Game of Thrones (Folge 8×03)
Na endlich. Es passiert etwas bei Game of Thrones Staffel 8. Nach zwei kurzen Folgen mit viel Dialog und wenig Bewegung geht Folge 3 in die Vollen. 82 Minuten nächtliches Schlachtgetümmel. Es lohnt sich, die Vorhänge zuzuziehen oder mit dem Anschauen bis zum Abend zu warten. Bei zu viel Licht im Zimmer hat man ein Hörspiel vor sich, denn auf dem Bildschirm ist es die meiste Zeit nachtschwarz, es sei denn, irgendwo brennt etwas. Eigentlich schade, dass Melisandres Standardsatz „Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken“ schon in der Kritik zu Folge 2 verbraten wurde, jetzt hätte er noch einmal richtig gut gepasst. Zumal die Feuermagierin in dieser Folge einen ganz großen Auftritt hat.
In der Dunkelheit vor dem Morgen stehen sich die beiden Armeen gegenüber, als eine Reiterin vor den Toren Winterfells auftaucht – Melisandre. Sie zaubert Feuer auf die Schwerter der Dothraki, die auf den unsichtbaren Feind losgaloppieren. Aber in der Dunkelheit verlöschen ihre Feuer, aus der Nacht kehren nur einzelne Kämpfer und reiterlose Pferde zurück. Dann bricht eine Angriffswelle der Untotenarmee über die Verteidiger Winterfells herein. Während unten der Nahkampf tobt, Sam Tarly hilflos durch das Schlachtgetümmel taumelt, Jaime und Brienne in arge Bedrängnis geraten und Sandor Clegane sich seiner Urangst Feuer gegenüber sieht, sind Daenerys und Jon auf ihren Drachen als Luftwaffe unterwegs und können mit Drachenfeuer breite Schneisen in die angreifenden Horden brennen. Allerdings haben sie mit Nebel, Schneesturm und dem Nachtkönig persönlich auf seinem untoten Drachen Viserion zu kämpfen. Weder brennende Befestigungsanlagen noch die Burgmauern von Winterfell können die Untoten aufhalten, zumal der Nachtkönig die Gefallenen wieder ins untote Leben zurückruft und selbst die Skelette in der Gruft von Winterfell erwachen. In den dunklen Gängen Winterfells, auf der Flucht vor den eingedrungenen Untoten trifft Arya auf Melisandre, die eine Prophezeiung wiederholt, die Arya jetzt erst versteht und sofort in die Tat umsetzt. Sie wird den Nachtkönig töten. Der ist mittlerweile schon in den Götterhain vorgedrungen, hat Brans Beschützer Theon Graufreud aus dem Weg geräumt und steht nun seinem Ziel Brandon Stark, dem Gedächtnis der Welt, gegenüber, als Arya ihn in einer Art Ninja-Attacke anspringt und mit ihrem Dolch durchbohrt. Mit dem Nachtkönig zerfallen alle Untoten. Die Schlacht ist gewonnen, die Sonne geht auf und Melisandre legt ihr Halsband ab. Ohne ihren magischen Talisman rapide alternd schreitet sie auf das Morgengrauen zu und bricht als uralte Frau tot zusammen.
Was sagen wir dem Gott des Todes?
Dass der ultimative Gegenspieler der Tod persönlich ist und der Tod mit der Dunkelheit im Bunde steht, ist eins von den großen, universell verständlichen Erzähl-Konzepten. Die lange Nacht nimmt das ganz ernst und ganz wörtlich: es ist 82 Minuten lang stockduster. Wie es eine Winternacht vor Erfindung des Lichtschalters eben ist. Licht kommt von Feuer, Fackeln, Kerzen. Die haben nur die Sympathieträger. Die Gegner brauchen kein Licht, um zu kämpfen, und sie haben die Nacht auf ihrer Seite. Das gibt dem uralten Fantasy-Prinzip „Licht gegen Finsternis“ mal eine ganz andere Dynamik. Denn wer hier nur mit einem Schwert und gutem Willen antritt, der hat wenig Chancen, der stolpert orientierungslos durch Kampfgetümmel im Halbdunkel. Tatsächlich etwas bewirken und dabei gut aussehen tut nur der, der Feuer einsetzen kann. Das rückt ganz andere Figuren in den Vordergrund, etwa die Feuermagierin Melisandre, die die Schwerter der Dothraki in Brand setzt. Und natürlich die feuerspeienden Drachen. Aber Feuer kann auch verlöschen. Dunkelheit nicht. Deshalb sind alle Versuche, Licht ins Dunkel zu bringen, nur von kurzer Dauer. Der Blick über die dunkle Ebene, wo die Lichtpünktchenwelle der angreifenden Dothraki von der Finsternis verschluckt wird, hat auf jeden Fall das Prädikat episch verdient. Und von da an ist es eine verlorene Schlacht für das Licht, egal, wo es aufflammt, die Dunkelheit rückt vor. Wie gut, dass ein kurzer, überraschender Boss-Kampf die Schlacht entscheidet, nach Punkten lag die Dunkelheit klar vorn. Zum Anschauen ist das streckenweise anstrengend, dafür überzeugt das konsequent umgesetzte Konzept.
Nicht heute!
Wer sich angesichts dieses epischen Untergangsszenarios Sorgen macht, dass Lieblingscharaktere die Folge nicht überleben, weil sie einen jähen, unerwarteten Game of Thrones-Tod sterben, der kann am Schluss aufatmen, denn die allermeisten Sympathieträger haben zumindestens bis nächste Woche überlebt. Namenlose Tote gibt es im Verlauf der Schlacht natürlich jede Menge, fast alle Dothraki, viele Unbefleckte, Wildlinge, Nordmänner. Aber von den vielen Figuren, die in Folge 1 und 2 dieser Staffel ihre „famous last words“ sprechen durften, werden sehr sorgfältig nur einige Randfiguren ausgewählt. Nur solche, deren Geschichte zum Ende erzählt ist oder die für den weiteren Verlauf unerheblich sind. Deren Tod schon ein wenig zu Herzen geht, aber nicht zu sehr. Und keiner wird abrupt aus dem Leben gerissen, außer Edd Tollett, der mitten im Dialog von einer Untotenwaffe durchbohrt wird. Damit Sam einen ordentlichen Schrecken kriegt. Für alle anderen wird ein stimmiger Abgang gebaut: Die kleine Lady Mormont stirbt den Heldentod, in einer Szene, die sich großzügig bei Attack on Titan bedient. Jorah Mormont stirbt für die Liebe, Theon Graufreud stirbt als Buße für seine Sünden. Beric Dondarrion erfüllt seine Bestimmung. Offenbart jedenfalls Melisandre, die glaubt, dass alle Figuren ihrer Bestimmung folgen müssen. Und darum passenderweise auch selber in den Tod geht, weil sie ihr Schicksal schon kennt. Was sie geradezu zur Schutzheiligen aller Drehbuchautoren macht, die ihren Figuren Bestimmungen und Schicksale schreiben. Insgesamt eine sehr weiche Landung, wie sie Game of Thrones-Fans eigentlich nicht schätzen, die wünschen sich eher eine härtere Gangart.
Meinung
Nachdem zweimal 55 Minuten Charaktermomente schon mehr waren als die Sehgewohnheiten eigentlich vertragen, sind 82 Minuten Kampf im Dunkeln eine Tour de Force, für die es schon deshalb Punkte gibt, weil eine Fernsehproduktion sich das überhaupt getraut hat. Extrapunkte, weil man zwar sieht, wie Kämpfe im Dunkeln Durcheinander und Verwirrung stiften, der Ablauf selbst aber glasklar bleibt. Minuspunkte für die Untoten-Armee, die mir wieder einmal bestätigt hat, dass Zombies langweilig sind. Nun mag ich Zombies generell nicht, aber jeder kurze Blick, den ich in The Walking Dead geworfen habe, hat mir immer das Gefühl gegeben, dass Zombies vielleicht doch sehenswert sein könnten, wenn ich ihnen nur eine Chance gönnen würde. Hier ist es genau andersherum: Aus Sympathie zu Game of Thrones Zombies 82 Minuten lang eine Chance gegönnt. Fazit: ich hab’s doch immer schon gewusst. Kein Hirn, keine Persönlichkeit, zu blöd für jeglichen Plot Twist und der Unterhaltungswert von purem Gemetzel hat seine Grenzen. Minuspunkte auch für das vorsichtige Verteilen der Todesfälle. Alles entbehrliche Nebenfiguren, während die Hauptfiguren die ganze Nacht Plot Armour tragen. Alles sehr ordentlich aufgebaut, kein Schockmoment dabei. So gar nicht wie man Game of Thrones eigentlich kennt. Großer Pluspunkt aber dafür, dass die Schlacht um Winterfell nicht das Finale ist. Das sieht ganz nach einem Showdown von Daenerys gegen Cersei aus, und Sansa hat noch einmal angedeutet, dass sie nicht auf Daenerys‘ Seite steht, Rettung von Winterfell in oder her. Schön, dass die letzten drei Folgen noch einmal Spannung versprechen.
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