Alcatraz – Eine Legende (Teil 2)

Die Inschrift eines Bildes im Museum von Alcatraz lässt beim Lesen schon eine Ahnung aufkommen, um was für ein Klientel es sich bei den Gefangenen gehandelt haben dürfte, die dort von 1934 bis 1963 einsaßen: „Break the rules and you go to prison, break the prison rules and you go to Alcatraz“. Richtig, es waren die unverbesserlichsten Schurken der damaligen Zeit: Zuhälter, Schmuggler, Dealer, Räuber, Mörder, Bandenbosse, sogar ein deutscher Spion wird in der Gefangenenliste geführt. Ihre Namen sorgten in der amerikanischen Bevölkerung für Angst und Schrecken, und für die normalen Gefängnisse waren sie untragbar.

Resozialisierung? Nein, danke!

Die Gefängnisinstitution in Alcatraz war nicht dazu gedacht, Gefangene auf ein Leben jenseits der Gefängnismauern vorzubereiten. Sollten sich für die Kriminellen je die Gefängnistore in Richtung Festland öffnen, dann nur, um in ein normales Gefängnis verlegt zu werden; von Freiheit konnten sie nur träumen. Alcatraz war nicht nur äußerlich ein Fels in der Brandung, auch das Personal entpuppte sich als hart, gnadenlos und unbestechlich. Es gab einen Wärter auf drei Insassen, die Überwachung verlief lückenlos und mit kleinen Tricks wurde die Ordnung stabilisiert. So gab es nur in diesem Hochsicherheitsgefängnis warmes Duschwasser, um das kalte Meerwasser noch abschreckender wirken zu lassen, und das ausgezeichnete Essen zu den Mahlzeiten sollte Spannungen zwischen den Gewalttätern vermindern.

Ein Bandenboss gibt auf

Die unerbitterliche und vor allem unbestechliche Führung in Alcatraz war besonders für Alphonse Gabriel „Scarface“ Capone etwas völlig Neues. Schon in Jugendjahren in der kriminellen Szene Brooklyns tätig, gelang es dem politisch engagierten Gangster zunächst, in der Öffentlichkeit als moderner Robin Hood gefeiert zu werden. Das aber endete mit dem Mord an einem Staatsanwalt, der sich zu sehr für die zwielichtigen Geschäfte des charismatischen „Scarface“ interessierte. Die öffentliche Meinung änderte sich, auch wenn die Staatsanwaltschaft aufgrund der dünnen Beweislage untätig bleiben musste. Zum Verhängnis wurde Capone das St. Valentines Day Massacre, eine blutige Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Bande. Al Capone wurde zunächst im Bundesgefängnis von Atlanta inhaftiert, wo er sich unverzüglich seine hervorragenden Kontakte zunutze machte und ein luxuriöses Gefangenenleben führte. Um das zu unterbinden, wurde er 1934 nach Alcatraz verlegt. Und hier endlich stieß der Gangster an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Weder Drohungen noch Bestechungsversuche fruchteten, und letztendlich erklärte der Bandenboss sich als besiegt. Nach viereinhalb Jahren wurde er nach Kalifornien zurückverlegt und saß seine Reststrafe im Terminal Island Prison ab.

Trügerischer Name

George „Machine Gun“ Kelly wuchs als George Kelly Barnes in einer wohlhabenden Familie unter normalen Umständen auf und besuchte die Universität, bevor er sich sich Hals über Kopf verliebte, heiratete, die Uni verließ, verschiedene Jobs ausprobierte und sich dann während der Prohibition dem Alkoholschmuggel zuwandte. Nach einigen Verhaftungen verließ er Memphis und legte sich den Namen George R. Kelly zu. Seine kriminellen Aktivitäten endeten 1933, als er zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Nachdem er im Bundesgefängnis Leavenworth, Kansas, mehrmals mit seinem bevorstehenden Ausbruch geprahlt hatte, wurde er 1934 nach Alcatraz überwiesen. Erst 1951 kam er zurück nach Leavenworth und starb dort drei Jahre später an einem Herzinfarkt. Seinen Spitznamen „Machine Gun“ verdankte er seiner Frau, die ihn in den Untergrundkreisen bekannt machen wollte; er selber benutzte fast nie ein Maschinengewehr.

Staatsfeind Nummer 1

Alvin „Creepy“ Carpis hatte bereits ein beachtliches kriminelles Vorleben vorzuweisen, als er mit Fred Barker gemeinsam die Karpis-Barker-Gang gründete. Die Bande widmete sich vor allem Banküberfällen und Entführungen, wobei sie sich stets durch ein Übermaß an Brutalität auszeichnete. Zum Verhängnis wurde Carpis die erfolgreiche Entführung eines Bankiers, dessen Familie eng mit dem damaligen Präsidenten Roosevelt verbunden war. So landete Carpis – gemeinsam mit Fred Barker – zunächst als Staatsfeind Nummer 1 offiziell auf dem ersten Platz in der Top Ten des FBI und nach einigen weiteren Missetaten 1936 ohne Umwege direkt in Alcatraz, wo er bis 1962 einsaß, die längste Zeit, die je ein Gefangener in dieser Institution verbracht hat. Im Zuge der Räumung von Alcatraz wurde Carpis ins McNeil-Island-Staatsgefängnis im Bundesstaat Washington überführt. Dort saß er noch vier Jahre ab, bevor er entlassen und nach Kansas abgeschoben wurde. 1979 starb Carpis in Spanien, wahrscheinlich an einer Überdosis Schlaftabletten.

„Birdman“

Der psychopathische Mörder Robert Franklin Stroud verbrachte insgesamt 54 Jahre seines Lebens im Gefängnis, davon 43 Jahre in Einzelhaft. Er saß zunächst auf McNeil Island im Bundesstaat Washington und dann dreißig Jahre in Einzelhaft im Leavenworth Bundesgefängnis in Kansas ein, bevor er aufgrund seiner Brutalität gegenüber Mitgefangenen und Personal nach Alcatraz verlegt wurde. In Leavenworth hatte Stroud sein Interesse an Kanarienvögeln entdeckt und sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Leider hatte er die Privilegien seiner Forschungsarbeit dafür ausgenutzt, einen Destillierapparat zu bauen, um seiner Drogensucht nachkommen zu können, und das brachte ihm die Verlegung nach Alcatraz ein. Hier verlor er nicht nur das Recht, seine Vogelforschung weiter zu betreiben, er lebte sechs Jahre im unmenschlichsten Zellenblock des Gefängnisses, in Block D, in Einzelhaft. Nach 17 weiteren Jahren wurde er ins Medical Center für Bundesgefangene in Springfield, Missouri, verlegt und starb dort 1963. Die Schließung von Alcatraz im selben Jahr erlebte er noch mit, den Film Der Gefangene von Alcatraz mit Burt Lancaster, der 1962 nach seiner Geschichte gedreht wurde, durfte er sich nicht ansehen. Und kein Gefangener hat je eine längere Zeit in Einzelhaft verbracht.

Der deutsche Spion

Selten hat sich ein Spion derart unbeholfen angestellt wie Erich Gimpel, und noch seltener dürfte einer am Leben geblieben sein. Erich Gimpel hatte Pech, als er einem Komplizen vertraute, der wenig vertrauenswürdig war, und nach seiner Verhaftung Glück, dass sein Todesurteil ausgesetzt wurde, weil aufgrund des Todes von Präsident Roosevelt Staatstrauer herrschte, während der es keine Vollstreckungen gab. Gimpel wurde 1945 in Alcatraz inhaftiert, nach zehn Jahren begnadigt und nach Deutschland abgeschoben. Sein Weg aus Alcatraz heraus führte ihn tatsächlich in die ersehnte Freiheit. Mit der Unterstützung von Will Berthold verfasste Gimpel das Buch Spion für Deutschland, in dem er seine Abenteuer erzählt.

Hilflose Gesellschaft

Wegsperren und hart anfassen, das war Amerikas Antwort auf seine ungebändigten kriminellen Elemente. Und auf Alcatraz konnte dieser Gedanke unter den besten Bedingungen durchgeführt werden. Hier wurden die Männer, die sich nichts und niemandem unterordnen wollten und in ihrer Brutalität unbeherrschbar waren, den Augen der Öffentlichkeit entzogen, ihrer Menschenwürde beraubt und unbarmherzig in ein strenges Reglement gepresst. Geändert hat sich niemand von ihnen, und als Abschreckungsmittel hat Alcatraz auch nicht viel gebracht. Letztendlich entsteht eher der Eindruck, dass es sich hier eher um eine „Auge um Auge, Zahn um Zahn“–Mentalität handelt und Stärke demonstriert wird, die letztendlich aber nur neue Konfrontationen hervorruft. Und so perfekt ein Gefängnis auch sein mag, es wird immer Menschen geben, die daraus ausbrechen. Mehr davon in Teil 3 dieser kleinen Reihe.

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