Kino’s Journey -the Beautiful World- the Animated Series (Folge 8)

Kino und Hermes machen diese Woche Pause und überlassen Shizu, Riku und Tii das Rampenlicht. Die achte Folge von Kino’s Journey -the Beautiful World- the Animated Series dockt als direkte Fortsetzung an die Geschehnisse aus dem Schiffsland der vierten Folge an.

Nachdem Shizus Wunden vom Stand nach Verlassen des Schiffslands verheilt sind, macht sich das Trio auf ins nächste Land. Shizu ist weiterhin auf der Suche nach einem Ort, an dem er sich niederlassen möchte. Dieses Land ist ist friedlich, alle Menschen freundlich und die Einwanderungsprozeduren simpel. Doch wo es Licht gibt, gibt es immer auch Schattenseiten. Diese werden jedoch in diesem Land einzig und alleine historischen elektromagnetischen Wellen zugeschrieben…

Ein Land der Schuldlosen

Dieses Land wartet mit einem interessantem Gedankenkonstrukt auf: Was passiert, wenn alle böse Taten in der Verantwortung einer höheren Macht liegen, derer man sich nicht entziehen kann? Selbst, wenn jemand ein Massaker veranstaltet, ist er kein Täter, sondern immer noch nur Opfer von etwas, das einer Naturkatastrophe gleicht. Schuldlosigkeit bedeutet dort jedoch nicht, dass das Handeln nicht ohne Konsequenzen bleibt. Verbrecher werden als Kranke weggesperrt und isoliert behandelt und sind damit nicht mehr Teil der sichtbaren Gesellschaft. Die Lebensqualität der normalen Menschen ist einerseits ohne Frage höher: Nie muss man das Böse im Nächsten fürchten. Der Glaube an das Gute im Menschen ist absolut. Keine Zwietracht, Missgunst oder Ketten des Hasses zwischen Menschen. Andererseits haben sie jedoch immerzu zu fürchten, dass die böse Besessenheit durch die elektromagnetischen Wellen sie selbst heimsucht und sie gegen den eigenen Willen zu Verbrechen gezwungen werden. Diese Angst wollten die Menschen aus dem Land durchaus loswerden. Als Shizu sich bereit erklärt, den Sendeturm zu zerstören, erwarten sie voller Antizipation seine Rückkehr. Doch der Turm war, wie von Shizu erwartet, schon längst außer Funktion. Eine Tatsache, die für das Land nicht zu verdauen ist, da sich die Bewohner eingestehen müssten, in der Vergangenheit gravierende Fehler begangen zu haben und ihr Glaube an die gutwilligen Bürger nicht mehr perfekt wäre. Die unmittelbare Reaktion ist das Leugnen der neuen Erkenntnis und das Entfernen der Fremdkörper aus der Gesellschaft. Der Erhalt von Status Quo. Doch Shizu belässt es nicht dabei. Als Abschied hinterlässt er den Polizeichef mit der Saat des Zweifels: Die Behauptung, dass durch einen voll aufgedrehten Sendeturm alle im Land binnen eines Tages in den Wahnsinn getrieben würden, ist eine blanke Lüge, die schließlich nicht zutreffen kann. Doch selbst, wenn er sich Wahrheit eingestehen würde, was kann ein einziger Mensch verändern? Hätte es für die Bürger vielleicht einen Unterschied gemacht, wenn Shizu den Turm gesprengt hätte, wie es von den Bewohnern des Lands ursprünglich geplant war? Sie wären von der Angst befreit worden, einen bösen Befehl zu bekommen, doch früher oder später wäre es wieder zu blutigen Vorfällen gekommen. Denn, wie Shizu es aus Erfahrung weiß, wenn Menschen zusammenleben, kommt es auch zu Ausbrüchen von Gewalt. Wie wäre das Land mit seiner einfältigen Gutgläubigkeit damit dann umgegangen? Wäre es in Chaos und Anarchie versunken? Oder hätten ein paar kluge Köpfe einen neuen falschen Turm aufgestellt?

Und eine große Portion Tii

Das letzte Drittel der Folge ist ein Tag, den Tii und Riku alleine verbringen, während Shizu Geld verdienen geht. Doch auch schon davor macht Tii sich bemerkbar. Die berüchtigten Kanonen, mit denen auf Vögel geschossen wird, werden hier durch Granaten ersetzt. Tii ist hinreichend weltfremd und muss noch einiges lernen, doch zumindest Shizu und Riku hat sie als Kameraden erkannt. Ein ruhiger Ausklang zum Abschied aus dem Land, dass einen eher bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Für einen Augenblick dachte ich bei der Tankstelle, dass da ein Zombie über die Straße torkelt. Ob diese Präsentation wohl Absicht war? Die Straße wirkt in der Szene auch plötzlich so furchtbar dystopisch menschenverlassen. Im ersten Moment laufen an der Tankstelle  Menschen vorbei, im nächsten sind, wenn man genauer hinschaut, nur vereinzelte Menschen vage im Hintergrund zu erkennen, die aber genauso auch Wachspuppen sein könnten und im folgenden Hintergrundbild sind auch diese verschwunden. Sonstige kuriose Highlights bestehen aus den Pizza, Croissant und Marmelade essenden Hundmomenten. Riku hat wieder die besten Gesichter von Sprachlosigkeit. Aber Shizu hat sogar auch einen treffenden Ausdruck (siehe Titelbild). Wenn er ihn nur auch einmal auf sich selbst anwenden würde… Wenn man es genau bedenkt, sind Shizu und Tii schon irgendwie wandelnde Naturkatastrophen. Tii ist ja eine Sache, sie weiß es nicht so wirklich besser, aber ein Mädchen, das ohne zu fackeln Granaten um sich schwingt… sollte man wohl nicht verstimmen. Aber sie ist zumindest noch ein lernfähiges Kind. Viel gefährlicher finde ich da schon Shizu. Er meint es alles nur gut, keine Frage, aber nichts ist unheilvoller als jemand, der Katastrophen verursacht, dabei aber der inneren Überzeugung folgt das Richtige zu tun und sich nicht davon abbringen lässt. Er zeigt nicht die geringste Absicht, irgendwas an sich selbst zu verändern. Wenn es nicht passt, dann weiter mit der Reise, solange bis sich ein Ort findet, wo er sich, wie seinen Vorstellungen entspricht nützlich machen kann und dafür gefeiert wird. Der Mann ist talentiert, gebildet und stark, aber in seinem Wertesystem vollkommen verklemmt und absolut nicht anpassungsfähig an andere Sichten und Systeme. Ihm fehlt gar jede Vorstellung davon, sodass er selbst die offensichtlichsten Anzeichen ignoriert. Beim Schiffsland hat er die Menschen schon vollkommen falsch eingeschätzt, obwohl sie ihm klar gesagt haben, dass sein Einmischen nicht erwünscht ist. Auch in diesem Land hätte er es besser wissen zu müssen. Doch auch diesmal lernt er nichts dazu. Anstatt sich damit zufrieden zu geben, dass sich die Menschen des Landes verzweifelt an ihren Gutglauben klammern, um nicht durchzudrehen, muss er dem Polizeichef seine Ansichten als unerwünschtes Abschiedsgeschenk unter die Nase reiben. Was er damit bewirkt, ist effektiv das Leben dieses Mannes zu zerstören. Er ist einer derer, die sich sich am verzweifeltesten an den Glauben des Sendeturms mit seinen bösen Wellen klammerte. Selbst wenn er durch diese Lüge die Wahrheit erkennt, ist er der Einzige, der die Erkenntnis erlangt. Den Rest seines Lebens kann man sich leicht ausmalen: Er wird vor dem Zwiespalt stehen, ob er den Glauben eines Volkes in seine Geschichte und Menschen zerstört oder die niederschmetternde Erkenntnis für immer für sich behalten zu müssen. Für beides besitzt er weder den Charakter, noch das Format, sodass er über kurz oder lang selbst in einer Quarantänebehandlung landen wird. Einerseits, weil er mit seinem schwachen Nerven sicherlich die grausame Wahrheit hinunterschlucken und normal weiterleben könnte und eher darüber den Verstand verliert. Andererseits weil das Land absolut nicht lange fackelt, Menschen, die aus der Norm fallen zu isolieren. Bittere Ironie gibt der Grund, warum Shizu ihm das antut: Als er die Lüge erzählt. spricht aus seinem Gesicht nur Verachtung für den Mann, der es sich einfach macht, alles bloß auf die Radiowellen zu schieben. Ja, der Mann, wie sein ganzes Volk, drückt sich vor der Verantwortung für das eigene Handeln. Aber Shizu selbst macht eigentlich auch nichts anderes. Im Schiffsland überließ er die Menschen ihrem Schicksal, nachdem er dessen im Schatten schützenden Herrscher aus der Welt schaffte und auch sein eigenes Heimatland mit dem Kollosseum, das sein eigener Vater verbrochen hat, hat er einfach hinter sich gelassen. Wäre das nicht der Ort gewesen, an dem er sich hätte nützlich machen können? Sowohl das Handeln von Kinos Meisterin als auch Kino selbst ist nicht gefeit von solchen gelegentlichen Grausamkeiten (man erinnere sich, Erstere hat in der letzten Folge zig Männer in eine Gehbehinderung geschickt), aber sie inszenieren sich zumindest nie selbst als Ritter der Gerechtigkeit oder Erlöser.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben sich verständigt zu bekommen vertreibt sie sich gerne die Zeit mit dem Lernen verschiedener Formen von Sprachen – Wofür sie offenbar aber kein besonders großes Talent zu haben scheint.

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