Wolfenstein im Überblick

Der Zweite Weltkrieg muss ziemlich oft als Schauplatz herhalten, so auch hier. Und ebenso oft braucht es eine Ein-Mann-Armee, um das Regime zu stürzen. BJ Blaskowicz ist diese Armee. Wolfenstein prägte wie kein anderes Spiel die Spielelandschaft; von der isometrischen Ansicht zu 3D und der Begründung des Ego-Shooters hin zu Schlauchlevels mit abstrus-okkultem Einschlag. Und gerade, als man die Reihe für tot erklären wollte, wurde sie von einem schwedischen Dr. Frankenstein wiedererweckt. Dieser Rückblick auf die Spielreihe beweist wieder einmal: Die besten Geschichten schreibt das Leben.

Nichts verwirrt so sehr wie deutsche Gesetzestexte und schwedische Aufbauanleitungen. Und gerade die zwei Bezeichnungen „indiziert“ und „beschlagnahmt“ sorgen für sehr viel Verwirrung. Hier ein Versuch, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Indizierung
Bei der sogenannten Indizierung wird ein Titel auf die Liste jugendgefährdender Medien (auch Index genannt) gesetzt (für Jugendgefährdung siehe 5.). Nach der Listenaufnahme gibt es verschiedene gesetzliche Beschränkungen. So dürfen die Titel zum Beispiel nicht mehr an einem Ort, der Kindern und Jugendlichen zugänglich ist, ausgestellt oder beworben werden.
Zuständig für die Liste ist die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Sie unterscheidet seit dem 1. April 2003 bei Trägermedien (wie DVDs, CDs, Bücher usw.) zwischen Liste A (wenn eine leichte Jugendgefährdung angenommen wird, aber kein Verstoß gegen das Strafgesetz) und Liste B (bei schwerer Jugendgefährdung und der Annahme einer strafrechtlichen Relevanz). Titel, die in Deutschland bereits bundesweit beschlagnahmt wurden, stehen auf Liste B. Indizierungen vor 2003 sind noch nicht in A und B unterteilt, auch, wenn es im Rahmen einer Folgeindizierung nachgeholt werden kann.
Während vor April 2003 prinzipiell alle Titel mit jeder beliebigen Freigabe indiziert werden können (und es auch einige Fälle mit einer FSK 16-Freigabe gibt), ist das seit dem April 2003 nur noch für Titel möglich, die keine FSK-Freigabe erhielten. Bei den 18er-Titeln können Titel mit der Kennzeichnung „Keine Jugendfreigabe“ („FSK ab 18“ auf dem Etikett) also nicht mehr indiziert werden. Titel mit der veralteten Kennzeichnung „Nicht freigegeben unter 18 Jahren …“ dagegen schon.
Bundesweite Beschlagnahme
Gründe für eine Beschlagnahme gibt es viele, für Filmfans und Computerspieler ist aber vor allem die Gewaltdarstellung (§ 131 StGB) relevant und – anders als bei einer Indizierung (siehe 8.) – kann jeder Titel in Deutschland beschlagnahmt werden. Eine aktuelle FSK/USK-Freigabe steht dem prinzipiell nicht im Weg.
Ein Beschlagnahmebeschluss hat zur Folge, dass der Titel u.a. auch nicht mehr an Erwachsene verkauft werden darf. Der Besitz eines wegen Gewaltdarstellung beschlagnahmten Titels dagegen ist nicht verboten.
Quelle

Wolfenstein-Überblick

Jahr Name Entwickler Publisher USK Bild Anmerkung
1981 Castle Wolfenstein Muse Software Muse Software ungeprüft indiziert bis 2012
1984 Beyond Castle Wolfenstein Muse Software Muse Software ungeprüft
1992 Wolfenstein 3D id Software Apogee Software ungeprüft indiziert und beschlagnahmt
1992 Spear of Destiny id Software FromGen Corp. ungeprüft indiziert
2001 Return to Castle Wolfenstein Gray Matter Interactive, Nerve Software Activision, Aspyr indiziert
2003 Wolfenstein: Enemy Territory Splash Damage Activision kostenloser Multiplayer-Titel
2003 Return to Castle Wolfenstein: Tides of War Gray Matter Interactive Activision ungeprüft indiziert
2003 Return to Castle Wolfenstein: Operation Resurrection Gray Matter Interactive Activision ungeprüft indiziert
2008 Wolfenstein RPG id Software Electronic Arts ungeprüft
2009 Wolfenstein Raven Software Activision deutsche Version zurückgezogen; Originalfassung indiziert und bundesweit beschlagnahmt
2014 Wolfenstein: The New Order MachineGames Bethesda Softworks Deutsche Version mit Anpassungen
2015 Wolfenstein: The Old Blood MachineGames Bethesda Softworks Stand-Alone-Erweiterung für Wolfenstein: The New Order. Deutsche Version mit Anpassungen
2017 Wolfenstein II: The New Colossus MachineGames Bethesda Softworks Fortsetzung von Wolfenstein: The New Order. Deutsche Version mit Anpassungen

 

Stell dir vor, es ist Krieg…

Genauer gesagt der Zweite Weltkrieg. Und was wäre, wenn ein amerikanischer Soldat in Gefangenschaft geriete und nun fliehen müsse? Silas Warner hatte so eine Idee und zusammen mit den Entwicklern von Muse Software setzte er diese Vision um. Heraus kam eines der ersten Stealth-Spiele, das leider niemals deutsche Ladentheken berühren durfte. Das Besondere an Castle Wolfenstein war die Sprachausgabe, die es den Wachen erlaubt, Befehle wie „Halt!“ und „Kommen Sie!“ zu bellen. Zunächst wurde das Spiel für den Apple II, später dann für die 8-bit Computer Atari und Commodore 64 veröffentlicht. Das war 1981 und keine drei Jahre später stand schon der Nachfolger in den Startlöchern. Beyond Castle Wolfenstein schickte den Spieler wieder nach Deutschland, diesmal in einen Bunker. Das Gameplay blieb weitestgehend gleich, es kamen neue Sprachsamples dazu und die Grafik wurde etwas überarbeitet. Entwickelt und veröffentlicht wurde es wieder von Muse Software. Nachdem die Kritiken eher verhalten waren, wurde es still um die Reihe.
Erst 1992 wagte sich ein anderes Entwicklungsstudio an die Reihe. id Software wollte eigentlich das Original von 1981 in 3D portieren, entschied sich dann aber letzten Endes für ein actionorientierteres Gameplay und heraus kam ein waschechter Ego-Shooter. Allerdings nicht der erste seiner Art, wie oft vermutet wird. Apogee Software übernahm den Vertrieb und das Spiel schlug ein wie eine Bombe. Außer natürlich in Deutschland, wo es beschlagnahmt wurde. NS-Symbolik, das Horst Wessel-Lied, Gewalt; das war einfach zu viel für die Behörden, die damals wenig Spaß verstanden. Die Entwickler waren sich am Anfang nicht sicher, welchen Namen sie ihrem Spiel geben sollten, bis man herausfand, dass die Namensrechte mit dem Untergang von Muse Software 1987 verfielen. Somit konnte man rechtmäßig den Namen „Wolfenstein“ verwenden. Und da es 3D-Grafik verwendete; Was lag da näher, als es Wolfenstein 3D zu nennen? id Software war überwältigt von dem Erfolg, weshalb noch im selben Jahr, nach nur zweimonatiger Entwicklung, Spear of Destiny erschien. Trotz guter Verkaufszahlen und zwei Add-ons, die jedoch nicht von id Software programmiert wurden, wurde es ruhig um die Reihe.

…und alle gehen hin

Neun Jahre später (eigentlich „nur“ sieben, da die Add-ons 1994 erschienen) begann wieder ein anderes Studio mit den Arbeiten an einem neuen Wolfenstein-Ableger. Streng genommen waren es zwei Studios: Gray Matter Interactive und Splash Damage, die anscheinend sehr angetan von den Gerüchten rund um Himmler waren. Diesem wird nachgesagt, dass er an das Okkulte glaubte und auch solche Rituale pflegte. Was (und ob da etwas) dran ist, weiß niemand so genau. Fakt ist, dass sich die Entwickler dies zu Nutze machten und eine abgedrehte Geschichte rund um Zombies und ehemalige Könige strickten, die unglaublich bekloppt und deswegen spaßig war. Natürlich freute sich die deutsche Prüfstelle wenig darüber und setzte die Schere an. Neben der Symbolik musste auch die Gewalt weichen, wenn diese auch für kurze Zeit noch enthalten war. Activision vertrieb Return to Castle Wolfenstein 2001, das wegen seiner guten Grafik und des tollen Gameplays gelobt wurde. Die zwei Portierungen, Tides of War und Operation Resurrection, boten neben ein paar neuen Levels endlich auch Konsolenspielern die Chance, das neue Wolfenstein zu genießen.
2008 kamen auch Handy-Besitzer in den Genuss der Reihe. Mit Wolfenstein RPG wurden nun die Rollenspieler bedient. Da sich id Software und Fountainhead Entertainment vor der BPjM (Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Medien) fürchteten, wurde das Spiel gleich unbedenklich auf den Markt gebracht. Sprich, es fehlen die verbotenen Hoheitszeichen, Blut und eine nähere Bezeichnung der Gegner, die nur als Achsenmächte (Axis) bekannt sind. Zu der comichaften Inszenierung hätte Blut eh nicht gepasst.
Return to Castle Wolfenstein bekam ein Sequel spendiert, das allerdings von Raven Software programmiert wurde, aber wieder von Activision vertrieben wurde. Der Titel ist schlicht Wolfenstein, die Geschichte sogar noch überdrehter als im Vorgänger, kam aber nicht so gut an. Die Kritiken waren eher verhalten, ebenso die Verkaufszahlen, weshalb sich Activision von einigen Mitarbeitern von Raven Software trennte. Einen weiteren finanziellen Schlag durfte der Vertrieb hinnehmen, als er die deutsche Fassung zurückziehen musste, da man vergaß, ein Hakenkreuz aus dem Spiel zu entfernen. Geändert wurde zudem auch die Gewaltdarstellung, die drastisch reduziert worden war, sowie (neben der Symbolik) die Namen der Gegner, die auch schon im Vorgänger nicht „Nazis“, sondern „Wölfe“ hießen. Kurioserweise benannte man auch ein Kriegsschiff um – aus der „Tirpitz“ wurde die „Tripitz“.
Und es wurde wieder ruhig um die Reihe.

Dystopie? Schöne Sache

MachineGames weiß, wie man eine spannende Story erzählt. Das haben die Schweden wohl von den Jungs von IKEA gelernt, deren Anleitungen meist Dramen in drei Akten sind. Sie stellten Wolfenstein: The New Order in einem Jahr fertig, was nicht selbstverständlich ist bei so einem Umfang. Verschoben wurde es aber dennoch und zwar um 5 Monate. Es sollte eigentlich noch im selben Jahr der Ankündigung erscheinen, tatsächlich musste man sich aber bis Mai 2014 gedulden. Als Publisher diente Bethesda Softworks, die vor allem durch ihre erfolgreichen Rollenspiele wie Fallout und The Elder Scrolls bekannt sind.
Das Warten hatte sich gelohnt. Der Spieler bekam eine dystopische Vision von einem Deutschen Reich präsentiert, das den Krieg gewonnen hatte. Mit von der Partie ist wieder BJ Blaskowicz und zum ersten Mal durften wir Deutschen ein fast ungeschnittenes Spiel genießen. Logischerweise mussten verfassungsfeindliche Symbole weichen, aber die Gewalt blieb erhalten. So auch bei dem Nachfolger The Old Blood, der wieder im Reich des Okkultismus angesiedelt ist und vor den Ereignissen von The New Order. Das war 2015. Und zwei Jahre später erscheint der Nachfolger zu The New Order.
Geplant ist ein weiterer Teil und was danach passiert… Vielleicht wird es dann abermals ruhig um die Reihe.

Diesen Artikel teilen

Kilroy

Kilroy wäre gerne Mikrochirurg geworden, musste diesen Traum aber aufgeben. Nun ist er voll von unnützem Halbwissen und weiß nicht, wohin damit. Kilroy schreibt auch gerne, weshalb er sich hier austoben darf. Da er davon aber nicht leben kann, geht er auch noch einer bescheidenen Arbeit nach. Wenn er nicht gerade schreibt oder arbeitet, spielt er am PC oder verschlingt Unmengen an Büchern und Comics.

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung