht mit ihr warm, dafür mit Chloe, die an weiteren Facetten gewinnt. Insgesamt ist das Spiel eine richtige Wohltat, denn die Dosis zwischen Action, Kletterparts und Rätseln steht in einem Verhältnis, das sich immer abwechslungsreich anfühlt. Wirkliche Kritik kann ich selbst nach intensiver Suche nach Fehlern nicht aufbringen. Vor allem für solch einen Titel für zwischendurch bekommt man jede Menge geboten und Spieler dürfen sich auch auf den Auftritt einer weiteren beliebten Figur des Universums freuen. Ich muss gestehen: Ich habe hier das bekommen, was mir die letzten beiden Teile des Tomb Raider-Reboots leider nicht geben konnten, da diese sehr auf Düsternis, Härte und Kompromisslosigkeit ausgelegt waren. Wer Uncharted liebt, wird auch The Lost Legacy lieben.

Zweite Meinung:

Als riesiger Fan der Uncharted-Reihe waren meine Erwartungen auch an diesem Spin-Off hoch und sie wurden einmal mehr von Naughty Dog übertroffen. The Lost Legacy wirkt optisch sogar noch schöner und ausgereifter als sein Vorgänger und strotzt nur so vor wunderbaren Details in der indischen Welt der Flora und Fauna. Das neue Heldinnen-Duo konnte für mich zwar nie Nathan und Sully ersetzen, aber punktet dennoch durch charmante Dialoge und witzige Interaktionen. Spielerisch ist es mehr vom Gleichen aber das ist auch genau das, was diese Reihe so stark machte und worauf die vielen Fans wie ich nach all den Jahren immer noch Lust haben. Egal, ob kletternd, schießend, schleichend, Rätsel lösend, zum x-ten Mal in die Tiefe fallend – zu keinem Zeitpunkt herrscht Langeweile, bis das Spiel sein furioses Finale erreicht. Bitte mehr davon, Naughty!

Dritte Meinung:

Ich empfinde eine komische Faszination für die Uncharted-Reihe. Auf der einen Seite finde ich die Schießereien und gescripteten Sprungpassagen einfach nur schrecklich. Auf der anderen Seite sprechen mich die liebevoll gespielten Figuren und die filmreife Inszenierung aber auf ganzer Linie an. Da sich die Reihe mit jedem Teil vom reinen Shooter mehr und mehr zum Abenteuerspiel entwickelt hat, sind die letzten beiden Hauptteile auch meine Favoriten. Daher habe ich mir so einiges von The Lost Legacy erhofft. Viele dieser Hoffnungen sind wahr geworden, so nehmen die Ballereien wieder nur einen Bruchteil des Geschehens ein. Die Interaktion zwischen Nadine und Chloe ist schön präsentiert, die Dialoge sind Naughty Dog-typisch charmant und das letzte Drittel der Geschichte ist einfach mitreißend. Ganz so gut wie Uncharted 4 wird es jedoch nie, vor allem da man in einigen Aspekten – darunter leider auch dem Finale – das Gefühl hat, einen Best-of vergangener Setpieces vorgesetzt zu bekommen. Die Rückkehr ins Uncharted-Universum hat mir insgesamt sehr gefallen. Andere Spiele wünschen sich, so guten DLC zu bekommen.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig „Die Werwölfe von Düsterwald“-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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