Zwei Kontinente auf Reisen

Der finale Finalist für den Deutschen Phantastikpreis (DPP) in der Kategorie ‚Bester Debütroman 2016‘ gibt sich die Ehre. Es handelt sich um den ersten Band Zwei Kontinente auf Reisen von Jenny Karpe. Die Autorin veröffentlichte ihr Machwerk erstmals im August 2016 via neobooks, einem Self-Puhblishing-Distributor. Wir verlassen damit die High-Fantasy Hochlande der letzten beiden Kandidaten und begeben uns, wie schon das aufgeführte Cover verkündet, in die Fänge einer Dystopie. Welche Art von Katastrophe hat die Menschheit dieses Mal dahingerafft? Lasst es uns herausfinden.

Die Zukunft ist eine spannende Sache und kann vieles bereithalten: Roboterdiener, Hoverboards, der Begriff ‚Cyber‘, der sich in jedes zweite Wort schummelt, lasergetoastes Weißbrot; es ist nahezu alles möglich. Es kann allerdings auch anders ausgehen. Kiras und Aarons Welt ist das beste Beispiel. Sie haben keinen mechanischen Butler, wahrscheinlich nicht einmal ein normales Skateboard, kein einziges Cyberwort und mit hoher Wahrscheinlichkeit fürchterlich wabbeligen Toast. Stattdessen bekam die Erde von einem wohl eher verstimmten Schicksal einen Sturm spendiert, gegen den der Sturm aus ‚Der Sturm‘ aussieht wie eine laue Sommerbrise. Landmassen wurden hinfort gerissen und das einzige, was übrig blieb, sind einige von speziellen Türmen geschützte Inseln, auf denen sich die letzten Überlebenden sammeln. Nun wäre diese Tatsache und das offensichtliche Fehlen eines Cyberbutlers bereits Grund genug, um mit der Gesamtsituation unzufrieden zu sein. Allerdings fehlt noch die Desasterkirsche auf der postapokalyptischen Torte, denn nicht nur, dass die Überlebenden aus zwei Völkern, den Amerikanern und den Ruanern, bestehen, die sich in etwa so gut verstehen wie ein Gold hortender Drache und ein hoch verschuldeter Rittersmann; obendrein wird die Insel auch noch von steten Beben durchgeschüttelt. Die amerikanische Kira und der ruanische Aaron sehen sich somit nicht nur dem Starrsinn ihrer Völker gegenüber, sondern auch einer wesentlich übergeordneteren Bedrohung. Was hält die Zukunft für sie bereit? Keinen knusprigen Toast, soviel ist sicher.

Streiten um des Streitens Willen

Originaltitel Zwei Kontinente auf Reisen
Ursprungsland Deutschland
Typ Roman
Jahr 2016
Bände 1
Genre Dystopie, Abenteuer
Autor Jenny Karpe
Verlag Self-Publishing

Während man mit dem Volk der Amerikaner sicher etwas anzufangen weiß, könnte, nach einem verstohlenen Blick auf eine Landkarte, die Frage aufkommen: Wer oder was sind Ruaner? Die Antwort ist interessanterweise gar nicht so einfach zu geben und man stößt damit schnell auf ein Kernproblem der Geschichte. Der Völkerkonflikt hat wenig mit den Völkern zu tun. Uneinigkeiten werden zwar dargestellt und münden sogar früh zu einer Grenzziehung, die speziell die Kinder trennen soll, aber es hat nie einen kulturellen Hintergrund. Wodurch zeichnen sich die Ruaner aus? Warum geraten sie mit den Amerikanern aneinander? Mögen sie vielleicht kein Fastfood? Stehen sie Hollywood-Produktionen enorm kritisch gegenüber? Haben sie der anderen Gruppe fragwürdige Karikaturen von US-Präsidenten unter die Nase gehalten? Denken sie in irgendeiner Art anders? Auf all die Fragen muss mit einem entschuldigenden Achselzucken und einem nervösen Kopfschütteln geantwortet werden. Das einzige Stereotyp, das aufgegriffen wird, ist die Neigung von Amerikanern zu opulenten Bauchgegenden. Das Fehlen ruanischer Besonderheiten ist verwunderlich, da man als Leser von Beginn an – und zu weiten Teilen des Buches – die Perspektive von der heranwachsenden Kira einnimmt. Sie trifft bereits auf den ersten Seiten auf Aaron und, selbstverständlich, werden sie früher oder später Freunde. Eine gute Gelegenheit, um Einblick in die andere Kultur zu geben, die aber nicht genutzt wird. Tatsächlich scheint es keine Unterschiede zu geben, was allerdings die Konflikte in ein fragwürdiges Licht stellt. Jeder kann sich über die Essensverteilung, Wasserknappheit oder die Höhe einer Grenzmauer streiten, ob Amerikaner, Ruaner oder genmutiertes sprachbegabtes Frettchen, ist dabei egal. Das wäre zunächst nicht derart tragisch, könnte man es ja als Gag sehen, dass die beiden Kulturen sich streiten, obwohl sie gar keine Unterschiede haben, aber es lässt eine spezielle Wende in der Geschichte äußerst fragwürdig erscheinen.

What is in the mystery box?

Kurz vor der Seitenhalbzeit des Romans vollführt die Geschichte eine kleine Pirouette. Der Twist lässt viele Fragen aufkommen und animiert zum Weiterlesen, da es die Geschehnisse in ein völlig anderes Licht rückt. Die Auflösung lässt einen allerdings mit einem mageren ‚That’s it?‘ zurück. Es ist als hätte man aus der mysteriösen Box, die man geschenkt bekommen hat, doch nur ein Bündel Socken bekommen oder ein Schild mit der Aufschrift ‚Happy Birthday‘. Sicherlich ein netter Gedanke, aber man muss gestehen, dass man mehr erwartet hat.
Zudem wirft es Fragen gegenüber der vorgehenden Darstellung auf. Die Idee, dass die Insel eigentlich eine virtuelle Realität ist, die Menschen darauf Seelen in Datenform, ist nett und interessant. Nur bleibt die Begründung für das soziale Experiment vage und auch schwer nachzuvollziehen. Nicht nur, dass es nichts mit der Katastrophe zu tun hat, die die Menschen in der Wirklichkeit erwarten – statt bloßer Klimaerwärmung hat man das Thermostat direkt bis zum Anschlag aufgedreht–, der Aufbau des sozialen Experiments an sich wirkt nicht ganz schlüssig. Zwei verfeindete Völker nach der Apokalypse auf einer Insel zusammenbringen, ist zwar nicht vollkommen abwegig, aber wieso dann eine Phantasievariante, die Ruaner, erschaffen? Gab es nicht genug vorhandene Kulturen? Wieso haben die Ruaner keine Eigenheiten bekommen, wenn es doch gerade auch um den Zusammenstoß unterschiedlicher Denkweisen gehen sollte? Und wieso hat man es zwei Wissenschaftlern überlassen, die sich wie Brüderlein und Schwesterlein über die Betreuung einer Ameisenfarm streiten?
Erneut wartet Achselzucken und Kopfschütteln als Antwort.

Besonders ungünstig ist weiterhin, dass es gerade das Mysterium ist, das zum Umblättern anhält. Die Figuren bleiben, ausgenommen von Kira, weitestgehend blass oder wirken in ihren Handlungen zu überzeichnet. Die Protagonistin selbst ist durchaus aktiv, neigt aber als Kind zu einer gewissen Rotznäsigkeit, die sich zu einer ausgewachsenen Kratzbürstigkeit im Erwachsenenalter entwickelt. Ungünstig, aber nicht unsympathisch. Letztlich bleibt noch das Ende, das etwas zu bemüht auf einen wortwörtlichen Cliffhanger hinausläuft, wo wohl nur noch eine dramatische Abblende mit ‚to be continued‘ gefehlt hätte. Vielleicht dann in Band 2.

Der letzte Kandidat auf der Shortlist hat mich erst einmal überrascht: „Eine Dystopie? Na sowas!“ Und es ist zunächst einmal eine willkommene Abwechslung zu dem typischen Fantasy-Setting mit Schwert, Schild und dunklem Herrscher. Der erwähnte Twist trägt sein Übriges dazu bei, dass man weiter liest. Leider wurde ich mit der Hauptfigur nicht wirklich warm und die finale Aufklärung des Ganzen hat mich eher grummeln lassen als mich mit einem überraschten „Ja, da soll mich doch…!“ zurückzulassen. Abgesehen von meinem Murren über die Hintergründe hat mir auch der Ablauf nicht so recht gefallen wollen. Der Abschied von Aarons Vater Konstantin wirkt wichtig und final, wird aber gewissermaßen durch die exakt nächste Sequenz komplett null und nichtig gemacht. Nicht nur, dass es mit einem Mal doch keine der zuvor erwähnten Probleme gibt, wieder zu ihm zu gelangen, nein, der gesamte Entscheidungsprozess von Aaron verpufft damit eigentlich. Sicherlich wird im Text erwähnt, dass mehrere Jahre verstrichen sind, aber es ist doch etwas schwer mitzufühlen, wenn zwischen tränenreichen, folgenschweren Abschied und baldiger Wiedervereinigung knapp zwei Seiten liegen. Es wirkt fast schon so, als ob der Cliffhanger nachträglich angefügt wurde; es hat einen unpassenden Eindruck auf mich gemacht, ähnlich wie ein Teller Steaks inmitten eines Tisches von Salaten. Es ist nicht derart schlimm, dass er da ist, aber man fragt sich, ob er nicht ein wenig ungünstig platziert wurde. Zwei Kontinente auf Reisen hat mich letztlich dann doch nicht abholen können, auch wenn es sicher nicht schadet, es zu lesen. Es bringt zumindest willkommene Abwechslung in den Fantasy-Alltag und das ist doch etwas wert. Keine unbedingte Leseempfehlung, aber ein Blick kann nicht schaden. Immerhin sind wir auf der anderen Seite des Klappendeckels vor etwaigen Katastrophen sicher und haben auch knusprigen Toast.

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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