Wolfenstein – The New Order

Herzlich willkommen zu Teil 512 unserer lustigen Reihe „Wolfenstein oder: wie ich lernte die Deutschen zu lieben (und zu treffen – zwischen die Augen)“. Die Serie wurde schon für tot erklärt, da steht der tapfere Pole bereit, die Welt wieder einmal zu retten. Diesmal aber nicht während des Zweiten Weltkrieges, sondern in den 1960ern, denn Deutschland hat den Krieg gewonnen. Wirklich realistisch ist auch diese Geschichte wieder nicht, aber es gibt keinen Ausflug ins Okkulte. Funktioniert sie dennoch?

Der Zweite Weltkrieg tobt und mit ihm BJ Blascowicz, der im Dienste der OSA dem Regime den Hintern aufreißen will. Leider kommt es dazu nicht mehr, denn 1946 (ja, der Krieg ging länger) fällt er durch einen Unfall ins Wachkoma. Er wird von Anya gepflegt, deren Eltern ein Sanatorium leiten. 1960 kommt er wieder zu sich – und muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass das Regime den Krieg gewonnen hat und nun Herrscher der Welt ist. Blascowicz will nur eines: Rache. Und die soll er bekommen. Zusammen mit einer Widerstandsgruppe rund um Caroline, die aus tragischen Gestalten besteht, deren Geschichte man nach und nach erfährt.

Der schmale Grat

Es sollte ein spaßiger Old-School-Shooter werden. Fast hätte das auch geklappt. Ein Tragelimit gibt es keines, die Gesundheit regeneriert sich auch nicht von alleine. Schön.
Man schleppt so viele Waffen mit sich herum, wie man möchte. Davon sind manche absolut futuristisch. Sehr schön. Die Story ist abgedreht und realitätsfern. Auch schön. Leider trüben manche Sequenzen den Spaß. Nicht schön.

So muss man sich im ersten Kapitel entscheiden, welcher unserer Kameraden auf brutale Weise exekutiert wird. Kurz darauf erleben wir, wie das Regime in einer Anstalt „aufräumt“. Das im Spoiler beschriebene Beispiel zählt noch zu Kategorie „harmlos“. Im weiteren Verlauf wird es derart heftig, dass die comichafte Vorlage in Vergessenheit gerät. Das klappte bei Duke Nukem Frever besser. Zwar war schon Wolfenstein 3D eher ernst und wirkt nur durch die grobpixelige Grafik witzig, aber wegen des mangelnden Realismus und der Musik kann man ihm generell unterstellen, dass das Spiel Spaß machen soll und sich nicht ernst nimmt. Natürlich macht auch Wolfenstein: The New Order Spaß, allerdings regt es sehr zum Nachdenken an. Und gerade wer mit der Erwartung rangeht, dass dies abgedreht 80er-Jahre-B-Movie-mäßig wird, dürfte enttäuscht werden. Vor allem der Schluss hat es in sich. BJ liegt schwer verwundet auf dem Schloss und sieht wie der Widerstand die Leute rettet. Anya schwenkt eine Laterne und er zitiert das Gedicht, das auf dem Sockel der Freiheitsstatue steht. Dann befiehlt er die Bombardierung, wohlwissend, dass es sein Todesurteil ist. Nach den Endcredits hört man die Bomben fallen. Dennoch macht es Laune, sich durch die Reihen der Gegner zu metzeln, im Akimbo-Stil zwei Maschinengewehre schwingen und sich das virtuelle Regime anzuschauen.

Ist es zu schwer, bist du zu schwach

Originaltitel Wolfenstein – The New Order
Jahr 2014
Plattform PC, PlayStation 3, PlayStation 4, Xbox 360, Xbox One
Entwickler Machine Games
Publisher Bethesda Softworks
Genre Ego-Shooter
Spieler 1
USK

Der Schwierigkeitsgrad rangiert von Spaziergang bis hin zu Himmelfahrtskommando, es werden also Neulinge wie Veteranen bedient. Zusätzliche Hilfen wie die optische Hervorhebung von einsammelbaren Gegenständen, lassen Raum für Variationen. Wie schon in Blascowiczs erstem Abenteuer verändert sich bei der Schwierigkeitenauswahl Blascowiczs Konterfei von rehäugigem Jungen zu blutbespritztem Irren. Freies Speichern gibt es keines, dafür sind die Kontrollpunkte fair gesetzt. Zwar ist es kein Rollenspiel, einen Talentbaum gibt es aber trotzdem. Je nach Spielweise schaltet man neue Vorteile frei. Bevorzugt mit dem Schalldämpfer meucheln? Gut, nach fünf solcher heimlicher Manöver wird die Waffe durchschlagsstärker. Wir werfen gerne Granaten? Okay, ein paar Tote durch Explosionen später kann der Spieler mehr Granaten tragen. Quicktime-Events kommen zwar vor, sind aber gut in die Handlung eingebaut und nerven nicht. Manche davon sind sogar geschickt kaschiert. Besonders reizvoll sind sammelbare Objekte, die Konzeptzeichnungen und Modelle der Figuren, die es freizuschalten gilt. Seien es Enigma-Codes, wertvolle Gegenstände wie ein goldene Spazierstock oder LPs. Zum Beispiel von der Band „Die Käfer“ (Beatles) oder „Karl und Karla“ (Streisand und unbekannter Mann). Aber auch kleine Anspielungen (auf einem PC sieht man ein Standbild von Wolfenstein 3D) und Zeitungsartikel (jeweils als „Original“ mit nebenanstehender Übersetzung) tragen zur Atmosphäre bei. Kleine Logikfehler muss sich das Spiel leider gefallen lassen, diese fallen aber nicht weiter ins Gewicht. Ein kleines Beispiel: B.J. soll sich als Wissenschaftler ausgeben. Dazu bräuchte er „einen neuen Haarschnitt und eine Rasur“. Dum nur, dass man erstens bei seinen kurzen Haaren nicht viel verändern kann und zweitens er denoch mit Bartschatten (und gleichen Haaren) auftritt. Ein Kritikpunkt ist die nur teilweise zerstörbare Umgebung. Putz bröckelt von den Wänden, Kisten lassen sich zerschießen, aber eine simple Kaffeetasse ist hart wie Durastahl und Glühlampen bestehen sowieso aus Diamant. Gerade Lichter möchte man gerne zerstören, um nicht gleich entdeckt zu werden. Dies ist leider nicht möglich. Leider kann auch der Schwierkeitsgrad bis zum Ende hin nicht ganz mithalten, was die Inszenierung aber gut vertuschen kann (besser als manch Moorhuhn-Shooter). Sehr lobenswert ist das fehlen jeglichen Pathos. Es wirkt nicht absurd lächerlich, wenn BJ über die USA erzählt oder das Regime verflucht. Hau ruck Patriotismus wie in einer gewissen anderen Spiele-Serie gibt es nicht. Auch, wenn manche Charaktere comichaft wirken (B.J. ist nach 14 Jahren Wachkoma immer noch ein Muskelpaket), sind sie denoch oder gerade deswegen sehr real. Einen Mehrspielermodus gibt es nicht, aber den bedienen schon andere Kult-Reihen wie Call of Duty oder Battlefield. Somit konnten sich die Entwickler ganz auf die Geschichte konzentrieren.

Gegen wen zieht man hierzulande in den Krieg?

Logischerweise dürfen in Deutschland keine Hakenkreuze gezeigt werden, zumindest nicht in PC-Spielen, da diese nicht unter den Kunstbegriff fallen. Man ersetzte sie einfach durch das Wolfenstein-Logo, was nicht weiter stört. Im Übrigen wird auch nirgendwo im Spiel die Begriffe „Nazi“, „(Deutsches) Reich“ oder „Deutschland“ fallen. Somit fällt noch weniger auf, dass die Hakenkreuze fehlen. Man redet allgemein vom Regime – und jeder weiß, auf wen das anspielt; vor allem, da die Uniformen gleich geblieben sind. In einem Level kann man den in Deutschland beschlagnahmten Shooter Wolfenstein 3D spielen. Hier änderte man die Uniformfarben von braun zu grün und die Portraits eines berühmt-berüchtigten Österreichers wurden durch eine Dame in SS-Gewand getauscht. Lediglich einen Gewaltschnitt gibt es zu verzeichnen, wobei ich mir nicht erklären kann, weshalb gerade hier die Schere angesetzt wurde. BJ erwacht in einem Verbrennungsofen und muss fliehen. Zuest muss er jedoch Leichen bei Seite schaffen, damit er hinausklettern kann. Währenddessen kommen schon die Flamen bedrohlich näher, was den Spieler unter Zeitdruck setzt. In der deutschen Version fehlen sowohl die Leichen als auch die Flammen. Dieser Schnitt ist ebenso wie die anderen verschmerzbar, aber unnötig, da härtere Szenen vorhanden sind. Und man sich fragt, was zum Henker mit den Lautsprechern los ist, dass sie so rauschen. Denn der Soundeffekt der Flammen wurde witzigerweise nicht entfernt.  In Kinderhände gehört das Spiel sowieso nicht!

Frustmomente gibt es eigentlich keine, dafür liegt die Story auch nach Ende schwer im Magen. Die Altersfreigabe ab 18 kann man durchaus nachvollziehen. Nicht nur platzen Köpfe und es fließen hektoliterweise Blut, auch die Zwischensequenzen haben es in sich. Nach den eher durchschnittlichen Vorgängern, kommt hier eine Shooter-Granate. Von der Inszenierung bis zum Gameplay ist das Spiel absolut gelungen. Es schafft die schmale Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit der Thematik und Spaß am Ballern. Wer auch nur entfernt Ego-Shooter mag, sollte hier unbedingt zugreifen.

 

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Kilroy

Kilroy wäre gerne Mikrochirurg geworden, musste diesen Traum aber aufgeben. Nun ist er voll von unnützem Halbwissen und weiß nicht, wohin damit. Kilroy schreibt auch gerne, weshalb er sich hier austoben darf. Da er davon aber nicht leben kann, geht er auch noch einer bescheidenen Arbeit nach. Wenn er nicht gerade schreibt oder arbeitet, spielt er am PC oder verschlingt Unmengen an Büchern und Comics.

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